Neue Realitäten in SyrienDschihadisten an der Macht – die USA lavieren, Putin ändert den Ton und Israel schafft Fakten
Von Philipp Dahm
10.12.2024
Israel will strategische Waffensysteme in Syrien zerstören
Diese Aufnahmen sollen eine Explosion am Hafen von Latakia zeigen. Die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete am Montag, israel habe die syrische Mittelmeerstadt angegriffen. Eine unabhängige Überprüfung der Angaben war nicht möglich. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte am Montag, man ergreife alle nötigen Massnahmen, um Israels Sicherheit mit Blick auf die neue Situation in Syrien sicherzustellen.
10.12.2024
Abu Muhammad al-Dschulani und seine islamistische HTS sind die neuen stärken Männer in Damaskus. Der Anführer steht auf der US-Terrorliste, doch das könnte sich bald ändern. Auch Russland geht auf die Dschihadisten zu. Israel hingegen nicht.
Die islamistische HTS und ihr Anführer Abu Muhammad al-Dschulani kontrolliere Damaskus und andere wichtige Städte.
Al-Dschulani steht seit 2013 auf einer US-Terrorliste: Nun wird in Washington diskutiert, ob man ihn von dieser streichen könnte.
Auch Moskau ändert den Kurs: Russland nennt die HTS nicht mehr «Terroristen», sondern «bewaffneter Widerstand».
Der Kreml muss verhandeln, um eine letzte Chance zu wahren, die Basen in Syrien zu halten, sind sich Experten einig.
Israel geht wegen der Dschihadisten auf Nummer sicher: Jerusalem hat bereits über 300 Luftangriffe in Syrien geflogen und rückt angeblich auch am Boden vor.
Es ist die Hai'at Tahrir asch-Scham, die die jüngste Offensive in Syrien angestossen hat, und es ist auch die HTS, die elf Tage später in Damaskus einzieht. Ohne diese Gruppe, die verschiedene islamistische Milizen zusammenfasst, wäre Baschar al-Assad nicht gestürzt worden.
Es versteht sich, dass HTS-Anführer Abu Muhammad al-Dschulani nun ein gefragter Mann ist. Tatsächlich interessieren sich die USA schon lange für ihn: Informationen, die zu seiner Ergreifung führen, sind Washington satte zehn Millionen Dollar wert, denn 2013 hatte das Aussenministerium den Mann auf die Liste der globalen Terroristen gesetzt.
USA Why does your government support an ISIS terrorist in #Syria, while it has classified him as a terrorist and offered a reward of ten million dollars for anyone who provides information about him, namely Abu Muhammad al-Julani?🤭 pic.twitter.com/57tL8wJAzV
Der Grund für das Kopfgeld: Al-Dschulani hat sich laut den USA an «mehreren terroristischen Angriffen in Syrien» beteiligt, hat Kurden gekidnappt und Drusen massakriert. Er habe Al-Kaida die Treue geschworen und sei ein Hardliner, heisst es weiter.
Nehmen die USA al-Dschaulani nun von der Terrorliste?
Nun hat ebendieser Gesuchte mit seinen Leuten Damaskus erobert. Washington wird erleichtert zur Kenntnis nehmen, dass sich al-Dschulani seit Beginn der Offensive gemässigt zeigt. Schon bei der Einnahme Aleppos gab es kaum Probleme mit den Dschihadisten: Die Christen konnten Gottesdienste abhalten und Weihnachten vorbereiten. Auch in Damaskus hat er nun angeblich seine Leute angehalten, sich zu benehmen.
It seems that HTS has just prohibited its members from interfering in women’s outfits & looks “including asking them to cover up”! The statement also confirms that personal freedom is a guaranteed right! I am astonished. #Syriapic.twitter.com/S2TqD64KtN
Joe Bidens Regierung will der Realität auf syrischem Boden auf ihre letzten Tage hin ins Auge sehen: «Es gibt ein grosses Gerangel, um zu sehen, ob, wie und wann wir HTS von der Liste streichen können», sagt dazu eine anonyme Quelle zu «Politico». Der Präsident, aber auch der Aussenminister könnten den Namen ohne Weiteres von der Liste streichen, heisst es weiter.
Natasha Hall vom Center for Strategic and International Studieserinnert daran, dass die HTS «zuvor tatsächlich den sogenannten Islamischen Staat bei vielen Auseinandersetzungen im östlichen Syrien bekämpft» habe. Das dürfte mit ausländischen Mächten koordiniert worden sein, glaubt die Nahost-Expertin.
