Vor der Haustür baut sich bereits die vierte Welle auf

tafi

22.7.2021

Eine Apothekerin beseitigt ein Hinweisschild in einer Apotheke in Zuerich am Samstag, 26. Juni 2021. Ab Samstag, 26. Juni 2021, werden die Massnahmen gegen das Coronavirus stark reduziert und vereinfacht. Keine Kapazitaetsbeschraenkungen mehr fuer Laeden, Freizeit- und Sporteinrichtungen. (KEYSTONE/Walter Bieri)
Gerade abgebaut, könnten Schilder wie diese im Herbst wieder zum Alltag gehören: Aufgrund der ansteckenden Delta-Variante steigen die Infektionen mit dem Coronavirus derzeit in Europa an.
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Kommt die vierte Welle oder kommt sie nicht? In vielen Nachbar- und Reiseländern steigen die Infektionszahlen derzeit trotz Corona-Impfkampagne rasant an. Ein Überblick.

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22.7.2021

Die Delta-Variante führt in den Nachbarländern zu einem sprunghaften Anstieg der Infektionen. Es gibt wieder mehr Intensivpatienten in den Krankenhäusern, und selbst Geimpfte werden häufiger krank. In der Schweiz ist man sich bei der Einschätzung der Corona-Lage uneins: Während die Taskforce-Vizepräsidentin Samia Hurst vor einer vierten Welle warnt, bleibt der Direktor des Tropeninstituts gelassen. Man habe die nötigen Instrumente, um zu erkennen, ob eine Gefahr für das Gesundheitssystem droht.



Das Bundesamt für Gesundheit hat derweil in der vergangenen Woche eine Steigerung der Neuinfektionen um 85 Prozent erfasst. Wenn man die Kennzahlen betrachtet, dann baut sich auch vor der Haustür der Schweizer die vierte Welle auf. Frankreich, Italien, Deutschland und Österreich verzeichnen steigende Infektionszahlen.

In den beliebtesten Ferienländern sieht es nicht anders aus: Auf der griechischen Insel Mykonos wurde vor Kurzem ein überraschender Lockdown verhängt. Bis Sonntag darf zwischen 1 Uhr und 6 Uhr niemand mehr auf die Strassen. Ausnahme gibt es nur für Notfälle und für Arbeitende in der Nacht. Auch Musik darf nicht mehr in allen Lokalen gespielt werden.

EU erwartet rasanten Anstieg der Neuinfektionen 

Schweizer Feriengäste fürchten sich derweil davor, positiv auf das Coronavirus getestet zu werden. Sie müssten dann für 14 Tage in Quarantäne oder würden, bei Überfüllung der entsprechenden Quarantäne-Hotels, gar auf der Strasse landen, wie Betroffene im «Blick» zitiert werden. In den Tagen vor dem Lockdown fielen bei Corona-Schnelltest-Kontrollen mehr als 10 Prozent der Tests positiv aus.

Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) rechnet mit einem erneuten starken Anstieg der Corona-Infektionsfälle in Europa in den nächsten Wochen. Die Zahl der Neuinfektionen könnte sich bis Anfang August fast verfünffachen, heisst es in einem aktuellen Report. Ursache seien die hochansteckende Delta-Variante sowie die Lockerungen von Corona-Beschränkungen in vielen Ländern. Ein Überblick über die Lage in den Nachbar- und Reiseländern.

Deutschland

Die 7-Tage-Inzidienz ist mit 12,2 (Stand 22. Juli) in Deutschland zwar vergleichsweise niedrig, allerdings auch höher als im vergangenen Sommer. Zudem liegt der R-Wert seit mehren Tagen deutlich über 1. Das bedeutet, dass sich immer häufiger Menschen anstecken. Wissenschaftler der Technischen Universität (TU) Berlin erwarten anhand von Modellrechnungen eine vierte Corona-Welle im Herbst. Der aktuelle Anstieg der Inzidenzen sei «beunruhigend»; er werde beschleunigt, wenn die Schulen nach den Sommerferien ohne Schutzmassnahmen öffnen und im Herbst Aktivitäten nach drinnen verlagert würden. Dies werde auch zu einem Anstieg der Krankenhaus-Eingangszahlen führen.



Die Wissenschaftler erklären aber auch, dass die vierte Welle im Herbst in ihren Simulationen noch ausbleiben kann: Voraussetzungen sind, «dass die Impfstoffe gegen Delta deutlich besser wirken als derzeit bekannt, oder wenn eine Impfquote von 95 Prozent erreicht wird».

Frankreich

In Frankreich sind am Dienstag mehr als 18'000 Neuinfektionen registriert worden, der höchste Stand seit Mitte Mai. Die 7-Tage-Inzidenz liegt derzeit bei 102,7. Nach Angaben von Premierminister Jean Castex entfallen 96 Prozent der Ansteckungen auf Ungeimpfte. Die Regierung fürchtet, dass bis zum Ende der Sommerpause auch der Druck auf die Spitäler wieder steigen wird.

«Die Welt steht vor einer neuen Welle, und wir müssen handeln», sagte der Regierungschef im Fernsehsender TF1. Im Land gelten deshalb seit gestern wieder verschärfte Corona-Massnahmen. Im Kino, Theater oder Museum ist ein negativer Corona-Test oder ein Impf- oder Genesungsnachweis notwendig. Das gilt, sobald mehr als 50 Menschen zusammenkommen. Ab August soll ein Nachweis auch etwa für Restaurants, Fernzüge und Einkaufszentren nötig werden. Minderjährige sind von der Regelung zunächst ausgenommen.

