Ex-Nato-Offizier zum US-Fauxpas «Sie unterhalten sich wie Kumpels in einem Cowboy-Chat»

Samuel Walder

25.3.2025

Jörg H. Trauboth ist deutscher Krisenmanager, Oberst a.D. (ausser Dienst), Ex-Nato-Offizier und Autor. 
Jörg H. Trauboth ist deutscher Krisenmanager, Oberst a.D. (ausser Dienst), Ex-Nato-Offizier und Autor. 
Andreas Fuecht/trauboth-autor.de

Der Signal-Skandal erfasst die US-Regierung: Nach dem Chat-Debakel werden die Alliierten das Vertrauen der USA hinterfragen, warnt ein früherer Nato-Offizier. Der Experte ordnet den Fall ein.

Samuel Walder

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Ein geplanter US-Luftangriff auf die Huthi im Jemen wurde in einer Signal-Chatgruppe besprochen, in die fälschlicherweise auch der Journalist Jeffrey Goldberg aufgenommen wurde.
  • Der Experte Jörg H. Trauboth kritisiert das fahrlässige Verhalten hochrangiger Regierungsmitglieder.
  • Sie haben sensible Militärinformationen in unsicheren Chats geteilt und den Angriff mit Emojis kommentiert.
  • Der Vorfall untergräbt das Vertrauen der Alliierten in die USA, doch ernsthafte Konsequenzen für die beteiligten Amtsträger erscheinen laut dem Experten unwahrscheinlich.

Einst waren die USA wohl die führende Geheimdienst-Nation der Welt, doch nun erschüttert der Signal-Skandal das Land. 

Ein Amtsgeheimnis wurde ausgerechnet durch einer Signal-Chatgruppe enthüllt: Unter der Regierung von Donald Trump planten ranghohe Mitglieder der Regierung einen Luftangriff auf Huthi-Stellungen im Jemen – und vergass dabei, dass ein Journalist mitlas.

Jeffrey Goldberg, Chefredakteur des renommierten Magazins «The Atlantic», wurde versehentlich zu dem verschlüsselten Chat hinzugefügt und bekam so Einsicht in hochsensible militärische Planungen.

«Schlimmer geht's nicht»

Wie konnte es zu so einem Fauxpas kommen? Jörg H. Trauboth ist Krisenmanager und Oberst a.D. (ausser Dienst) in Deutschland. Für ihn ist klar: «So etwas passiert, wenn die Mitglieder der US-Administration keinerlei Erfahrungen haben, mit vertraulichen Informationen sicher umzugehen. Für mich ist das eine sicherheitspolitische Laientruppe.»

Der Gipfel sei, dass Chefredakteur Jeffrey Goldberg den detaillierten Kriegsplan in einer Chat-Gruppe vier Tage vor dem Einsatz zugesandt bekommen hatte. «Schlimmer geht's nicht», sagt Trauboth.

Das Verhalten der US-Regierungsmitglieder ist für den Experten schwer zu fassen. 
Das Verhalten der US-Regierungsmitglieder ist für den Experten schwer zu fassen. 
sda

Die Angelegenheit sei umso brisanter, da es sich bei den Akteuren um hochrangige Regierungsmitglieder handle. «Ich habe niemals von einem Vorgang gehört, bei dem höchste Amtsträger derart einen geplanten militärischen Einsatz kommentieren und sich dabei wie Kumpels in einem Cowboy-Chat unterhalten – als wären sie an einer Spielkonsole», erklärt Trauboth. 

Der Bombenhagel sei mit Lob, Emojis und Gebeten gewürdigt worden. Trauboth zeigt sich geschockt: «Steve Witkoff antwortete mit fünf Emojis: zwei betende Hände, ein angespannter Bizeps und zwei amerikanische Flaggen. Dieser Mann verhandelt gerade mit Putin. Das muss man sich einmal vor Augen halten.»

Das Verhalten sei nicht nur kriminell, sondern in der Sache absolut respektlos. Respektlos gegenüber dem amerikanischen Volk, respektlos gegenüber den Piloten in den Cockpits sowie allen Soldaten, die an der Operation beteiligt waren, und respektlos für die Opfer am Boden.

