Geopolitik statt KI Warum Wirtschaft in Davos kaum eine Rolle spielte

Oliver Kohlmaier

24.1.2026

Bundespräsident Guy Parmelin spricht mit US-Präsident Donald Trump.
Bundespräsident Guy Parmelin spricht mit US-Präsident Donald Trump.
Keystone/Laurent Gillieron

Es hätte so viel zu besprechen gegeben – und natürlich ging es beim Weltwirtschaftsforum in Davos auch um Künstliche Intelligenz und den Klimawandel. Doch zwischen Grönland, Gaza und der Rede des US-Präsidenten verkamen Wirtschaftsthemen fast zur Randerscheinung.

Redaktion blue News

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  • Auf dem WEF steht üblicherweise die Wirtschaft im Mittelpunkt.
  • Beim diesjährigen Treffen jedoch rückte US-Präsident Donald Trump die Geopolitik in den Vordergrund.
  • Aufsehen erregte auch der Auftritt des kanadischen Premierministers, der eine bemerkenswerte Rede hielt über den Bruch des westlichen Bünsnisses hielt.
  • Künstliche Intelligenz und den Klimawandel spielten in Davos höchstens als Rand-Themen eine Rolle.

Das Weltwirtschaftsforum in Davos ist traditionell ein Ort des Austauschs zwischen Eliten. Staats- und Regierungschefs, Konzernlenker und andere einflussreiche Persönlichkeiten treffen sich in Davos, um über Märkte und Macht, Risiken und Chancen ins Gespräch zu kommen.

Auch in diesem Jahr hätte es viele Themen gegeben, die in den kommenden Jahren einen erheblichen Einfluss auf die Weltwirtschaft haben dürften. Doch am Ende wird vor allem eines in Erinnerung bleiben: der alles überlagernde Auftritt von US-Präsident Donald Trump.

Freilich, es ging auch um Künstliche Intelligenz. Experten aus aller Welt unterstrichen in Vorträgen und Diskussionsrunden die Ambitionen, das Potenzial der Technologie zu nutzen, um Produktivität und Effizienz zu steigern und Unternehmen profitabler zu machen. Auch die massiven Investitionen Chinas in erneuerbare Energie kamen zur Sprache.

Trump stiehlt KI und Klimawandel die Show

Doch erhielten Themen wie der Klimawandel und die Umwälzungen durch KI nicht dieselbe mediale Aufmerksamkeit wie in früheren Jahren - weil ein Mann dem Gipfel, der am Freitag zu Ende ging, seinen Stempel aufdrückte: Wo es um Politik ging, stahl Trump allen anderen die Show.

Jane Harman, eine frühere Kongressabgeordnete der US-Demokraten, hatte am Ende den Eindruck, eigentlich zwei Konferenzen besucht zu haben. «Eine davon galt sehr ranghohen Industrieführern. (...) Bei der zweiten ging es um Aussenpolitik, oder Geopolitik, und das wurde von einer Person dominiert.»

Beim bereits dritten Besuch des US-Präsidenten in Davos vergingen zwischen der An- und Abreise Trumps etwa 24 Stunden. In einer ausschweifenden und von den üblichen Übertreibungen geprägten Rede unterstrich er die globale Rolle der USA.

Kritik statt Beweihräucherung

Anders als bei seinen früheren Besuchen in Davos, bei denen er sich von Unternehmenschefs beweihräuchern liess, schlug Trump diesmal teils erbarmungslose Kritik entgegen - nicht zuletzt vom Gouverneur des US-Bundesstaats Kalifornien, Gavin Newsom. Der Demokrat wird als möglicher Herausforderer Trumps bei der Präsidentschaftswahl 2028 gehandelt.

Für die aus seiner Sicht unterwürfige Haltung der Europäer gegenüber Trump konnte er sich keinerlei Verständnis abringen. «Erbärmlich» sei das, sagte Newsom und bedauerte, keine Knieschoner eingepackt zu haben für die Staatenlenker, die sich in Davos versammelten.

Andere dagegen liessen dem Republikaner das von ihm so geschätzte Lob zuteil werden, das er auch selbst in eigener Sache oft freimütig ausspricht.

Nato-Generalsekretär Mark Rutte und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj würdigten seine Bemühungen, den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu beenden, die Verteidigung des Westens zu stärken und Kiew für den Fall eines Friedensschlusses mit Sicherheitsgarantien auszustatten.

