Fünf Lektionen für TaiwanWas China im Irankrieg über das US-Militär und sich selbst lernt
Andreas Fischer
11.5.2026
Chinas Armee hat ein grosses Arsenal moderner Hightech-Waffen - und schaut sich im Irankrieg bei den USA ab, wie man sie am besten einsetzt.
KEYSTONE
Peking beobachtet den Iran-Krieg sehr genau. China versucht, operative Lehren daraus abzuleiten – vor allem im Hinblick auf das US-Militär. Viele Analysten sehen darin eine Vorbereitung für mögliche Taiwan-Szenarien.
Der Krieg gegen Iran liefert China erstmals seit langer Zeit ein «Live-Labor», um moderne US-Kriegsführung unter realen Bedingungen zu beobachten.
Der Krieg zeigt Peking, dass selbst hochgerüstete Streitkräfte durch Drohnenschwärme und massive Raketenangriffe unter Druck geraten können.
Gleichzeitig erkennt China, dass technologische Überlegenheit allein keinen Sieg garantiert und politische Ziele trotz militärischer Erfolge unerreichbar bleiben können.
Ein Ende des Kriegs der USA und Israels gegen den Iran ist nach mehr als zehn Wochen nicht in Sicht: Donald Trump droht, Iran kontert verbal und zeigt sich ansonsten unbeeindruckt, die Strasse von Hormus bleibt ein Zankapfel.
Während sich die westliche Welt zunehmend mit den wirtschaftlichen Folgen beschäftigen muss, nutzt China den Irankrieg als praktischen Anschauungsunterricht – als eine Art «Live-Labor», um moderne US-Kriegsführung unter realen Bedingungen zu beobachten. Pekings Militärstrategen sehen den Krieg zwischen den USA und dem Iran als mögliches Trainingsszenario für einen künftigen Konflikt um Taiwan.
Jede Drohne, jede Rakete und jede Schwäche westlicher Luftabwehr wird genau analysiert. Der Krieg liefert China nicht nur militärische Einsichten – sondern womöglich einen Blick auf die Zukunft globaler Machtkämpfe, berichtet CNN unter Berufung auf Fachleute aus China, Taiwan und den USA. Das sind die fünf wichtigsten Erkenntnisse.
Die USA sind militärisch verwundbarer als angenommen
Der Irankrieg zeigt China, wie amerikanische Waffen- und Verteidigungssysteme tatsächlich funktionieren, wenn sie im Ernstfall eingesetzt werden. Peking kann dabei beobachten, dass selbst die hoch entwickelten US‑Streitkräfte Probleme haben, sich gegen asymmetrische Angriffe mit grossen Mengen billiger Drohnen und Raketen zu schützen.
Angriffe auf US-Basen und Schiffe im Nahen Osten zeigten laut «Washington Post» erhebliche Schäden und hohe Belastungen der Luftabwehr. Der Rückschluss für Peking: Auch amerikanische Kräfte im Pazifik könnten durch «Sättigungsangriffe» überfordert werden.
China sieht seine eigenen Stärken bestätigt
Chinas Volksbefreiungsarmee (PLA) investiert massiv in Hyperschallwaffen, Tarnkappenflugzeuge, Langstreckenraketen und Drohnentechnologie. Experten gehen davon aus, dass Drohnenschwärme und Präzisionsraketen in einem möglichen Angriff auf Taiwan eine Schlüsselrolle spielen würden.
China verfügt zudem über enorme industrielle Kapazitäten und könnte zivile Fabriken schnell auf die Massenproduktion militärischer Drohnen (eine Milliarde pro Jahr) umstellen. Taiwan wiederum fürchtet, dass seine aktuellen Anti-Drohnen-Systeme dafür nicht ausreichend vorbereitet sind.
Peking könnte seine eigenen Fähigkeiten überschätzen
Trotz der technologischen Hochrüstung könnte China bei einem allfälligen Angriff auf Taiwan an seine Grenzen stossen. Anders als die USA hat China seit dem kurzen Krieg gegen Vietnam 1979 keine grösseren Kampferfahrungen gesammelt.