Italien

In dem Land mit rund 60 Millionen Einwohnern ist die Zahl der Corona-Neuinfektionen zuletzt wieder gestiegen: Von 266 am 24. Juni auf aktuell 4254, die 7-Tage-Inzidenz liegt derzeit bei 35,5 und steigt. Die Delta-Variante des Virus breitet sich weiter aus. Zur Eindämmung wird darüber debattiert, den sogenannten Grünen Pass zur Voraussetzung für bestimmte Aktivitäten zu machen, darunter Restaurantbesuche im Innenbereich.

Österreich

Gesundheitsexperten sind ob der drohenden vierten Welle in Österreich durchaus besorgt. Die Politik kümmert das im Moment wenig. Anfang Juli wurden die meisten Corona-Beschränkungen aufgehoben, und das soll auch erst mal so bleiben. Die Corona-Kennzahlen kennen derweil nur eine Richtung: nach oben. Die 7-Tage-Inzidenz stieg von 5,2 auf 26,5. Nach dem Tiefststand von 29 Neuinfektionen am 29. Juni steckten sich zuletzt 431 Menschen nachweislich mit dem Coronavirus an.

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Dänemark

Die Neuinfektionszahlen haben wieder zugenommen: von 184 am 27. Juni auf aktuell 851. Delta ist bei einer aktuellen 7-Tage-Inzidenz von 109,7 längst die dominierende Variante. Dennoch lebt es sich in Dänemark beinahe beschränkungsfrei: Einen Mund-Nasen-Schutz muss man nur noch tragen, wenn man in Bus oder Bahn steht, alles bis auf die Discotheken ist seit Längerem wieder offen. Im Restaurant, Museum und an vielen anderen Orten muss man per Corona-Pass negative Tests, Impfungen und überstandene Infektionen vorweisen können.

Schweizer und Schweizerinnen können auch dann in Dänemark Ferien machen, wenn sie noch nicht geimpft sind. An der Grenze müssen sie aber einen negativen Test vorzeigen, ein Schnelltest reicht.

Griechenland

In Griechenland steigt die Zahl der Corona-Neuinfektionen weiterhin stark an – allerdings vornehmlich unter Jugendlichen, die noch nicht geimpft sind. Eltern sollen daher ihre Kinder bald ab dem Alter von zwölf Jahren impfen lassen können. Die Impfung sei jedoch nicht obligatorisch, sagte der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis. Die Regierung richte sich bei der Ausweitung auf Impfungen für Kinder strikt nach den Empfehlungen der griechischen Impfkommission, berichtete die griechische Tageszeitung «Kathimerini». Bisher dürfen sich die Menschen in Griechenland ab dem Alter von 16 impfen lassen.



Griechenland treibt seine Impfkampagne seit Wochen verstärkt voran, unter anderem mit einer Impfpflicht für Beschäftigte im Gesundheits- und Pflegesektor. Lassen sie sich nicht impfen, werden sie ohne Gehalt von ihrer Arbeit freigestellt.

Die 7-Tage-Inzidenz liegt nach einem Tiefstand Ende Juni (24,7) mittlerweile bei 179,6 und nähert sich dem Allzeithoch vom April (206,5). Zuletzt wurden 2968 Neuinfektionen registriert, Ende Juni schwankten die Zahlen zwischen 200 und 400 Neuansteckungen täglich.

Grossbritannien

Im grössten Landesteil England sind fast alle Corona-Massnahmen trotz hoher Infektionszahlen aufgehoben. Bereits seit Ende Mai steigen in Grossbritannien sowohl die Neuinfektionen (zuletzt 44’081) und die 7-Tage-Inzidenz (492,1) exponentiell. England steckt bereits mitten in der vierten Welle – und ein Abflachen ist derzeit nicht in Sicht. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist die Delta-Variante hier am stärksten verbreitet.



Portugal

In Portugal verharren die Corona-Zahlen auf hohem Niveau, steigen aber auch nicht mehr so rasant wie noch vor einigen Wochen. Für die weiter angespannte Lage wird vor allem die Delta-Variante verantwortlich gemacht. Zur Eindämmung der Ausbreitung des Virus wurde Anfang Juli wieder eine nächtliche Ausgangssperre eingeführt. In Regionen mit besonders schlechter Lage – darunter auch in den Metropolen Lissabon und Porto – dürfen die Menschen zwischen 23 und 5 Uhr nur mit triftigem Grund auf die Strasse. Betroffen sind rund vier Millionen der 10,3 Millionen Bewohner des Landes.

Spanien

Im beliebten Ferienland wird die Lage seit Ende Juni immer schlechter. Auf den Balearen mit Mallorca stiegen die Zahlen schneller als je zuvor seit dem Ausbruch der Pandemie. Die 7-Tage-Inzidenz von 335 ist bereits 14-mal so hoch wie Ende Juni.

Auch die Delta-Variante breitet sich in Spanien stark aus. In Mallorca soll sie schon 85 Prozent aller Neuinfektionen ausmachen. Auf der Ferieninsel sollen deshalb Strände und Parks von 22 Uhr bis 6 Uhr geschlossen werden, um illegale Partys im Freien zu verhindern.

Auch andere Regionen rudern bei den Lockerungen der Corona-Beschränkungen zurück. In Valencia, Katalonien mit der Touristenmetropole Barcelona und Kantabrien gelten wieder nächtliche Ausgangssperren. Auf den bei Touristen ebenfalls beliebten Kanaren lehnte die Justiz dies hingegen ab.

Mit Material von dpa und AFP.