«Das ist ein Trick des Weissen Hauses» Was die Anklage gegen Kubas Ex-Staatschef Raúl Castro bedeutet

Noemi Hüsser

21.5.2026

Neue Spannungen zwischen Kuba und den USA – Experte: …Kubas Regime ist «viel disziplinierter als Venezuela»

Neue Spannungen zwischen Kuba und den USA – Experte: …Kubas Regime ist «viel disziplinierter als Venezuela»

Der Lateinamerika-Experte Christopher Sabatini vom britischen Thinktank Chatham House sieht hinter den US-Drohungen gegen Kuba eine gezielte Eskalation. Gleichzeitig betont er, das kubanische Regime sei deutlich stabiler als jenes in Venezuela.

21.05.2026

Die USA haben Anklage gegen Kubas Ex-Staatschef Raúl Castro erhoben. Havanna spricht von einer politisch motivierten Aktion Washingtons. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

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DPA, Noemi Hüsser

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Raúl Castro ist in den USA wegen des Abschusses zweier ziviler Flugzeuge im Jahr 1996 angeklagt worden.
  • Kuba weist die Vorwürfe als politisch motiviert zurück.
  • Die Anklage verschärft die Spannungen zwischen Washington und Havanna weiter. Expert*innen sehen darin einen neuen Versuch der USA, den Druck auf die kubanische Führung zu erhöhen.

Was wird Raúl Castro vorgeworfen?

Raúl Castro werden in der Klage unter anderem vier Morde zur Last gelegt sowie die Zerstörung mehrerer Flugzeuge. Er soll vor 30 Jahren als damaliger Verteidigungsminister für eine Befehlskette verantwortlich gewesen sein, die dazu führte, dass kubanische Kampfflugzeuge über internationalen Gewässern auf die beiden zivilen Cessna-Maschinen schossen.

Neben Raúl Castro sind noch fünf weitere Personen wegen verschiedener Vergehen angeklagt, die laut der Anklageschrift damals kubanische Militärpiloten waren. Zuständig für den Fall ist ein Bundesgericht im US-Bundesstaat Florida.

Wie reagiert die USA auf die Anklage?

US-Justizminister Todd Blanche erklärte am Mittwoch in Miami, die Anklage sei keine blosse Geste, sondern solle Konsequenzen haben. Castro solle sich zum Prozess in den USA einfinden – «freiwillig oder auf andere Weise». Trump bezeichnete den Tag als «sehr grossen Moment» und «sehr wichtigen Tag».

US-Justizminister Todd Blanche am Mittwoch in Miami.
US-Justizminister Todd Blanche am Mittwoch in Miami.
Keystone

Wie reagiert Kuba?

Die kommunistische Regierung in Havanna wies die Klage umgehend zurück. Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel verurteilte sie auf X als «politische Aktion ohne jegliche rechtliche Grundlage». Er sieht in der Anklage einen Vorwand für mögliche militärische Massnahmen gegen Kuba und wirft Washington vor, die Ereignisse von 1996 zu manipulieren.

Was genau geschah 1996?

Die kubanische Luftwaffe hatte 1996 zwei Flugzeuge der damals noch aktiven, in Miami ansässigen exilkubanischen Organisation «Hermanos al Rescate» (Brüder zur Rettung) bei einem Flug vor Kubas Küste abgeschossen. Dabei starben vier Menschen, drei davon US-Bürger.

Nach Darstellung der Regierung in Havanna waren die Flugzeuge damals in den kubanischen Luftraum eingedrungen. Die Internationale Organisation für Zivilluftfahrt kam hingegen zu dem Schluss, dass sie sich über internationalen Gewässern befanden. Vor dem Vorfall 1996 will sich Kuba mehrmals formell über mindestens 25 Verletzungen seines Luftraums innerhalb von zwei Jahren durch die Organisation beschwert haben. Die US-Regierung habe jedoch nichts dagegen unternommen. Diese Untätigkeit habe ihre «Komplizenschaft bei der Planung und Durchführung gewalttätiger, illegaler und terroristischer Aktionen» gegen Kuba deutlich gemacht.

