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Überschwemmte Strassen in Cherson, Anfang Juni.
Bild: Libkos/AP
Seit Monaten war das Leben kaum zu ertragen. Die Zerstörung des Kachowka-Staudamms gab vielen Menschen in der Region Cherson den Rest. Doch um auf die andere Seite der Front zu gelangen, müssen sie einen enormen Umweg in Kauf nehmen - ausgerechnet durch Russland.
Die 5000 Kilometer lange Odyssee von Rima Jaremenko endete in Sichtweite des Ausgangspunkts. Sechs Tage reiste die 68-jährige Ukrainerin mit Bussen durch mehrere Länder, nur um das andere Ufer eines Flusses zu erreichen. In ihrer Heimatstadt Oleschky, die vor Beginn des Krieges etwa 25’000 Einwohner hatte, musste sie fast alles zurücklassen. Nun ist sie in der von der Ukraine zurückeroberten Stadt Cherson - ganz in der Nähe und doch eine Welt entfernt.

Da kann man nur noch die Flucht ergreifen – bevor es zu spät ist. Rettungskräfte versammeln sich in Lwiw vor einer von russischen Raketen getroffenen Häuserzeile.
Archivbild vom 07. Juli 2023: Mykola Tys/AP
Jaremenko hatte sich mit dem ständigen Gefechtslärm fast schon arrangiert, 15 Monate nahm sie die Schikanen der russischen Besatzer hin. Sie hing an ihrem Haus und an ihrem geliebten Garten. Doch als Anfang Juni der Kachowka-Staudamm brach, wurde sie plötzlich obdachlos. «Wir wollten nicht gehen. Aber als alles überschwemmt wurde, beschloss ich, dass es keinen Grund mehr gab zu bleiben», sagt sie.
Hunderte weitere Bewohner des Gebiets am östlichen Ufer des breiten Flusses Dnipro begaben sich ebenfalls auf die Reise. An Checkpoints mussten sie harte Befragungen durch russische Soldaten erdulden. Unter anderem führte sie ihr Weg weiter quer durch das russische Kernland, um die Grenzen der EU zu erreichen; über Russland nach Lettland und weiter nach Litauen. Viele gingen weiter nach Polen - und von dort wieder zurück in die Ukraine.
Einige der Geflüchteten berichten nun, da sie ausserhalb der Reichweite der Behörden Moskaus sind, gegenüber der Nachrichtenagentur AP von den Strapazen der umständlichen Reise und von dem vorangegangen Leben unter russischer Besatzung. Einige wollen anonym bleiben oder nur ihren Vornamen nennen, um Angehörige, die sich noch immer auf der anderen Seite der Front befinden, nicht in Gefahr zu bringen.
Die Wassermassen aus dem Stausee sind zwar längst wieder abgeflossen. Aber viele Siedlungen sind stark zerstört und ohne Trinkwasserversorgung. Für einen Wiederaufbau fehlt den Betroffenen oft das Geld. Die Besatzungsbehörden boten ihnen eine Entschädigung von lediglich 10’000 Rubel (etwa 100 Franken). Zugleich haben die Kämpfe in dem Gebiet seit der Zerstörung des Damms, wegen der sich Russland und die Ukraine gegenseitig beschuldigen, deutlich zugenommen.

Auch ein möglicher Atom-Gau in Saporischschja besorgt die Menschen. Im Bild: Ukrainisches Notfallpersonal bei einer Übungen für den Fall eines Auftretens radioaktiver Strahlung.
Bild: EPA
«Mein Haus war unbewohnbar. Alles war mit Schlamm bedeckt. Die Wasserleitungen waren kaputt und schmutzig», sagt die 43-jährige Lana, die am 19. Juni in Oleschky aufbrach und gut eine Woche später in Cherson ankam. Viele Bewohner hatten zunächst gehofft, dass eine rasche Gegenoffensive der Ukraine sie befreien würde. Doch je länger die Offensive auf sich warten liess, desto belastender wurde der Druck, die Besatzer zu akzeptieren und einen russischen Pass anzunehmen.
Die AP sprach mit neun Menschen, die Oleschky in der Zeit vom 13. Juni bis 1. Juli verliessen. Der einzige Weg heraus aus dem von Russland kontrollierten Teil der Region Cherson führte über die Krim. In der Stadt Armjansk, im äußersten Norden der Halbinsel, wurden sie gründlich überprüft - Handydaten wurden ausgewertet, E-Mail-Passwörter eingesammelt. Wer im Verdacht steht, mit den ukrainischen Truppen zusammengearbeitet zu haben, wird an dem Übergang festgenommen.
Manche Menschen könnten allein deswegen nicht flüchten, weil sie ihre Ausweispapiere verloren oder nicht genug Geld hätten, sagt Nelly Isaewa, Leiterin der Organisation Helping to Leave, die Betroffenen aus der Ferne zu helfen versucht. «Junge Leute sind gegangen und Rentner geblieben», sagt die 54-jährige Natalija Skakun, die mit ihrem Mann Serhij aus Oleschky geflüchtet ist und sich in der ukrainischen Stadt Mykolajiw niedergelassen hat.
Eine Frau, die sich noch immer in Oleschky aufhält, sagt der AP, die Besatzer würden inzwischen «noch härter vorgehen als zuvor». Russische Soldaten prüfen ihren Angaben zufolge jetzt auch dann die Papiere der Einheimischen, wenn sie etwa auf den Markt gehen. Sie und ihre Familie würden deswegen kaum noch das Haus verlassen, sagt die Frau. Viele Menschen kämen derzeit mit dem über die Runden, was andere an Vorräten zurückgelassen hätten.
In Armjansk wurde die 50-jährige Alla etwa gefragt, ob sie die «militärische Spezialoperation» Russlands unterstütze, ob sie Kontakte zu den ukrainischen Behörden habe und wer aus ihrer Sicht wohl für die Explosion am Staudamm verantwortlich sei. Sie überlegte sich ihre Antworten genau. Sie schaute den russischen Soldaten an und sagte, sie wisse nicht, wer hinter der Explosion stecke. Sie wolle «einfach nur Frieden». Am Ende liess der Soldat sie passieren.
Wer in den besetzten Gebieten tatsächlich mit Kiew zusammengearbeitet hat, muss natürlich besonders vorsichtig sein. Der 28-jährige Juri, ein ehemaliger Journalist, vergrub seine Presse-Ausweise und löschte alle Kontaktdaten auf seinem Handy. Monatelang hatte er Hinweise auf Standorte und Bewegungen von russischen Truppen an Freunde mit Verbindungen zu den ukrainischen Streitkräften weitergeleitet.
In Oleschky hatte Juri einen Job in einem Imbiss-Restaurant gefunden, in dem auch russische Soldaten regelmässig assen. «Tag für Tag verlässt du dein Haus und weisst nicht, ob du zurückkehren wirst», sagt er. Um zu überleben, sei er höflich zu den Russen gewesen und habe Gespräche mit ihnen angefangen. Einige hätten ihm gesagt, sie würden bis zum Ende um das Territorium kämpfen, andere, dass sie am liebsten wieder nach Hause gehen würden.
Auch Juri wohnt jetzt am anderen Ufer des Flusses - in der Stadt Cherson, in der ständiger Beschuss durch russische Truppen weiterhin zum Alltag gehört. «Es ist schon absurd, irgendwie», sagt er. Bis vor wenigen Wochen habe er die von der Ukraine kontrollierte Stadt von einem Wohngebäude in der besetzten Zone aus gesehen. Früher seien es nur 20 Minuten von Oleschky nach Cherson gewesen, jetzt brauche man für den Weg mehrere Tage.