4 Fragen und Antworten Cassis im Kreml, Trumps grosse Show – doch die Ukraine friert weiter

Philipp Dahm

5.2.2026

Ein Soldat der 148. Artilleriebrigade der ukrainischen Streitkräfte schaut in eine ungewisse Zukunft.
Ein Soldat der 148. Artilleriebrigade der ukrainischen Streitkräfte schaut in eine ungewisse Zukunft.
Bild: Facebook/148Guns

Bundesrat Ignazio Cassis will in Kiew und Moskau die alte OSZE wiederbeleben, die im Kalten Krieg Vermittlerin zwischen Ost und West war. Welchen Stand hat die Schweiz in der Ukraine und Russland? Wie verlaufen die Friedensgespräche – und der Krieg? Hier die Antworten.

Philipp Dahm

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Was macht Cassis in Osteuropa? Der Tessiner will die OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) als ihr Vorsitzender in Kiew und Moskau in den Friedensprozess einbinden.
  • Welchen Stand hat die Schweiz in Kiew und Moskau? In der Ukraine wird Cassis freundlich empfangen, der Kreml ist betont kritisch.
  • Was machen eigentlich die Friedensbemühungen? Donald Trump verkündet Dinge, die offenbar nicht der Realität entsprechen.
  • Wie verläuft der Krieg aktuell? Das waren im Januar die Schwerpunkte der russischen Angriffe – Karten inklusive.

Was macht Cassis in Osteuropa?

Ignazio Cassis braucht gerade warme Kleider. Der Aussenminister ist dieser Tage in Kiew unterwegs,, wo es tagsüber minus 6 Grad und kälter ist, während nachts eisige minus 18 Grad die Nacht zur Qual machen, wenn auch noch die Heizungen ausfallen.

Cassis ist in seiner Rolle als Vorsitzender der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zusammen mit dem Generalsekretär Feridun Sinirlioğlu auf einer Reise, die ihn am Freitag weiter nach Moskau führen wird. Dabei soll ausgelotet werden, wie die OSZE einen Waffenstillstand oder ein Friedensabkommen zwischen Russland und der Ukraine unterstützen könnten.

Dieses Bild postete Ignazio Cassis nach seiner Ankunft in Kiew:

Schon am WEF in Davos hat Cassis angekündigt, als Vorsitzender der OSZE eine Vermittlerrolle im Krieg in der Ukraine einnehmen zu wollen. Der Tessiner will offenbar an eine frühere Tradition anknüpfen: Die OSZE war im Kalten Krieg ein wichtiges Instrument für die Verständigung zwischen Ost und West. 

Welchen Stand hat die Schweiz in Kiew und Moskau?

Ignazio Cassis hat sich in Osteuropa viel vorgenommen. In Kiew berichtet ihm Präsident Wolodymyr Selenskyj von den massiven Luftangriffen in bitterkalten Nächten. «Ich hoffe, dass du, Ignazio, und die OSZE alles tun werden, um die Ukraine und das ukrainische Volk zu unterstützen», zitiert ihn sein Büro.

Während Selenskyj auch der Schweiz ausdrücklich für ihre Bemühungen dankt, kritisiert Russland dagegen Cassis' Nähe zu Kiew.

Cassis weiss das nur zu gut: Der russische Aussenminister Sergej Lawrow hat der Schweiz bei seinem letzten Treffen mit Cassis sogar eine «unfreundliche Politik» bescheinigt, weiss die staatliche russische Nachrichtenagentur «Tass».

«Die Schweiz hat den Status einer respektierten neutralen Vermittlerin verloren»

Russische Seite beim letzten Cassis-Treffen im September 

Russland stört sich daran, dass die Schweiz westliche Sanktionen übernommen hat, begründet Lawrow gegenüber Cassis bereits im Juli 2024 die Haltung des Kreml. Der Vorwurf, die Schweiz sei nicht mehr neutral, ist allerdings schon älter: Schon im Ferbuar 2023 wurde erstmals solche Kritik im Moskauer Aussenministerium geäussert.

Was machen eigentlich die Friedensbemühungen?

Aus den USA kommen mit Blick auf die Friedensbemühungen äusserst widersprüchliche Signale. So bekundet etwa Donald Trump am 2. Februar 2026 laut CNN, er rudere bei bilateralen Zöllen zurück, weil Indien sich bereit erklärt habe, kein russisches Öl mehr zu kaufen.

Trump said that India is stopping oil purchases from Russia.

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— WarTranslated (Dmitri) (@wartranslated.bsky.social) 2. Februar 2026 um 18:18

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow kommentiert diese überraschende Nachricht laut NDTV so:  «Bis jetzt haben wir noch keine Stellungnahme aus Neu-Delhi zu dieser Angelegenheit gehört.» NDTV erinnert daran, dass Indien Russland immer noch täglich 1,5 Millionen Barrel Öl abnimmt, obwohl Trump das Land dafür mit einem 25-Prozent-Zoll belegt hat.

Trump: "I did call up President Putin and he's agreed -- they have the same cold wave that we do, maybe different because it's pretty far away, but it's the equivalent. And Ukraine is a very cold country, much colder than us. I asked him if he wouldn't shoot for one week and he's agreed to do it."

