Dank russischer InvestorenWie Dubai wieder einmal von einer Krise profitiert
AP / tchs
14.2.2023
In Dubai schiessen die Wolkenkratzer in die Höhe - und nun auch wieder die Mieten.
Bild: KEYSTONE
Eine Folge des Ukraine-Kriegs: Viele russische Investoren werden vom Wüsten-Emirat angelockt. Nicht das erste Mal, dass Dubai sich als Krisen-Profiteur erweist.
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14.02.2023, 23:55
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Noch vor 14 Jahren hatte eine Finanzkrise Dubai fast in die Knie gezwungen. Doch nun erlebt der Stadtstaat einen neuen Wirtschaftsboom. Mehrere grosse Immobilienprojekte, die lange auf Eis lagen, laufen wieder an. Angefacht wird der Aufschwung von russischen Investoren auf der Flucht vor dem Krieg in der Ukraine. Für viele Menschen aus Konfliktgebieten sei Dubai ein sicherer Ort, sowohl für ihr Kapital als auch für ihre Familien, erklärt der Immobilienmakler Richard Waind von dem Unternehmen Betterhomes.
Hinweise auf eine ähnlich schwierige Lage wie 2009 gibt es bislang nicht, doch manche machen sich bereits Sorgen. Denn die Mieten schiessen schon in die Höhe - und mit ihnen die Lebenshaltungskosten für die ausländischen Arbeitskräfte, auf die das Emirat dringend angewiesen ist. Das US-Finanzministerium sorgt sich angesichts der Menge an russischem Geld, das in den Immobilienmarkt der bevölkerungsreichsten Stadt der Vereinigten Arabischen Emirate fliesst. Das Ministerium warnte davor, dass russische Oligarchen und ihre Mittelsmänner hier Geld waschen könnten.
«Theoretisch könnte ein hohes Reputationsrisiko für die VAE bestehen, wenn sie offenbar als Brücke dienen und russischen Oligarchen erlauben, die Emirate als Zwischenstation zwischen dem russischen Finanzsystem und dem des Westens zu nutzen», sagt die Dubai-Expertin Jodi Vittori von der Denkfabrik Carnegie Endowment for International Peace. «Aber die Realität scheint anders auszusehen.»
So haben sich die Emirate gewandelt
Mit Blick auf den Wandel der Emirate in den vergangenen 50 Jahren sind Übertreibungen kaum möglich. Seit 1968 sind die sieben Scheichtümer vom britischen Protektorat mit rund 180 000 Menschen zu einer Föderation mit mehr als 9,2 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern angewachsen. Allein in Dubai leben nach Angaben der Regierung 3,5 Millionen Menschen, 1,1 Millionen weitere wohnen dort vorübergehend oder pendeln jeden Tag zur Arbeit dorthin.
Die erste Modernisierung ging auf die grossen Ölreserven vor allem Abu Dhabis zurück. Dann liess Dubai 2002 ausländisches Eigentum an Grundbesitz zu. Seitdem wurden auf den einst endlosen Sanddünen das grösste Gebäude der Welt und riesige Einkaufszentren aus dem Boden gestampft. Das Immobiliengeschäft macht heute etwa zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Nach einem coronabedingten Einbruch wurden im vergangenen Jahr wieder 86 849 private Immobilien verkauft und damit mehr als im vorherigen Rekordjahr 2009.
Zuwächse im Luxusmarkt
Käufer und Mieter bezogen exklusive Viertel wie Palm Dschumeirah, ein künstliches Archipel in Form einer Palme, das in den Persischen Golf ragt. Die durchschnittliche Miete liegt nach Angaben der Maklerfirma CBRE für eine Wohnung bei umgerechnet mehr als 63'000 Euro im Jahr und für eine Villa bei knapp 260'000 Euro.
Ikonisches Symbol für den Dubai-Luxus: Palm Dschumeirah.
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Branchenfachleute führen die Zuwächse im Luxusmarkt auf die Flucht wohlhabender Menschen vor Coronabeschränkungen in anderen Ländern zurück. Doch auch jenseits der Welt der Ultrareichen steigen die Mieten Jahr für Jahr um bis zu rund 27 Prozent.
Der 34-jährige Autoverkäufer Gavin Hill aus England zog deswegen von einer Villa im zentralen Viertel Dubai Hills in eine kleinere Wohnung 20 Kilometer südlich. «Früher war die Wohnungssuche hier relativ einfach», sagt Hill, der in seinen sechs Jahren in Dubai schon vier Mal umgezogen ist. «Inzwischen ist es ein Minenfeld.»
Frisches Geld aus Russland
Dazu hat russisches Geld viel beigetragen. Bei Betterhomes, das seit 1986 in Dubai aktiv ist, kam im vergangenen Jahr erstmals der Grossteil der Auslandskäufer von Immobilien aus Russland. «Seit der Krise in Osteuropa haben wir viele Russen und auch viele Ukrainer, die sowohl ihre Familien als auch ihr Geld hierher verlegen wollen», sagt Makler Waid. Auch andere in der Branche äusserten sich ähnlich. Wie viele Russen tatsächlich hier gekauft haben und aus welchen Gründen, lässt sich indes nicht nachvollziehen, da die Daten nicht frei zugänglich sind.
Dubai hat bereits in der Vergangenheit immer wieder von Krisen profitiert, darunter dem Arabischen Frühling und der Corona-Pandemie. Während des Kriegs zwischen dem Iran und dem Irak in den 1980er Jahren wurden im neuen Hafen des Emirats, Dschebel Ali, Schiffe repariert, die von Explosionen und Beschuss im Persischen Golf beschädigt worden waren.
Dubai war bereits öfter Krisen-Profiteur.
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Und während der US-geführten Kriege in Afghanistan und im Irak zogen Dubai und andere Golfstaaten reiche Auswanderer und Auswanderinnen an.
Alten Plänen wird neues Leben eingehaucht
Zu den einst abgebrochenen Projekten, die nun wieder zu neuem Leben erwachen, gehört etwa der Luxuskomplex Dubai Pearl. In den vier Milliarden Dollar teuren vier Türmen mit 73 Stockwerken sollen mehrere Hotels und zahlreiche Wohnungen untergebracht werden. Das Vorhaben war während der Finanzkrise 2009 geplatzt, als Abu Dhabi Dubai mit einem Kredit im Umfang von 20 Milliarden Dollar aushelfen musste. Auch Pläne für die Entwicklung des vergessenen Zwillings von Palm Dschumeirah, Palm Dschebel Ali, werden gerade wieder aus der Schublade geholt.
Mieter Hill aus England würde gerne eine Wohnung kaufen, sobald sich der Markt wieder beruhigt. Aber angesichts dessen, was er im boomenden Dubai schon erlebt hat, ist er vorsichtig. Das Emirat könne «Leute auffressen und sehr schnell wieder ausspucken», sagt er. «Ich habe zu viele Leute gesehen, die zuerst euphorisch waren und dann sehr, sehr schnell Pleite gegangen sind.»