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Wo sind nur all die Babys hin?
Mascha Brichta/dpa-tmn
Was hat den globalen Babyknick verursacht? Eine neue Studie liefert eine Erklärung für die seit 2007 sinkenden Geburtenraten – allerdings anders, als viele Schlagzeilen vermuten lassen.
Warum bekommen die Menschen immer weniger Kinder? Sind es hohe Wohnkosten? Ist es die wirtschaftliche Unsicherheit? Sind es veränderte Lebensentwürfe? Dass die Geburtenraten fast überall auf der Welt sinken, beschäftigt Demografen seit Jahren. Zunächst waren nur wohlhabende Industriestaaten betroffen. Doch ab 2007 wurde der Babyknick zum globalen Trend.
Nun sorgt eine neue Studie aus den USA für Aufsehen. Sie bringt einen weiteren möglichen Faktor ins Spiel – und damit eine Erklärung, warum in mehr als 100 Ländern seit knapp 20 Jahren ähnliche Phänomene zu beachten sind.
Die Forschenden wollen einen regelrechten «Smartphone-Schock» ausgemacht haben und meinen damit einen auffälligen zeitlichen Zusammenhang. In vielen Ländern brachen die Geburtenraten insbesondere bei Teenagern ungefähr zu jener Zeit ein, als Smartphones zum Massenphänomen wurden: 2007 kam das erste iPhone auf den Markt.
Das Erstaunliche daran: Der Trend zeigt sich in Ländern, die sonst kaum miteinander vergleichbar sind. Ob reich oder arm, religiös oder säkular, mit starkem oder schwachem Sozialstaat – fast überall ging die Zahl der Geburten ab den späten 2000er-Jahren deutlich zurück. Die Studie fand ähnliche Muster in 128 Ländern, darunter in der Schweiz, in Deutschland, in den USA sowie in England und Wales.
Die Erklärung der Autoren klingt zunächst simpel. Früher trafen sich Jugendliche vor allem dort, wo andere Jugendliche waren: auf Plätzen, in Einkaufszentren, auf Partys oder nach der Schule. Mit dem Smartphone verlagerte sich ein Teil dieses sozialen Lebens ins Digitale. Wer mit Freunden abhängen wollte, musste dafür immer seltener das Haus verlassen.
Daten aus den USA zeigen diesen Wandel recht deutlich. Während Jugendliche Anfang der 2000er-Jahre noch deutlich mehr Zeit persönlich mit Gleichaltrigen verbrachten, nahm die Zeit für digitale Kontakte stark zu.
Dass dadurch auch weniger Teenager schwanger wurden, erscheint vielen Forschern plausibel. Weniger reale Begegnungen bedeuten nun einmal weniger Gelegenheiten für spontane Beziehungen. Der Zusammenhang taucht in den Daten immer wieder auf. Also sterben wir jetzt aus, weil wir ständig swipen?
Nein. Die Studie behauptet nämlich nicht, dass Smartphones die weltweite Babykrise ausgelöst haben. Die Forschenden finden vor allem einen starken Zusammenhang zwischen der Verbreitung von Smartphones und dem Einbruch der Geburtenrate bei Teenagerinnen. Mädchen und junge Frauen zwischen 15 und 19 Jahren werden weniger häufig ungewollt schwanger.
Bei Frauen über 25 Jahren – jener Altersgruppe, auf die rund 80 Prozent aller Geburten entfallen – zeigt sich hingegen kein vergleichbarer Effekt. Gleichzeitig weisen die Autoren darauf hin, dass der Rückgang der Teenager-Geburten bereits vor dem Siegeszug des Smartphones begonnen hatte. Die Geräte hätten diesen Trend vermutlich verstärkt, aber nicht ausgelöst.
Die Studie kommt zum Schluss, dass die veränderten Verhaltensmuster junger Menschen einen Teil des Rückgangs erklären könnten. Andere Untersuchungen sehen ebenfalls Hinweise darauf, dass junge Erwachsene heute später Beziehungen eingehen, später zusammenziehen und später Familien gründen.
Von einer endgültigen Erklärung für den globalen Babyschwund kann dennoch keine Rede sein. Fachleute weisen darauf hin, dass wirtschaftliche Faktoren, Bildung, gesellschaftliche Veränderungen und politische Rahmenbedingungen weiterhin eine grosse Rolle spielen. Das Smartphone ist eher ein weiteres Puzzleteil als die alleinige Lösung.
Trotzdem hat die Forschung einen Nerv getroffen. Denn sie beschreibt etwas, das viele aus eigener Erfahrung kennen: Das soziale Leben hat sich in den vergangenen 15 Jahren grundlegend verändert. Verabredungen, Flirts, Freundschaften und Beziehungen beginnen heute oft auf dem Bildschirm.
Ob das langfristig auch beeinflusst, wie viele Familien entstehen, wird die Forschung noch länger beschäftigen. Sicher ist nur: Der auffällige Knick bei den Teenager-Geburten ab etwa 2007 gehört zu den bemerkenswertesten demografischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte – und das Smartphone steht dabei mit auf der Liste der Verdächtigen.