Geburten-Schock in Europa Warum ein Experte plötzlich vom «Aussterben der weissen Europäer» warnt

Sven Ziegler

15.5.2026

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04.12.2025

Der britische Demograf Paul Morland sorgt mit seiner These vom drohenden Bevölkerungskollaps für heftige Debatten. Tatsächlich zeigen aktuelle Daten aus der Schweiz, Deutschland und Südkorea: Der Geburtenrückgang beschleunigt sich weltweit.

Sven Ziegler

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • In der Schweiz ist die Geburtenrate 2024 auf den tiefsten Stand seit Beginn der Messungen gefallen.
  • Auch Deutschland und Südkorea verzeichnen historische Tiefstwerte bei den Geburtenzahlen.
  • Fachleute teilen Morlands Diagnose weitgehend, widersprechen aber seiner apokalyptischen Zuspitzung.

Dieser Satz lässt aufhorchen. In einem Interview mit der «NZZ» sagt der britische Demograf Paul Morland am Dienstag: «Wenn es so weitergeht, stirbt die gesamte Menschheit aus. Wir weissen Europäer werden zu den Ersten gehören.»

Morland gilt als prominentes Aushängeschild der demografischen Wissenschaft. Der Forscher trat zuletzt am St. Gallen Symposium auf, schrieb mehrere Bücher über Demografie und wurde bereits mehrfach von internationalen Medien interviewt. Sein Kernargument: Die Welt steuere auf eine historische Phase zu, in der über Jahrzehnte hinweg zu wenige Kinder geboren würden, um Gesellschaften stabil zu halten.

Die Zahlen aus Europa geben seiner Warnung zumindest teilweise recht.

Die Schweiz erlebt einen historischen Einbruch

Wie das Bundesamt für Statistik im November 2025 mitteilte, sank die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau in der Schweiz 2024 auf 1,29. Noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1876 lag der Wert tiefer.

Besonders stark brach die Zahl der dritten Kinder ein. Seit 2019 gingen Drittgeburten laut BFS um 13,6 Prozent zurück. Auch bei Erst- und Zweitgeburten zeigt der Trend klar nach unten.

Paul Morland warnt vor dem «Aussterben der weissen Europäer».
Paul Morland warnt vor dem «Aussterben der weissen Europäer».
Bild: Paul Morland

Parallel verändert sich laut Daten der Diakonie Schweiz auch die Haltung vieler junger Menschen. Während 2013 noch sechs Prozent der 20- bis 29-Jährigen angaben, keine Kinder zu wollen, waren es zehn Jahre später bereits 17 Prozent.

Als Gründe nennen Fachleute hohe Wohnkosten, teure Kinderbetreuung und Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund sprach laut verschiedenen Medienberichten von einem «gesellschaftlichen Warnsignal».

Deutschland verliert den Anschluss

Noch drastischer ist die Entwicklung in Deutschland. Wie das Statistische Bundesamt im April bekanntgab, wurden dort 2025 nur noch rund 654'300 Kinder geboren – der tiefste Wert seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Gleichzeitig starben mehr als eine Million Menschen. Das Geburtendefizit erreichte damit rund 352'000 Personen und markierte einen historischen Höchststand in der Nachkriegszeit.

Die Bevölkerungszahl schrumpfte erstmals seit mehreren Jahren wieder, weil die Zuwanderung den Rückgang nicht mehr vollständig kompensieren konnte.

Südkorea wird zum globalen Warnsignal

Besonders oft verweist Paul Morland auf Südkorea. Dort lag die Fertilitätsrate 2024 bei nur noch 0,75 Kindern pro Frau.

Nach Angaben südkoreanischer Behörden investierte die Regierung seit 2006 umgerechnet rund 250 Milliarden Franken in Programme zur Förderung von Familien und Geburten. Trotzdem blieb die Trendwende aus.

«Wir weissen Europäer werden zu den Ersten gehören.»

Paul Morland

Demograf

Demografische Prognosen gehen davon aus, dass sich die Bevölkerung des Landes bis Ende dieses Jahrhunderts ungefähr halbieren könnte.

Morland beschreibt Länder wie Japan oder Südkorea mit einem drastischen Vergleich. Es sei, sagte er zur NZZ, wie bei jemandem, der aus einem Hochhaus springe und auf halber Strecke erkläre: «Bis jetzt ist alles gut.»

Die UNO sieht denselben Trend – aber weniger dramatisch

Auch die Vereinte Nationen bestätigen in ihren «World Population Prospects 2024» einen weltweiten Rückgang der Geburtenraten. Laut den aktuellen Projektionen sinkt die Fertilität inzwischen in sämtlichen Weltregionen und Einkommensgruppen.

Europa und Nordamerika weisen heute mit durchschnittlich 1,4 beziehungsweise 1,6 Kindern pro Frau die tiefsten Werte weltweit auf. Afrika bleibt die einzige Region über dem sogenannten Ersatzniveau von 2,1 Kindern pro Frau – doch auch dort fallen die Zahlen seit Jahrzehnten.

Die UNO erwartet allerdings keinen unmittelbaren «Kollaps der Menschheit». Vielmehr dürfte die Weltbevölkerung bis Mitte der 2080er-Jahre zunächst auf rund 10,3 Milliarden Menschen anwachsen und danach langsam zurückgehen.

Gerade an diesem Punkt widersprechen viele Fachleute Morlands Wortwahl.

Zwischen Warnung und Zuspitzung

Der Ökonom David Bloom vom Internationalen Währungsfonds warnt zwar ebenfalls vor den wirtschaftlichen Folgen alternder Gesellschaften. Weniger junge Menschen könnten Innovation, Produktivität und Wachstum bremsen, schrieb er 2025 in einer Analyse des IWF.

Doch nicht alle Wissenschaftler teilen Morlands apokalyptische Schlussfolgerungen. Viele Demografen sehen enorme sozialpolitische Herausforderungen – aber kein unausweichliches «Aussterben».

Was kann die Politik verändern? Die bisherigen Erfahrungen machen wenig Hoffnung. Selbst massive Investitionen wie in Südkorea führten bislang nicht zu einer nachhaltigen Erholung der Geburtenzahlen.

Als eines der wenigen europäischen Beispiele mit vergleichsweise stabiler Entwicklung gilt Frankreich. Dort liegt die Fertilitätsrate dank jahrzehntelanger Familienpolitik weiterhin deutlich höher als in vielen Nachbarländern.

Für die Schweiz sieht Paul Morland kurzfristig Vorteile durch Zuwanderung. Langfristig könne Migration das Problem laut seiner Einschätzung in der NZZ aber nicht vollständig lösen – auch weil die Geburtenraten in den Herkunftsländern ebenfalls sinken.