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— Aaron Rupar (@atrupar.com) 2. Februar 2026 um 22:49

Weiter hat Trump verkündet, Wladimir Putin habe zugestimmt, die Luftangriffe auf die Ukraine wegen des kalten Wetters einzuschränken. Tatsächlich hat Russland jedoch bloss kurzweilig Munition gespart, um Kiew und die Energieversorgung umso härter zu attackieren, als die Nächte noch frostiger wurden.

Photos of the sorry state of a power plant in Kyiv - Russia used a record 32 ballistic missiles on Kyiv. This plant supplied power and eat to the left bank of the capital, particularly the Darnytsia and Dnipro districts.

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— Tim White (@twmcltd.bsky.social) 3. Februar 2026 um 13:33

Unter diesen Vorzeichen finden derzeit in Abu Dhabi Verhandlungen zwischen Kiew und Moskau unter amerikanischer Schirmherrschaft statt. Die Ukraine hat sich von Washington eine Reaktion auf die russischen Angriffe erhofft, doch Trump will Putin keinen Vorwurf machen.

Q: Trump said Putin agreed to halt attacking Ukraine bc of the cold, but today we're seen Russia launching heavy attacks. What's your reaction? LEAVITT: I spoke with the president and his reaction was unfortunately unsurprised. These are two countries that have been engaged in a very brutal war.

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— Aaron Rupar (@atrupar.com) 3. Februar 2026 um 19:30

Wie verläuft aktuell der Krieg?

Der pro-ukrainische Telegram-Kanal DeepState wertet Daten vom Januar aus, die zeigen: Die Kältewelle über Osteuropa hat auch die Kriegsparteien eingefroren. Im Januar nimmt die russische Armee demnach «nur» 245 Quadratkilometer ein. Im November seien es 505 und im Dezember noch 445 Quadratkilometer gewesen.

Die Gruppe weist weiter aus, wo die Russen angegriffen haben. Der Schwerpunkt der Attacken liegt auch im Januar mit 33 Prozent bei Pokrowsk.

Eine Karte des pro-ukrainischen US-Veteranen Chuck Pfarrer zur Lage in Pokrowsk auf X.
Eine Karte des pro-ukrainischen US-Veteranen Chuck Pfarrer zur Lage in Pokrowsk auf X.
X/ChuckPfarrer

21 Prozent der russischen Angriffe gelten dem Gebiet um die Stadt Huljajpole im Süden der Frontlinie – siehe Markeriung im unteren Bild. Im Oblast Saporischschja versuchen Moskaus Männer zudem, näher an die Grossstadt Saporischschja heranzurücken, um sie in Reichweite von Rohrartillerie und Drohnen zu bringen.

Frontverlauf im Süden der Ukraine. Markiert: Huliaipole. Links oben: Saporischschja. Die Zahl der russischen Angriffe hat sich hier im Januar angeblich um das 1,75-fache erhöht.
Frontverlauf im Süden der Ukraine. Markiert: Huliaipole. Links oben: Saporischschja. Die Zahl der russischen Angriffe hat sich hier im Januar angeblich um das 1,75-fache erhöht.
DeepStateMap

12 Prozent der Attacken finden im Januar in dem Gebiet um die Stadt Kostjantyniwka in Donezk statt. Kostjantyniwka liegt 17 Kilometer von Bachmut entfernt, das bereits im Mai 2023 erobert worden ist.

Frontverlauf in Kostjantyniwka laut dem Bluesky-User Poulet Volant.
Frontverlauf in Kostjantyniwka laut dem Bluesky-User Poulet Volant.
@pouletvolant3.bsky.social

8 Prozent betreffen Lyman (1, siehe unteres Bild), das zusammen mit Slowjansk (2) und Kramatorsk (3) einen Bogen bis Kostjantyniwka (4) spannt.

Der Festungsgürtel in Donezk.
Der Festungsgürtel in Donezk.
DeepStateMap

Ebenfalls 8 Prozent der Angriffe im Januar treffen Oleksandriwka (3, siehe Bild unten), das zwischen Lyman und Isjum (4) liegt.

Oleksandriwka (3) ist ein Hindernis für die russische Armee auf dem Weg nach Isjum (4). Zur Orientierung sind noch Pokrowsk (1) und Lyman am Ende des Festungsgürtels (2) markiert.
Oleksandriwka (3) ist ein Hindernis für die russische Armee auf dem Weg nach Isjum (4). Zur Orientierung sind noch Pokrowsk (1) und Lyman am Ende des Festungsgürtels (2) markiert.
Ukraine Control Map by PMapping832

Das Gebiet von Slowjansk bekommt 3 Prozent der Angriffe ab, doch hier erbeuten sich die Russen 20 Prozent ihrer Gebietsgewinne vom Januar.

Frontverlauf vor Slowjansk am 1. Januar.
Frontverlauf vor Slowjansk am 1. Januar.
DeepStateMap
Frontverlauf vor Slowjansk am 31. Januar.
Frontverlauf vor Slowjansk am 31. Januar.
DeepStateMap

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