Viele übersehen das eigentliche Problem Was der Iran-Krieg mit deinem Portemonnaie macht, ist erst der Anfang

Andreas Fischer

2.6.2026

Drama in der Morgendämmerung: Hier stecken hunderte Schiffe fest

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Keine Bewegung in der Strasse von Hormus. Spektakuläre Drohnenaufnahmen zeigen den riesigen Stau der Schiffe, während die USA und der Iran weiterhin über ein Abkommen verhandeln.

01.06.2026

Von wegen kurzer Schock: Der Konflikt zwischen den USA und Iran hält die Weltwirtschaft weiter in Atem. Öl, Transport und Energie bleiben teuer, die Inflation steigt wieder. Was bedeutet das für die Schweiz?

Andreas Fischer

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran belastet die Weltwirtschaft weit stärker und länger als zunächst gehofft.
  • Während die Inflation weltweit wieder anzieht und Zentralbanken vorsichtiger werden, bleibt die Schweiz dank starkem Franken und tiefer Teuerung vorerst vergleichsweise stabil.
  • Doch auch hierzulande musst du mit langfristigen Folgen rechnen.

Benzin, Ferien, Hypotheken, Mieten: Der Konflikt zwischen den USA und Iran hält die Weltwirtschaft weiter in Atem. Viele Fachleute hatten zwar gehofft, der Konflikt würde die Weltwirtschaft nur kurz aus dem Tritt bringen. Doch die Krise zieht sich hin: Öl und Gas bleiben teuer, Lieferketten sind gestört und die Angst vor einer neuen Inflationswelle wächst.

Kann sich die Weltwirtschaft davon noch erholen? Oder stehen wir erst am Anfang der wirtschaftlichen Folgen? Ein Überblick über die wichtigsten Entwicklungen – und die Folgen für die Schweiz.

Wie ist die aktuelle Lage im Konflikt zwischen den USA und dem Iran?

Die USA und Iran verhandeln zwar über eine Freigabe der Strasse von Hormus, die Lage bleibt aber fragil. Laut dem deutschen Chemiemanager Rainer Seele würde selbst eine Öffnung nicht sofort zur Normalität führen: Die Erholung der Lieferketten dauert Monate, strategische Reserven müssten wieder aufgefüllt werden, und Rohstoffe blieben bis weit ins Jahresende knapp.

Kurz: Selbst ein diplomatischer Durchbruch würde den Preisdruck nicht über Nacht beseitigen. Die OECD erwartet deshalb 2026 für die G20 eine Inflation von 4,0 Prozent – 1,2 Prozentpunkte mehr als zuvor prognostiziert. Erst 2027 soll sie wieder auf 2,7 Prozent sinken, falls der Energieschock nachlässt.

Droht der Weltwirtschaft also eine neue Krise?

Es droht nicht zwingend eine klassische Finanzkrise, aber eine gefährliche Mischung aus schwächerem Wachstum bei gleichzeitig höherer Inflation. Genau das ist für Zentralbanken unangenehm. Die Europäische Zentralbank (EZB) warnt, dass der Energieversorgungsschock Aufwärtsrisiken für die Inflation und Abwärtsrisiken für das Wachstum bringt.

Mit sinkenden Preisen sollte niemand rechnen.
Mit sinkenden Preisen sollte niemand rechnen.
KEYSTONE

Kommt die Mega-Inflation von 2022 zurück?

Nicht eins zu eins. Damals trafen Pandemie-Nachwirkungen, der Beginn von Putins Krieg gegen die Ukraine, Energiekrise und Lieferkettenchaos zusammen. Von der aktuellen Krise sind vor allem Öl und Gas betroffen.

Aber: Auch dieser Schock kann sich ausbreiten. Der EZB-Chefökonom Philip Lane warnt, der aktuelle Energieschock könne selbst bei einer schnellen Lösung des Kriegs länger auf die Inflation wirken, etwa wegen Lageraufbau und teureren Energiealternativen.

Steigt die Inflation in der Schweiz jetzt auch stark?

Wahrscheinlich nicht so stark wie in der Eurozone. Die Schweiz hat zwei Schutzfaktoren: den starken Franken und eine traditionell tiefere Inflation. Trotzdem rechnet Fachleute mit einem Anstieg der Schweizer Teuerung auf rund zwei Prozent. Das läge aber noch im Zielband der SNB von null bis zwei Prozent. Eine Lohn-Preis-Spirale wird derzeit nicht befürchtet.

Und was bedeutet die Krise der Weltwirtschaft konkret für die Schweiz?

Die Schweiz ist besser geschützt als viele andere Länder – aber sie ist nicht immun. Der starke Franken dämpft zwar die importierte Inflation. Gleichzeitig spürt die Schweiz aber Disruptionen bei Exporten, Tourismus, Finanzmärkten und Lieferketten.

Jan-Egbert Sturm, Direktor der Konjunkturforschungsstelle an der ETH Zürich (KOF), warnt deshalb sogar vor Wohlstandsverlusten: Teurere Energie mache Einkommen weniger wert, höhere Transportkosten verteuerten Produkte, und schwächere Nachfrage könne später auch Schweizer Firmen treffen.