Doch die Frage stellt sich dennoch: Wieso haben höchste Regierungsmitglieder überhaupt so eine Chatgruppe, die nicht sicher ist? Trauboth hat eine Vermutung: «Ich gehe davon aus, dass der Administrator als privater Signal-Accountinhaber diesen Chat gestartet hat.»

Mit Sicherheit habe es andere Sicherheitsregeln gegeben. Er fügt an: «Aber wie so oft gibt es bei der Nutzung von sicheren Systemen Hemmschwellen, die den Administrator davon abgehalten haben mögen, Einladungen zu verschicken.» Abgesehen davon, gehöre ein geplanter Angriff nicht in eine Chat-Kommunikation, sondern in die Operationszentrale des Pentagon und nirgendwo anders.

Die USA können einpacken, das Vertrauen ist gebrochen

So eine Aktion habe nicht nur innenpolitische Auswirkungen, sondern stelle das Vertrauen zwischen den Alliierten und den USA infrage, erklärt Trauboth: «Für die Alliierten heisst es, dass man diesen individuellen Wichtigtuern, die ausnahmslos für ihr Amt nicht qualifiziert sind, nicht trauen kann. Insofern sind sie in guter Gesellschaft mit ihrem Chef im Weissen Haus.» 

Und weiter: «Für mich ist das unfassbare Kommunikationsverhalten keine wirkliche Überraschung. Narzissten kennen keine Grenzen. Sie feiern nur sich selbst. Man darf davon ausgehen, dass sie ihr Verhalten grundsätzlich auch nicht ändern werden. Die sind so.»

In der Sache werde auch deutlich, wie gross die Wut von JD Vance auf die Europäer ist, für die die USA mal wieder die Kohlen aus dem Feuer holen müssten. Trauboth sagt: «Das passt zur Grundhaltung der Administration, keinen Dollar mehr für Europa, den man nicht zurückbekommt.»

Gibt es Konsequenzen? 

Dabei bezieht sich Trauboth auf das Zitat aus dem Chat: Stephen Miller, Trumps stellvertretender Stabschef, schlug vor, Europa nach einem erfolgreichen Angriff zur Kasse zu bitten: «Wenn die [USA] unter grossen Kosten erfolgreich die Freiheit der Handelsrouten wiederherstellen, dann müssen wir im Gegenzug einen ökonomischen Vorteil daraus schlagen.»

Es scheint schon fast so, als könnte sich Trump mittlerweile alles erlauben. Wird die US-Administration überhaupt Konsequenzen davon tragen?   «Immerhin wurde gegen Donald Trump ein Strafverfahren eingeleitet, als sich herausstellte, dass er geheime Unterlagen zu Hause lagerte. Das Verfahren wurde leider eingestellt», sagt Trauboth.

Trauboth ist selbst ein hochdekorierter Offizier und operierte im deutschen Militär und bei den Nato-Truppen.
Trauboth ist selbst ein hochdekorierter Offizier und operierte im deutschen Militär und bei den Nato-Truppen.
trauboth-autor.de

Sollte es hier zu einem Verfahren gegen die Amtsträger kommen, was Trauboth bezweifle, würde auch das eine Nullnummer werden. «Denn wenn wir eines gelernt haben, diese Administration steht über dem Gesetz», sagt Trauboth. 

Klare Worte des Ex-Offiziers

Jörg Trauboth findet klare Worte. Seine Meinung ist: «Als ehemaliger Luftwaffen und Nato-Offizier, bekenne ich mich zu meinen Werten und natürlich auch zur gebotenen Geheimhaltung in militärischen Angelegenheiten.»

Es gebe militärische Geheimhaltungsstufen, die keinen Spielraum lassen. Das hier sei vermutlich «Top Secret», der höchste Geheimhaltungsgrad in den USA. «Er wird für Informationen angewendet, die ‹ausserordentlich schweren Schaden› für die nationale Sicherheit mit sich bringen, wenn sie der Öffentlichkeit bekannt werden.»

Klar ist: Trauboth hat für diese saloppe Grundhaltung von Politikern, denen die Sicherheit der USA und Teilen der Welt anvertraut ist, null Verständnis.


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