Bruch, der niemals repariert werden kann

Doch Äusserungen wie diese konnten nicht verhindern, dass sich eine Lesart in Davos durchsetzte, wie die gegenwärtige Lage der Welt zu beurteilen sei: Die USA unter Trump haben sich weit von ihren westlichen Verbündeten entfernt. Der kanadische Premier Mark Carney sprach von einem Bruch, der niemals repariert werden könne.

Schon im Vorfeld seines Besuchs in der Schweiz hatte Trump mit Zollandrohungen gegen acht europäische Länder, die sich seinem Ziel einer US-Übernahme Grönlands entgegenstellten, einem halbautonomen Territorium des Nato-Partners Dänemark, frische Zwietracht gesät.

In einer dramatischen Kehrtwende ruderte Trump dann am Mittwoch von dem Vorhaben zurück, das daheim und im Ausland für Aufruhr sorgte und die Börsen in Nervosität versetzte. Noch kurz davor hatte er betont, es komme nichts Geringeres als eine Übernahme der Arktisinsel in Betracht, «einschliesslich Recht, Besitztitel und Eigentum».

In einem Beitrag auf seiner Plattform X schrieb der Republikaner, er habe sich mit Rutte auf einen Rahmen für ein künftiges Abkommen über die Sicherheit in der Arktis geeinigt. Eine gewaltsame Einnahme Grönlands schloss er aus.

Europäer sehen Trumps Friedensrat skeptisch

Ein weiteres Ausrufezeichen setzte der 79-Jährige mit dem Gründungsakt seines sogenannten Friedensrats. Das internationale Gremium soll dafür sorgen, dass die im Oktober in Kraft getretene Waffenruhe zwischen Israel und der militant-islamistischen Hamas im Gazastreifen Bestand hat und schrittweise in eine Nachkriegsordnung überführt wird.

Ihrer Einladung zur Teilnahme folgten so unterschiedliche Staaten wie Belarus, das Kosovo, Indonesien und Argentinien. Doch ausgerechnet unter den langjährigen Verbündeten der USA in Europa entfachte das Projekt keine Begeisterung, sondern vielmehr erhebliche Skepsis, dass das Gremium wie von Trump suggeriert die Vereinten Nationen in ihrer Rolle als Vermittler in internationalen Konflikten eines Tages ablösen könnte.

Kritiker bemängelten auch die Unklarheit darüber, wie das Gremium genau arbeiten wird, dessen Vorsitz Trump selbst haben soll. Oder dass der US-Präsident seiner Aussage, er wolle jeden dabei haben, der Macht habe, mit Einladungen an autoritäre Herrscher wie Kremlchef Wladimir Putin Nachdruck verlieh.

Elon Musk besucht «langweiligen» Gipfel

Neben der alles überlagernden Geopolitik war Künstliche Intelligenz ein heisses Thema - wenn auch weniger im Fokus als unter anderen Umständen erwartbar gewesen wäre.

Erstmals machten Tech-Milliardär Elon Musk und Nvidia-Chef Jensen Huang Davos ihre Aufwartung. Musk hatte das Weltwirtschaftsforum in der Vergangenheit als «langweilig» bezeichnet. Er reiste kurzfristig an, um über Robotik und den Energiebedarf von KI-Rechenzentren zu sprechen sowie massvolle Kritik an US-Zöllen auf chinesische Solarmodule loszuwerden.

Huang wies Ängste zurück, dass der KI-Boom Arbeitsplätze vernichten könnte. Vielmehr werde der Aufbau der notwendigen Infrastruktur Jobs für «Klempner, Elektriker, Bauarbeiter, Stahlarbeiter und Netzwerktechniker» schaffen.

Nvidia-Chips für China wie Atomwaffen für Nordkorea?

Die Rivalität zwischen China und den USA im KI-Bereich brachte Anthropic-Chef Dario Amodei zur Sprache. Den Verkauf fortschrittlicher Nvidia-Chips an die Volksrepublik verglich er mit dem Verkauf von Atomwaffen an Nordkorea.

Wo es um Wirtschaft ging, und nicht um Geopolitik, schien aber Optimismus die vorherrschende Stimmung unter den Tech-Bossen, KI-Pionieren und Unternehmenslenkern zu sein.

«Ich möchte dieses Forum mit dem Zitat von Elon Musk beenden, das er gestern zum Abschluss der Session gesagt hat - dass es besser sei, ein Optimist zu sein und falsch zu liegen, als ein Pessimist zu sein, der Recht hat», sagte Larry Fink, Co-Vorsitzender des Weltwirtschaftsforums und Chef des US-Finanzriesen Blackrock.

Mit Material der Nachrichtenagentur AP.