Analysten warnen deshalb, dass moderne Waffen allein keinen Sieg garantieren. Entscheidender Faktor sei oft die Fähigkeit, sich im laufenden Krieg schnell an neue Situationen anzupassen. Als Beispiel wird der Koreakrieg genannt, in dem erfahrene amerikanische Piloten trotz technisch unterlegener Flugzeuge häufig erfolgreicher waren als ihre chinesischen Gegner.
Sollten sich die USA und China in den nächsten Jahren also in einem militärischen Konflikt gegenüberstehen, würde Washington auf eine grosse Zahl von Personal zurückgreifen können, das bereits im Kampfeinsatz oder an der Planung beteiligt war. Die GIs wissen, wie man sich schnell an neue Situationen im Krieg anpasst. Ob das Chinas Armee im Ernstfall auch gelingt, bliebe abzuwarten.
China muss die eigene Verteidigung stärken
Die PLA hat ihre offensive Feuerkraft in den letzten Jahren rasch ausgebaut. Das Arsenal wurde etwa um Raketen mit Hyperschall-Gleitkörpern erweitert, die Abfangraketen ausweichen können, sowie um die Trägerplattformen, von denen aus diese abgefeuert werden können.
Der ehemalige chinesische Luftwaffenoberst Fu Qianshao, betont gegenüber CNN, dass China nicht nur seine Angriffswaffen weiterentwickeln darf, sondern auch seine Verteidigung stärken muss. Die USA haben moderne Waffen wie F-35-Jets und B-2-Bomber mit kostengünstigeren, weniger hochtechnologischen Lenkwaffen kombiniert, die von B-1, B-52 und F-15 abgeworfen wurden. Mit diesem Mix haben sie im Iran alles ausgeschaltet: von Raketenwerfern über Kriegsschiffe bis hin zu Brücken.
«Wir müssen erhebliche Anstrengungen unternehmen», schlussfolgert Fu Qianshao, «um Schwachstellen in unserer Verteidigung aufzudecken, damit wir auch in künftigen Kriegen unbesiegbar bleiben».
Doch auch die US-Militärs lernen dazu. Drohnen machen die Kriegsführung für die angreifende Seite wesentlich kostspieliger, erklärte der Chef des US-Indo-Pazifik-Kommandos, Admiral Samuel Paparo, im April bei einer Anhörung im US‑Senat.
Im Falle einer chinesischen Invasion könnten Taiwan oder die USA die Strasse von Taiwan mit tausenden Drohnen blockieren, um chinesische Schiffe oder Flugzeuge anzugreifen, die möglicherweise Hunderttausende Soldaten der Volksbefreiungsarmee transportieren.
Militärische Stärke führt nicht zwangsläufig zum Ziel
Im Hinblick auf einen möglichen Angriff auf Taiwan dürfte für China eine weitere Erkenntnis aus dem aktuellen Irankrieg interessant sein: Ein militärischer Erfolg garantiert nicht automatisch, dass man auch seine politischen Ziele erreicht. Die USA haben die Luftverteidigung im Iran ausgeschaltet, die Infrastruktur empfindlich getroffen, die militärische und politische Führung des Regimes ausgeschaltet. Doch die Mullahs geben sich trotzdem nicht geschlagen.
Trotz ihrer technologischen Überlegenheit konnten die USA wichtige Entwicklungen – etwa Störungen globaler Handelsrouten – nicht vollständig verhindern. Für China ist das eine Warnung: Ein Krieg um Taiwan würde sofort weltweite Lieferketten, Energieversorgung und Handel erschüttern und könnte viel unkontrollierbarer verlaufen als geplant.
China demonstriert bei Parade militärische Stärke
Die als «Tag des Sieges» bezeichnete Machtdemonstration erfolgt vor dem Hintergrund zunehmender Spannungen zwischen China und den USA.