«Wir müssen Selenskyj beschützen»Vertrauliches Telefonat zeigt, wie sehr Europa den USA misstraut
Julian Weinberger
4.12.2025
Vereint in Skepsis: Der deutsche Kanzler Friedrich Merz (links) und sein französischer Amtskollege Emmanuel Macron misstrauen den USA zunehmend.
Bild: EPA / Filip Singer / Pool
«Sie spielen Spielchen»: Unverhohlen haben EU-Spitzenpolitiker in einer vertraulichen Telefonschalte ihr Misstrauen gegenüber den USA geäussert. Öffentlich klang das zuletzt ganz anders – was ein zentrales Problem Europas offenbart.
«Wir dürfen die Ukraine nicht mit diesen Jungs alleinlassen»: In einer Telefonschalte verliehen Spitzenpolitiker aus der EU ihrem Misstrauen gegenüber den USA unverhohlen Ausdruck.
Besonders der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz und sein französischer Amtskollege Emmanuel Macron griffen zu deutlichen Worten.
Bei einer neuen Verhandlungsrunde zwischen US-Unterhändlern und ukrainischen Vertretern fehlt Europa aber – mal wieder.
Die Fronten zwischen Europa und den USA bleiben verhärtet – und die Gräben verlaufen offenbar noch tiefer als bisher angenommen. Das legen jedenfalls Protokolle einer vertraulichen Telefonschalte zwischen Wolodymyr Selenskyj und mehreren europäischen Regierungschefs nahe, die dem «Spiegel» zugespielt wurden.
Besonders der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz und sein französischer Amtskollege Emmanuel Macron verliehen in dem Telefonat am vergangenen Montag ihrem Argwohn gegenüber den USA unmissverständlich Ausdruck.
«Es besteht die Möglichkeit, dass die USA die Ukraine beim Thema Territorium verraten, ohne Klarheit über Sicherheitsgarantien», befürchtete Macron, der obendrein den ukrainischen Präsidenten Selenskyj in «grosser Gefahr» wähnte.
Merz rät Selenskj, «extrem vorsichtig» zu sein
Dem pflichtete auch Merz bei, der Selenskyj nahelegte, «in den nächsten Tagen extrem vorsichtig» zu sein. Der deutsche Regierungschef verdeutlichte gemäss der Protokolle: «Sie spielen Spielchen, sowohl mit euch als auch mit uns.» Dabei bezog sich Merz allem Anschein nach auf die zuständigen US-Unterhändler Steve Witkoff und Jared Kushner.
Die Mitschrift des Gespräches zeichnet generell ein gegensätzliches Bild zum nach aussen hin stets diplomatischen Auftreten von EU-Spitzenpolitikern auf Pressekonferenzen. Dort lobten EU-Politiker die US-Initiative, Frieden in der Ukraine zu schaffen, immer wieder.
Doch neben Merz und Macron trauen auch andere hochrangige Politiker aus Europa den USA offenbar nicht mehr über den Weg. «Wir dürfen die Ukraine und Wolodymyr nicht mit diesen Jungs alleinlassen», griff Alexander Stubb zu markigen Worten. Dem finnischen Präsidenten wurde bis dato eigentlich ein gutes Verhältnis zu Donald Trump nachgesagt. Nato-Generalsekretär Mark Rutte sah Selenskyj ebenfalls in Gefahr: «Wir müssen Wolodymyr beschützen.»
Élysée ordnet Macrons Äusserungen ein
Auch andere EU-Spitzenpolitiker wie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die italienische Regierungschefin Giorgia Meloni und Polens Ministerpräsident Donald Tusk waren bei dem Telefonat zugegen.
Auf Nachfrage des «Spiegel» wollten die Zitierten ihre Äusserungen nicht bestätigen. Die Schalte an sich aber habe stattgefunden, wie einige Teilnehmenden dem Magazin versicherten.
Am Montag in Paris demonstrierten Wolodymyr Selenskyj (links) und Emmanuel Macron Einigkeit.
Bild: EPA / Teresa Suarez
In Frankreich war man indes um eine Einordnung der vermeintlichen Zitate Macrons bemüht. «Der Präsident hat sich nicht in diesen Worten ausgedrückt», distanzierte sich der Élysée davon, Macron halte einen drohenden Verrat der USA für ein mögliches Szenario. Genauere Ausführungen verweigerte das Präsidialamt aufgrund der Vertraulichkeit der Gespräche.
Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Selenskyj am Montag hatte Macron noch wesentlich optimistischer geklungen. «Es findet eine amerikanische Vermittlung statt, das ist eine sehr gute Sache, sie wird jetzt Druck auf Russland ausüben», hatte Macron dort die vorangegangenen Verhandlungen der US-Unterhändler mit russischen Vertretern gelobt.
Merz wird deutlich: «Keine Entscheidung ohne Europäer»
Ähnlich tönte es aus Deutschland, wo Friedrich Merz an der Seite seines polnischen Kollegen Donald Tusk am Montag vor Medien versicherte, «die transatlantische Gemeinschaft so gut wir nur können zusammenzuhalten». Zudem habe man mit den Nachverhandlungen infolge des von der USA vorgestellten 28-Punkte-Plans «erste Fortschritte hin zu einem ausgearbeiteten Friedensplan» vollzogen, so Merz.
In diesem Zusammenhang unterstrich Merz jedoch auch den Anspruch Europas, mit am Verhandlungstisch zu sitzen: «Keine Entscheidung über die Ukraine und Europa ohne Ukrainer und ohne Europäer, kein Diktatfrieden über die Köpfe der Ukraine hinweg, keine Schwächung oder Spaltung der Europäischen Union und der Nato.»
Die Diskrepanz zwischen öffentlichen Bekundungen und internen Zweifeln offenbart das Dilemma Europas. Einerseits will man den einflussreichen Partner aus den USA nicht verärgern. Andererseits will man aber auch nicht klaglos hinnehmen, dass US-Präsident Donald Trump und seine Vertreter einen Diktatfrieden auf Kosten der Ukraine ausverhandeln. Es ist eine riskante Gratwanderung zwischen Vermittlung und klaren Ansagen.
Erneute Verhandlungen ohne EU-Abgesandte – mal wieder
Folglich scheint der Weg zu gemeinsamen Verhandlungen Europas mit den USA und Russland noch weit. In der Schalte hofften die Teilnehmenden noch darauf, ein Treffen mit den US-Unterhändlern am Mittwoch in Brüssel auf die Beine zu stellen. «Im Moment sind wir draussen», beklagte der finnische Präsident Stubb am Telefon. «Aber wir müssen rein.»
Steve Witkoff durchkreuzte die EU-Pläne jedoch: Er kehrte am Mittwoch direkt aus Moskau in die USA zurück – ohne Umwege über Europa. Zurück in der Heimat steht am Donnerstag ein Treffen von Witkoff und Kollege Jared Kushner mit ukrainischen Vertretern an. Bei den Verhandlungen mit dem ukrainischen Chefunterhändler Umjerow und Generalstabschef Andrij Gnatow fehlen europäische Abgesandte jedoch – mal wieder.