Venezuelas Ex-Geheimdienstchef erhebt schwere Vorwürfe gegen Maduro

Luis Alonso Lugo / AP

7.7.2019 - 13:38

Manuel Cristopher Figuera galt als treuer Gefolgsmann des venezolanischen Präsidenten Nicólas Maduro. Nach gescheitertem Putsch ist der ehemalige General nun in Washington – und hofft weiter auf einen Wandel in der Heimat.
Bild: Jacquelyn Martin/AP/dpa

Persönlich soll der Präsident illegale Aktionen gegen politische Gegner angeordnet haben. Das behauptet einer, der lange eng an dessen Seite stand. Nach dem gescheitertem Putsch ist der ehemalige General nun in Washington – und hofft weiter auf einen Wandel in der Heimat.

Manuel Cristopher Figuera galt als treuer Gefolgsmann des venezolanischen Präsidenten Nicólas Maduro. Nach einer Kindheit in ärmlichen Verhältnissen schaffte er es bis an die Spitze des venezolanischen Geheimdienstes. Als der Präsident aber anfing, ihn für seine «Schmutzarbeit» einsetzen zu wollen, rückte er nach eigener Darstellung von ihm ab: Er plante den Sturz des Mannes, den er bis dahin fast täglich getroffen hatte. Und ihm zufolge hätte nicht viel gefehlt, und der Plan wäre aufgegangen.

Als einer der prominentesten Überläufer in den zwei Jahrzehnten des venezolanischen Sozialismus will Cristopher Figuera der Welt nun berichten, wie der innerste Machtzirkel in Caracas tickt. Am Dienstag traf er sich mit Elliott Abrams, dem US-Sondergesandten für das lateinamerikanische Land. Wie viel Einfluss der Ex-General in der Heimat noch hat, ist zwar unklar. Fest steht aber, dass er auf höchster Ebene über gute Kontakte verfügt hat – und dass er mit deren Hilfe womöglich Beweise für Korruption und Menschenrechtsverstösse liefern könnte.

«Ich bin wie ein Soldat, der die Flagge falsch herum hisst, um zu zeigen, dass es ein Problem gibt», sagt der 55-Jährige in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AP. «Meine Mission ist jetzt die, Hilfe zur Befreiung meines Landes aus der Schande zu suchen.» Während des Gesprächs in einem Hotel in Washington beschreibt er zum ersten Mal im Detail, wie Maduro persönlich willkürliche Festnahmen und andere Vergehen befohlen haben soll.

Als stellvertretender Leiter des militärischen Abschirmdienstes und später als Direktor des gefürchteten Geheimdienstes Sebin hielt Cristopher Figuera in den zurückliegenden Jahren lange weiter zum Präsidenten, obwohl das Land immer tiefer in den Abgrund rutschte. Er räumt ein, bei einigen der Vergehen selbst eine Rolle gespielt zu haben oder deren Zeuge gewesen zu sein. Unter anderem sei er von Maduro beauftragt worden, die Entschlossenheit des Oppositionsführers Juan Guaidó durch Aktionen gegen Personen aus dessen engstem Umfeld zu brechen, sagt er.

Zunächst habe der Präsident ihn aufgefordert, die Mutter von Guaidó festzunehmen. Als er ihn darauf hingewiesen habe, dass die wegen einer Krebserkrankung behandelt werde, sei stattdessen Roberto Marrero, der Stabschef von Guaidó, ins Visier genommen worden – seit März sitzt Marrero im Gefängnis, wegen des Vorwurfs, er habe eine «terroristische Zelle» angeführt. «Wie kann ich ihn einsperren?», habe er Maduro mit Verweis auf die fehlende rechtliche Grundlage gefragt, sagt Cristopher Figuera. «Er sagte mir: 'Das ist nicht mein Problem. Schiebt ihm Waffen unter. Tut, was ihr tun müsst.'» Und genau das sei dann auch geschehen.

Figuera rechnet mit Vorladung

Er gehe davon aus, dass er wegen seiner «Mitverantwortung» für die Festnahme von Marrero und weiteren Personen eines Tages vom Internationalen Strafgerichtshof als Zeuge vorgeladen werde, sagt der Ex-Geheimdienstchef. Er könne aber mit reinem Gewissen schlafen, da er nie persönlich Folter beauftragt habe oder daran beteiligt gewesen sei. Während seiner sechs Monate an der Sebin-Spitze hätten sich zudem die Zustände in dem berüchtigten Helicoide-Gefängnis verbessert.

Er habe dafür gesorgt, dass die inhaftierten Regierungsgegner öfter als zuvor ihre Anwälte und Ärzte hätten sehen dürfen, sagt Cristopher Figuera. Ausserdem habe er Dutzende Gefangene befreit, die andere Behörden entgegen gerichtlicher Anordnungen zum Teil seit mehr als einem Jahr festgehalten hätten – für deren Freilassung sei zuvor viel Geld verlangt worden. «Das war ein Zentrum von Erpressung und Kidnapping», sagt er. «Ich habe versucht, die Dinge zu verändern, aber es gibt da eine tief verwurzelte Kultur.»

Figuera sieht sich selbst noch immer als Chavist, also als Anhänger des verstorbenen sozialistischen Präsidenten Hugo Chávez.
Sein Verhältnis zu seinen neuen Verbündeten in der venezolanischen Opposition ist daher nicht ganz einfach. Beispielsweise lobt er ausdrücklich die Unterstützung Kubas in seinem Land – und nach seinen Angaben sind nicht 25 000, sondern nur etwa 15 000 Kubaner in Venezuela.

Viele von ihnen seien zudem nicht Sicherheitskräfte, sondern Ärzte, die als Gegenleistung für günstige Öllieferungen geschickt worden seien. «Die Opposition hat keine zulänglichen Informationen», sagt er. «Sie lehnen die Kubaner ab und stigmatisieren sie.»

Anfang April versuchte Cristopher Figuera laut eigener Darstellung, Maduro zu einem Kurswechsel zu bewegen. In einem zweiseitigen Brief habe er ihn aufgefordert, eine neue Wahlkommission zu ernennen und Neuwahlen auszurufen, um angesichts des zunehmenden internationalen Drucks nicht die Oberhand zu verlieren. Sein Schreiben, das der AP als Kopie vorliegt, wurde jedoch ignoriert.

Flucht nach Kolumbien

Nach dem gescheiterten Putsch vom 30. April flüchtete Cristopher Figuera zunächst ins Nachbarland Kolumbien. Zwei Wochen später wurde sein Stellvertreter Jesus García in einem Motel tot aufgefunden. Der Mord sei vermutlich ein Vergeltungsakt gewesen, der ihn zum Stillschweigen bringen sollte, sagt der Ex-Geheimdienstchef.

Bis vor wenigen Monaten galt Cristopher Figuera selbst noch als eine Person, die für Folter und Menschenrechtsverstösse verantwortlich gewesen sein soll und war deswegen mit Sanktionen der USA belegt. Nun will er sein Insider-Wissen über die Regierung von Maduro mit internationalen Ermittlern teilen. «Ich bin teilweise verantwortlich», sagt er gegenüber der AP. «Aber ich konnte nicht einfach eine Waffe nehmen und ihn erschiessen. Ich wollte ihn nicht zu einem Opfer machen.»


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