US-Polizei wollte Proteste mit Strahlenkanonen beenden 

tafi

18.9.2020 - 19:11

Die Polizei in Washington D.C. war am 1. Juni zu allem bereit, um US-Präsident Donald Trump den Weg freizuräumen.
AP Photo/Alex Brandon

Um US-Präsident Donald Trump den Weg zu seinem berüchtigten Bibelfoto freizuräumen, war die Polizei in Washington zu drastischen Massnahmen bereit. Protestierende sollten mit einer umstrittenen Hitzekanone vertrieben werden.

Es hätten Szenen aus einer Dystopie werden können, wenn es nach der Polizei in Washington D.C. gegangen wäre. Die Beamten wollten – damit US-Präsident ein Bibelfoto vor einer Kirche machen konnte – am 1. Juni 2020 eine friedliche Demonstration im Lafayette Park unweit des Weissen Hauses räumen.  Dafür haben sie offenbar den Einsatz von umstrittenen Strahlenkanonen erwogen. 



Berichte über den Versuch der Polizei, Trumps Weg zu dem Wahlkampftermin mit den aus ethischen Gründen und Sicherheitsbedenken bislang geächteten Waffen freizuräumen, gibt es seit einigen Tagen, unter anderm in der «Washington Post». Die Militärführung hatte sie stets mit dem Hinweis kommentiert, dass es sich um eine ganze normale Anfrage gehandelt habe, um alle Möglichkeiten abzuklären, wie die «gewaltsamen Proteste» aufgelöst werden können.



«National Public Radio» (NPR) hat nun auf seiner Website ein Schreiben  veröffentlicht, in dem Adam DeMarco, ein Offizier der National Guard, bestätigt, dass es eine entsprechende Anfrage von der Polizei gegeben habe. Weil seine Enthüllungen Zündstoff bergen, beruft sich DeMarco auf ein Gesetz zum Schutz von Whistleblowern.

«Als würde man verbrennen»

Seine Aussagen widersprechen den Behauptungen der Regierung, dass die Demonstranten gewalttätig waren, dass niemals Tränengas eingesetzt wurde und dass die Demonstranten aufgefordert worden seien, den Park zu verlassen – eine gesetzliche Vorschrift, bevor die Polizei eine Menschenmenge räumen kann.

Laut DeMarco habe die Polizei zwei verschiedene Arten von Strahlenkanonen angefragt. Die Akustikwaffe «Long Range Acoustic Device» (LRAD) kann durchdringenden Lärm in ohrenbetäubender Lautstärke ausstrahlen. Noch gefährlicher ist eine Art Hitzekanone, die mit Mikrowellenfrequenz arbeitet und auf der Haut ein Gefühl auslöst, als würde man verbrennen.



Das US-Militär verfügt seit etwa 20 Jahren über dieses «Active Denial System» (ADS), wie die «Washington Post» berichtet. Seit 2001 habe das Militär alle paar Jahre Reporter eingeladen, sich von der Wirksamkeit der nicht-tödlichen Waffe zu überzeugen. Die Journalisten, die sich dem Hitzestrahl aussetzten, kamen alle zur gleichen Schlussfolgerung: Die Waffe ist brutal schmerzhaft, was auch Talkmaster Stephen Colbert in seiner «Late Night» thematisierte.

Im vergangenen Monat hatte die «New York Times» berichtet, dass US-Grenzbeamte einige Wochen vor den Wahlen 2018 den Einsatz des so genannten Hitzestrahls gegen Migranten erwogen haben. Die damalige Heimatschutzministerin Kirstjen Nielsen hätte nach dem Treffen gesagt, dass sie «den Einsatz eines solchen Gerätes niemals genehmigen würde und dass es nie wieder in ihrer Gegenwart zur Sprache gebracht werden solle».

Umstrittene Waffe angefordert

Doch den Einsatz genau dieser Waffe habe der leitende Militärpolizist des Verteidigungsministeriums in Washington laut DeMarco am 1. Juni in Betracht gezogen. DeMarco habe die entsprechende Anfrage etwa eine halbe Stunde später beantwortet, und der Polizei mitgeteilt, dass «Nationalgarde weder im Besitz eines LRAD noch eines ADS sei».



Die Protestierenden im Lafayette Park wurden schliesslich in einem viel kritisierten Einsatz brutal mit Tränengas, Pfefferspray und Blendgranten vertrieben. Das ist weniger dystopisch als vielmehr traurige Normalität.

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