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Jeffrey Epstein mit zwei Frauen.
US-Justizministerium
Wie kam Sexualstraftäter Jeffrey Epstein an seine Opfer? Neue Recherchen decken die Rolle der Modelbranche und unbekannterer Kontakte in seinem Netzwerk auf. Zudem zieht der Fall weitere Kreise bis ins Weisse Haus.
Die USA sollen sich endlich mit anderen Themen als Jeffrey Epstein befassen, forderte Donald Trump kürzlich an einer Pressekonferenz. Kein Wunder: Denn auch wenn es zuletzt etwas ruhiger um die Affäre geworden schien, zieht der Fall des verurteilten Sexualstraftäters und im Gefängnis verstorbenen Multimillionärs nach wie vor weite Kreise, die bis in die US-Regierung und ins Weisse Haus reichen.
Zuletzt erhöhten der Republikaner Thomas Massie und der Demokrat Ro Khanna den Druck auf das US-Justizministerium. Massie behauptet, ungeschwärzte Epstein-Akten eingesehen zu haben, die hochkarätige Namen aus Hollywood, der Musikbranche, dem Hochadel sowie der Politik enthalten. Massie droht damit, diese unter dem Schutz der parlamentarischen Immunität im Kongress öffentlich zu machen.
Zudem verweigerte Trumps entlassene Justizministerin Pam Bondi laut Medienberichten vor dem Kongress die Aussage zu der Frage, ob Trump ihr Weisungen erteilt habe, bestimmte Epstein-Akten unter Verschluss zu halten. Die operative Aufsicht habe bei ihrem Stellvertreter und Trumps ehemaligem persönlichen Strafverteidiger Todd Blanche gelegen – zahlreiche Vorwürfe eines Interessenkonflikts folgten.
Hinzu kommen neue unbewiesene Anschuldigungen des ehemaligen brasilianischen Models Amanda Ungaro, über die das US-Medium «Daily Beast» berichtete.
Ungaro habe demnach in einer mittlerweile gelöschten Aufnahme behauptet, dass Donald Trump und seine Frau Melania sich 1998 nicht, wie offiziell dargestellt, zufällig auf einer Party kennengelernt hätten, sondern dass Melania als Begleitdame von Jeffrey Epstein in dessen Umfeld geschleust worden sei. Bereits im April hatte Melania Trump Verbindungen zu Epstein von sich gewiesen.
Auf der Modelindustrie und ihrer Rolle im Fall Epstein liegt derweil ein zentraler Fokus der aktuellen Entwicklungen. Die Branche habe dem 2019 durch Suizid im Gefängnis gestorbenen Financier offenbar systematisch als Taktik zur Anwerbung und Rekrutierung junger Frauen gedient: Wie die «Washington Post» in einer umfassenden Auswertung der Akten des US-Justizministeriums aufdeckte, kultivierte Epstein nach seiner ersten Haftentlassung im Jahr 2009 ein enges Netzwerk von teils weniger bekannten Branchen-Insidern.
Einer von ihnen ist Ramsey Elkholy, ein ehemaliger New Yorker Modelagent. Die Akten zeigten einen jahrelangen E-Mail-Verkehr zwischen ihm und Epstein, der von zahlreichen sexualisierten Anspielungen geprägt sei, so die Zeitung. Bereits kurz nach Epsteins Entlassung im Jahr 2009 bot Elkholy dem noch unter Hausarrest stehenden Epstein ein vermeintliches «Willkommensgeschenk» an – ein 1,80 Meter grosses Model.
In einer E-Mail habe er laut «Washington Post» geschrieben: «Ich war hin und weg, als ich sie das erste Mal persönlich traf, wollte ihr sofort die Kleider vom Leib reissen. Ich möchte unbedingt, dass du sie triffst, und jetzt sagt sie, dass sie dich treffen will, also wäre es schade, wenn du sie nicht siehst, bevor sie das Land verlässt.»
Gegenüber der «Washington Post» rechtfertigte Elkholy, der heute als Musiker in Kalifornien lebt, sein Verhalten mit rein finanziellen und strategischen Interessen. Er habe versucht, von Epsteins weitreichenden Kontakten zu Modegrössen wie Victoria's Secret oder der Designerin Vera Wang zu profitieren, um die Karrieren seiner Models voranzutreiben, an denen er zehn Prozent Kommission verdiente.
«Jeder wollte mit Epstein in einem Raum sein», zitiert die «Post» ihn. Jeder habe versucht, irgendetwas für sich herauszuholen. Reue zeigte er auch mit Blick auf seine drastische Wortwahl in den E-Mails: «Der Grund, warum das alles so schrecklich für mich aussieht, ist meine Fäkalsprache. Ich war einfach dumm, denn diese Sprache basierte auf überhaupt nichts, was tatsächlich geschah.» Keines von Epsteins Opfern stünde mit ihm im Zusammenhang.
Epsteins Vorgehen war hingegen keineswegs auf die USA beschränkt: Anfang Juni enthüllten Recherchen von NDR, WDR und «Süddeutscher Zeitung», dass seine Mittelsmänner auch in Europa gezielt Jagd auf junge Frauen machten. Mindestens 19 europäische Opfer konnten namentlich identifiziert werden, die Dunkelziffer sei jedoch immens.
Die vermeintlichen Scouts hatten in ganz Europa Frauen angesprochen und ihnen eine internationale Karriere versprochen. Die Fotos der Frauen seien dann an Epstein weitergeleitet geworden. Dessen Kriterien seien dabei strikt gewesen: jung, weiss, dünn, untätowiert, ohne Piercings und mit möglichst jugendlichem Körperbau.
Allein ein einziger Scout soll zwischen 2005 und 2019 Bildmaterial von mindestens 52 verschiedenen Frauen an Epstein übermittelt haben. Neben dem bekannten, mittlerweile verstorbenen Model-Unternehmer Jean-Luc Brunel geraten nun zunehmend weitere Agenten ins Visier der Ermittler.
Gegen die Strukturen, mit deren Hilfe laut Recherchen über tausend junge Frauen in Epsteins Netz gerieten, regt sich derweil Widerstand: Bereits im März unterzeichneten Dutzende Models Protestbriefe, initiiert von Sara Ziff, der Direktorin der Non-Profit-Organisation Model Alliance. Sie fordern eine lückenlose Aufklärung darüber, wie die Modebranche als Epsteins Rekrutierungskanal fungieren konnte.
«Es gibt einen Grund, warum so viele Überlebende angehende oder arbeitende Models waren, zitiert die «Washington Post» Ziff: «Hoffentlich erkennen die Menschen allmählich, dass es einerseits eine glamouröse Fassade gibt und andererseits für viele von uns eine sehr düstere Realität.»
Der Multimillionär Jeffrey Epstein hatte über Jahre mit Hilfe seiner Vertrauten Ghislaine Maxwell einen Missbrauchsring betrieben, dem zahlreiche junge und bisweilen minderjährige Frauen zum Opfer fielen. Nach seiner abermaligen Festnahme war Epstein vor einem möglichen weiteren Urteil am 10. August 2019 mit 66 Jahren in seiner Gefängniszelle gestorben. Im Obduktionsbericht wurde Suizid als Todesursache genannt.
Viele einflussreiche Menschen und Prominente aus Politik, Entertainment und Wirtschaft sollen mit ihm und seinem Netzwerk assoziiert gewesen sein. Zu Epsteins Freunden sollen unter anderem der ehemalige Prinz Andrew und die US-Präsidenten Bill Clinton und Donald Trump gezählt haben. Infolge der Freigabe der Epstein-Files 2025 waren immer mehr Details ans Licht gekommen.