Das «eigentliche Problem» ist also nicht der höhere Benzinpreis an sich, sondern ein schleichender Wohlstandsverlust. Der starke Franken schützt uns zwar vor einem Teil der importierten Inflation. Doch die Schweiz lebt von Exporten, offenen Märkten, Tourismus und einer starken Weltwirtschaft. Wenn Europa schwächelt, Unternehmen weniger investieren und Konsumenten vorsichtiger werden, trifft das früher oder später auch Firmen und Arbeitsplätze hierzulande.

Muss die SNB den Leitzins erhöhen?

Derzeit wird mehrheitlich nicht damit gerechnet. Laut UBS-CFA-Umfrage erwarten zwei Drittel der befragten Experten beim nächsten Entscheid der Schweizerischen Nationalbank (SNB) im Juni gleichbleibende Leitzinsen. Bis Anfang 2027 wird der Leitzins mehrheitlich bei null Prozent erwartet, auch wenn die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung gestiegen ist. Die SNB wird mit Zinserhöhungen wohl abwarten, solange die Inflation nicht klar über das Zielband steigt.

Wie sieht es bei den Hypothekarzinsen aus? Steigen die Mieten?

Kurzfristig dürfte es keine dramatische Bewegung beim hypothekarischen Referenzzinssatz – seit einem Jahr auf dem Allzeittief von 1,25 Prozent – geben. Einzelne Hypotheken mit drei bis fünf Jahren Laufzeit sind zwar bereits leicht teurer geworden, weil die Refinanzierungskosten der Banken steigen. Der grosse Zinsschock ist aber bisher ausgeblieben.

Sollte der Konflikt noch länger andauern, sei mit einem stärkeren Inflationssprung zu rechnen, welcher auch die SNB zu einer früher als erwarteten Zinserhöhung zwingen könnte. «In einem solchen Fall könnte der Referenzzinssatz bereits im März 2027 oder gar im Dezember 2026 steigen», schreibt die UBS.

Aber auch die gegenteilige Entwicklung sei möglich. Sollte es durch einen Ölpreisschock zu einer Rezession kommen, dann könnte dies zu Negativzinsen führen und den Referenzzinssatz noch länger auf dem jetzigen Niveau halten

Kurz: Die Mieten selbst werden kurzfristig eher nicht steigen. Allerdings können sich die Nebenkosten erhöhen– weil sich Heizöl, Gas, Strom oder allgemeine Betriebskosten verteuern.

Was bedeutet der Iran-Krieg für den Schweizer Tourismus?

Der Sommer dürfte schwächer werden: Der Iran-Krieg trifft die Schweizer Tourismusbranche hart. BAK Economics erwartet für die Sommersaison 2026 erstmals seit der Corona-Pandemie wieder einen Rückgang der Logiernächte (um 1,0 Prozent).

Besonders betroffen sind Fernmärkte, weil Flüge teurer werden und wichtige Drehkreuze im Nahen Osten zeitweise belastet waren. Vor allem Gäste aus Indien und Südostasien werden laut Prognose ausbleiben. Die Inlandnachfrage steigt zwar etwas, kann die Ausfälle aber nicht vollständig kompensieren.

Trotz der weltweiten Krise steigen die Börsenkurse: Warum eigentlich?

Weil die Märkte derzeit stark vom KI-Boom getrieben werden. Der SMI, die Nasdaq und andere Indizes haben sich trotz geopolitischer Risiken deutlich erholt. Der SMI notierte zuletzt wieder nahe seines Allzeithochs. Dennoch haben sich gleichzeitig die fundamentalen Aussichten ausserhalb des Technologiesektors verschlechtert.

Das ist kein Widerspruch, sondern eigentlich ein Warnsignal: Die Börse wettet auf die Zukunft der KI, während viele andere Unternehmen bereits höhere Kosten und schwächere Nachfrage spüren. Viele Analysten sind ausserdem der Ansicht, dass die Märkte die Gefahr dauerhaft höherer Zinsen derzeit massiv unterschätzen. Eigentlich müssten steigende Inflation, hohe Ölpreise und die verschlechterten Staatsfinanzen die Bewertungen deutlich stärker belasten. Vor allem die US-Notenbank Fed könnte gezwungen sein, länger an einer restriktiven Geldpolitik festzuhalten.

Wie steht die US-Wirtschaft da?

Auch in den USA nimmt der Inflationsdruck wieder zu – und zwar so stark wie seit drei Jahren nicht mehr. Für die US-Notenbank Fed wird es dadurch schwieriger, die Zinsen rasch zu senken. Solange die Energiepreise hoch bleiben, dürfte die Fed auch mit dem neuen Chef vorsichtig bleiben.

Und wie sieht es in der Eurozone aus?

Europa ist verletzlicher als die USA, weil viele Industrien stark von Energiepreisen und globalen Lieferketten abhängen. Reuters berichtet, dass der Iran-Krieg die Kosten explodieren lässt und die europäische Industrie belastet. In Deutschland stagnierte die Industrie im Mai, in Frankreich schrumpfte sie sogar.

Die Europäische Zentralbank steht damit vor einem Dilemma. Eigentlich bräuchten die Volkswirtschaften in der Eurozone geldpolitische Unterstützung, gleichzeitig zwingt die Inflation die EZB zu einer härteren Haltung.

Mit Agenturmaterial.

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