Welche Rolle spielt der Fall im grösseren Kontext der US-Kuba-Politik?

Christopher Sabatini, Lateinamerika-Experte beim britischen Thinktank Chatham House, erklärte gegenüber der Nachrichtenorganisation AFP, die Anklage sei ein Versuch des Weissen Hauses, den Druck auf Kuba weiter zu erhöhen.

Die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind seit der kubanischen Revolution 1959 angespannt. Mit dem Beginn der zweiten Amtszeit Trumps hat sich die Lage nochmals verschärft: Seine Regierung erhöht seit Monaten den Druck, um in Kuba einen wirtschaftlichen und politischen Wandel im Interesse der USA zu erzwingen. Trump brachte dabei mehrfach auch eine Übernahme Kubas ins Spiel. Auch sein Aussenminister Marco Rubio, Sohn kubanischer Einwanderer, hofft seit langem auf einen Machtwechsel in Kuba.

Die Eltern von US-Aussenminister Marco Rubio sind einst selbst aus Kuba in die Vereinigten Staaten eingewandert. (Archivbild)
Die Eltern von US-Aussenminister Marco Rubio sind einst selbst aus Kuba in die Vereinigten Staaten eingewandert. (Archivbild)
Mark Schiefelbein/AP/dpa

Auf die Frage einer Journalistin, was mit Blick auf Kuba als Nächstes komme, ging Trump am Mittwoch nicht konkret ein. Er sagte: «Wir befreien Kuba», betonte auf Nachfrage aber auch, dass es keine Eskalation geben werde. «Ich glaube nicht, dass das nötig ist. Sehen Sie, der Ort fällt auseinander. Es ist ein Chaos», sagte der US-Präsident. «Sie haben wirklich die Kontrolle über Kuba verloren.»

Zwischen Washington und Havanna laufen seit einigen Monaten Gespräche, über deren Inhalt bislang nichts nach aussen gedrungen ist. Medienberichten zufolge soll ein Enkel von Raúl Castro dabei eine zentrale Rolle spielen. Raúl Guillermo Rodríguez Castro gilt als der engste Vertraute seines Grossvaters.

Kuba leidet unter der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Verschärft wird die Lage durch massive Energieknappheit, weil die US-Regierung seit Januar eine Ölblockade gegen den Inselstaat verhängt hat. Immer wieder fällt dort stundenlang und mitunter auch landesweit der Strom aus, es mangelt an Treibstoff, Lebensmitteln und vielen anderen Dingen des täglichen Bedarfs.

Welche Parallelen gibt es zum Fall Maduro?

Die US-Klage gegen Castro weckt Erinnerungen an das Vorgehen der Vereinigten Staaten gegen Venezuelas – inzwischen entmachteten – Staatschef Nicolás Maduro. Trumps Regierung rechtfertigte den Militäreinsatz in dem südamerikanischen Land und die Gefangennahme Maduros durch US-Spezialeinheiten Anfang des Jahres unter anderem mit einer Anklage gegen den Autokraten. Ihm soll in New York wegen angeblicher Verwicklung in Drogengeschäfte der Prozess gemacht werden. Maduro bestreitet die Vorwürfe.

In US-Medien kamen allerdings verschiedene Experten zu Wort, die einen ähnlichen Angriff des US-Militärs wie in Venezuela im Falle Kubas für unwahrscheinlich hielten. Auch Lateinamerika-Experte Sabatini zieht Parallelen, betont jedoch, dass das kubanische Militär «Kuba mit Sicherheit verteidigen würde», sollte es zu einer US-Militäroperation auf der Insel kommen.

Denn obwohl Raúl Castro 2018 das Präsidentenamt und 2021 den Vorsitz der Kommunistischen Partei abgab, ist er als jüngerer Bruder des in Kuba legendären Revolutionsführers Fidel Castro und einer der letzten Vertreter der Generation der Revolutionäre immer noch einflussreich. Er gilt als hinter den Kulissen agierende Schlüsselfigur in der kommunistischen Regierung von Präsident Miguel Díaz-Canel und ist als Ex-Verteidigungsminister bestens vernetzt im mächtigen Militär.


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