Russland: Ganz neue Töne
Auch Moskau muss sich auf die neuen Verhältnisse einstellen – und Wladimir Putin hat viel zu verlieren. Weil der Kreml stets an Assad festgehalten hat, gilt Russland neben dem Iran jetzt schon als grosser Verlierer des Umsturzes.
NEW: Former Air Force pilot and one of Russia's most renowned war correspondents, Captain Ilya Tumanov:
▪️ “We are leaving Syria. Preparations for the withdrawal of equipment have begun.” ▪️ “Syria is over. The Turks took Syria without a fight.” ▪️ “It looks like we have reached… https://t.co/RyRzsr9kJL
Die Islamisten sind da: Ein Kämpfer macht am 6. ein Selfie vor einem Regierungsgebäude in Hama.
Keystone
Dass ein Umdenken stattgefunden hat, verrät die Sprache: Während die Rebellen vor dem 8. Dezember von Russland noch als «Terroristen» bezeichnet wurden, firmieren sie seit dem Fall von Damaskus unter dem Titel «bewaffnete Opposition».
Ein früherer russischer Diplomat meint, dass Putin die Sache pragmatisch angehen wird: «Moskau zieht es vor, mit denen zu verhandeln, die Macht und Kontrolle haben», erklärt Nikolai Sokov im «Guardian». «Ich nehme an, Russland will seine Basen durch Verhandlungen halten, wenn es kann», ergänzt Dara Massicot von der Carnegie Endowment for International Peace.
Putin’s Syria setback threatens key Russian military bases and its maritime link to Africa https://t.co/bQA1acY2mv
«Ressourcen, die sie anbieten können: Geld, Naturalien, Öl und Gas, eine begrenzte Anzahl von Söldnern», führt Massicot aus. «Die Frage ist, ob die syrische Koalition etwas von ihnen annehmen würde.» Die wird die Angriffe der russischen Luftwaffe nicht vergessen haben: Dem Kreml stehen schwierige Gespräche bevor.
Israel: Wie weit geht Jerusalems Pufferzone?
Während die USA und Russland versuchen, sich mit der neuen Lage zu arrangieren, will Israel ob der militärischen Erfolge der Dschihadisten kein Risiko eingehen. Seit dem Fall von Damaskus bombardiert Jerusalems Luftwaffe Ziele wie Assads Chemiewaffenfabriken und Waffenlager, aber auch die Hauptstadt selbst.
🇮🇱🔥🇸🇾 Israel launched airstrikes on Damascus, where Iranian missiles are believed to be being developed.
❗️Also, after the Israeli Air Force strikes, a block of government buildings is burning, including customs and intelligence. Some airfields have also been attacked. pic.twitter.com/sk6c8bY8jF
Fotos, die in sozialen Medien kursierten, zeigten zerstörte Raketenabschussvorrichtungen, Helikopter und Kampfflugzeuge. Seit dem Machtwechsel soll Israel allein 310 Luftangriffe geflogen haben: Dabei dürften auch Kämpfer der HTS ins Visier geraten sein. Doch auch am Boden erstreitet sich Israels Armee offenbar Boden: Von den Golanhöhen aus richtet sie offenbar einen Korridor an der Grenze zum Libanon ein.
Israel selbst hat Meldungen widersprochen, nach denen israelische Panzer in der Nähe von Damaskus stehen. Ein Militärsprecher schrieb auf X, Berichte über israelische Streitkräfte, die sich der Hauptstadt näherten, seien «komplett falsch». Die Türkei hat dennoch den Vorstoss des israelischen Militärs auf syrisches Staatsgebiet scharf kritisiert.
Von den Golanhöhen aus errichtet die israelische Armee einen Korridor Richtung Norden.
LiveUAMap
Das Vorrücken sei ein Verstoss gegen ein Abkommen aus dem Jahr 1974 über eine Pufferzone innerhalb Syriens, erklärte heute das türkische Aussenministerium. Ankara wirft Israel vor, die «Mentalität eines Besatzers» zur Schau zu stellen – und dies in einer Zeit, in der sich Frieden und Stabilität in Syrien als Möglichkeit abzeichneten. In der Mitteilung unterstrich das Ministerium die Unterstützung der Türkei für die «Souveränität, politische Einheit und territoriale Integrität» Syriens.
Einblick in Assads Palast: Luxusschlitten, Ferienfotos und geheime Fluchttunnel
Etliche Rolls-Royce, Aston Martin und Mercedez Benz: Die Garage des syrischen Präsidentenpalasts strotzt von Luxus. Aufnahmen zeigen zudem wie Baschar al-Assad Anwesen von Damaszenern geplündert wird.