«Erbärmlich», «Zur Kasse bitten» Was die US-Regierung wirklich im geheimen Chat bespricht

Sven Ziegler

25.3.2025

Der amerikanische Vizepräsident J.D. Vance ist mit der Suche nach einer Lösung für Tiktok in den USA beauftragt. (Archivbild)
Der amerikanische Vizepräsident J.D. Vance ist mit der Suche nach einer Lösung für Tiktok in den USA beauftragt. (Archivbild)
sda

In einer Signal-Chatgruppe planten ranghohe Mitglieder von Trumps Regierung einen geheimen Militärschlag – und nahmen versehentlich einen Journalisten auf. Was in dem Chat besprochen wurde.

Sven Ziegler

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Trumps Team plante per Signal-Chatgruppe einen Militärschlag – mit einem Journalisten in der Runde.
  • Vizepräsident Vance und Verteidigungsminister Hegseth stritten über Europas Rolle im Konflikt.
  • Die Regierung bestätigt die Echtheit der Nachrichten – Trump selbst will von nichts wissen.

Es ist ein sicherheitspolitischer Eklat von seltenem Ausmass: In einer Signal-Chatgruppe plante die US-Regierung unter Präsident Donald Trump offenbar einen Luftangriff auf Huthi-Stellungen im Jemen – und vergass dabei, dass ein Journalist mitlas. Jeffrey Goldberg, Chefredakteur des Atlantic, wurde versehentlich zu dem verschlüsselten Gruppenchat hinzugefügt. «Die Trump-Administration hat mir versehentlich ihre Kriegspläne geschickt», schrieb er in einem Beitrag, der am Montag für grosses Aufsehen sorgte.

Goldberg war am 11. März von Sicherheitsberater Michael Waltz zur Chatgruppe eingeladen worden – nur vier Tage vor dem tatsächlichen Angriff am 15. März. Neben Waltz nahmen auch Verteidigungsminister Pete Hegseth, Aussenminister Marco Rubio, Vizepräsident J.D. Vance und Trumps Stabschefin Susie Wiles an den Gesprächen teil. Sie diskutierten in der Gruppe offen über Angriffsszenarien, technische Details, den Zeitplan und politische Konsequenzen des Militärschlags.

So schrieb Vance am 14. März: «Drei Prozent des US-Handels läuft durch den Suezkanal, bei den Europäern sind es 40 Prozent. Ich bin mir nicht sicher, ob sich der Präsident bewusst ist, wie inkonsistent dies mit seiner derzeitigen Botschaft gegenüber Europa ist.» Und weiter: «Ich hasse es nur, die Europäer schon wieder herauszukaufen.»

«Werde Gebet für den Sieg sprechen»

Verteidigungsminister Hegseth reagierte zustimmend: «Ich teile Ihre Abscheu gegen die europäische Trittbrettfahrerei. Sie ist ERBÄRMLICH.» Dennoch sei es an den USA, militärisch einzugreifen.

Stephen Miller, Trumps stellvertretender Stabschef, schlug in der Chatgruppe vor, Europa nach einem erfolgreichen Angriff zur Kasse zu bitten: «Wenn die Vereinigten Staaten unter grossen Kosten erfolgreich die Freiheit der Handelsrouten wiederherstellen, dann müssen wir im Gegenzug einen ökonomischen Vorteil daraus schlagen.»

Am Tag des Angriffs teilte Hegseth ein sogenanntes «Team Update» mit der Gruppe – inklusive Informationen über eingesetzte Waffen. Vance kommentierte: «Ich werde ein Gebet für den Sieg sprechen.»

Zunächst hielt Goldberg die Gruppe für einen Scherz oder eine Falle. Doch der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats, Brian Hughes, bestätigte dem Atlantic die Echtheit: «Der Gesprächsverlauf zeugt von einer tiefen und nachdenklichen politischen Koordination unter den Topleuten der Regierung.» Hegseth selbst spielte die Angelegenheit herunter und bestritt, dass «Kriegspläne» geteilt worden seien.

Scharfe Reaktionen

Donald Trump reagierte ausweichend. Auf Nachfrage erklärte er: «Ich weiss davon nichts.»

Die Reaktionen auf den Vorfall fielen scharf aus. Chuck Schumer, Fraktionschef der Demokraten im US-Senat, sagte: «Dies ist eine Art von Unachtsamkeit, durch die Menschen sterben.» Auch Trumps ehemaliger Sicherheitsberater John Bolton zeigte sich entsetzt: «Es ist unvorstellbar, dass dies überhaupt passieren konnte.» Er erinnerte daran, wie hart Trump und die Republikaner einst Hillary Clinton wegen ihrer privaten E-Mail-Nutzung angegriffen hatten: «Ich habe keinerlei Vertrauen darin, dass dieses Justizministerium Ermittlungen aufnehmen wird.»

Ob die Affäre für Trumps Regierung Konsequenzen hat, bleibt offen. Der Präsident hat sowohl das Justizministerium als auch das FBI mit Vertrauten besetzt. Dass diese gegen Waltz oder Hegseth ermitteln werden, gilt als unwahrscheinlich – es sei denn, der Skandal wird politisch gefährlich für Trump selbst.

#03: Trump – das ist nicht neutral: Wer solche Waffenruhe-Freunde hat, braucht keine Feinde

#03: Trump – das ist nicht neutral: Wer solche Waffenruhe-Freunde hat, braucht keine Feinde

Donald Trump hat Druck gemacht – und erreicht, dass in Saudi-Arabien über eine Waffenruhe in der Ukraine verhandelt wird. Gleichmässig verteilt war dieser Druck allerdings nicht, wie dieses Video zeigt.

24.03.2025