Brücken, Separatisten, AllianzenWie Trump Kanada vor den Bug schiesst – und wie Kapitän Carney ihn kontert
Philipp Dahm
18.2.2026
Donald Trump empfängt am 7. Oktober 2025 Mark Carney im Weissen Haus.
Bild:IMAGO / ABACAPRESS
Donald Trump macht weiter Druck auf Kanada. Mal will er einen Brücken-Bau bremsen – aus niederen Gründen, wie sich später zeigt –, mal berät er sich mit Separatisten einer kanadischen Provinz. Premier Mark Carney bleibt besonnen und schmiedet neue Allianzen.
Donald Trump führt seinen politischen Kleinkrieg gegen Kanada fort: Jüngstes Beispiel ist eine Grenzbrücke zwischen Detroit in den USA und Windsor.
Trump wettert über das Projekt und verlangt Nachbesserungen. Kanadas Premier Mark Carney stellt die Sache richtig, bevor ein pikantes Details herauskommt, das Washington alt aussehen lässt.
Die US-Administration unterstützt weiter ganz offen Separatisten, die die Provinz Alberta aus Kanada heraustrennen wollen.
Mark Carney steuert gegen, indem er neue Allianzen schmiedet.
Dass Donald Trump es auf Kanada abgesehen hat, ist bekannt. «Justin ist ein Loser», hat der US-Präsident ganz öffentlich über den letzten Premier Trudeau gesagt. «Er ist ein netter Kerl, aber er ist ein Loser.» Dem Nachfolger Mark Carney geht es nicht viel besser.
Auch er muss sich unerwünschter amerikanischer Avancen erwehren. Die Träume der Hardcore-Republikaner: Kanada als 51. Bundesstaat einverleiben und den Premier in einen Platzhalter verwandeln. Wie zuvor Trudeau nennt Trump auch Mark Carney einen «Gouverneur». Der Nachbar rangiert aus Sicht des US-Präsidenten ganz offensichtlich nicht auf Augenhöhe.
Wie der absurde Fall einer Grenzbrücke zeigt, die Detroit in Michigan mit Windsor in Ontario verbinden soll, geht es aber auch hier primär ums Geschäft. Die Brücke ist ein Projekt, das Trump selbst in seiner ersten Amtszeit noch «enthusiastisch» unterstützt hat, wie sich die «Washington Post»erinnert. Nun hat er plötzlich einen Sinneswandel.
Democrats in Washington say they’re launching an investigation into the Trump administration and its links to the Ambassador Bridge's owner after the U.S. president threatened to block the opening of the competing Gordie Howe International Bridge earlier this week.
www.cbc.ca/news/canada/...
«Ich werde nicht zulassen, dass diese Brücke geöffnet wird, bis die Vereinigten Staaten für alles, was wir ihnen (den Kanadiern) gegeben haben, vollständig entschädigt werden», schreibt der 79-Jährige auf seiner Plattform Truth Social. Verhandlungen würden «sofort» aufgenommen. Das Ziel: «Wir sollten mindestens die Hälfte [der Brücke] besitzen.»
A bridge too far
Die «Washington Post» versteht die Welt nicht mehr: «Die beiden Städte [Detroit und Windsor] teilen sich Lieferketten und Familienbande. Ein Viertel des gesamten US-Handels mit Kanada wird über die nahegelegene, in privater Hand befindliche Ambassador Bridge abgewickelt. Ein Tunnel verbindet beide Städte, lässt aber keine grossen Lkw passieren. Die Brücke ist eine unumstrittene Lösung zur Entlastung des Verkehrs.»
Die Gordie Howe International Bridge im November 2023 in Detroit im Bau: Sie soll im Frühjahr 2026 fertig sein.
Bild:Keystone
Kanadas Premier Mark Carney reagiert auf die neuerliche Attacke aus dem Süden indes mit entschiedener Ruhe.
Er berichtet der Presse, dass er Donald Trump erklärt habe, dass Kanada die Gordie Howeie International Bridge gezahlt habe. Besitz und Betrieb des Bauwerks seien jedoch bereits zwischen Michigan und Kanada geteilt worden. Zudem sei die Brücke mit Arbeitern und Material aus Kanada und den USA hochgezogen worden.
Prime Minister Mark Carney says he spoke to Donald Trump following the U.S. president’s threat to block the opening of the Gordie Howe International Bridge between Windsor, Ont., and Detroit. Carney says he reminded Trump that Canada paid for the bridge. pic.twitter.com/eetXhJYwnM
Was kann Trump also bloss gegen diese Projekt haben? Die Antwort liefert die «New York Times», die enthüllt, dass der Betreiber der Ambassador Bridge bei der Regierung interveniert hat.
Matthew Moroun würden Maut-Einnahmen flöten gehen, wenn die neue Brücke öffnet: Der milliardenschwere Trump-Spender aus Detroit habe deshalb mit Handelsminister Howard Lutnick gesprochen – und kurz danach habe Trump seinen Post abgesetzt.
Matthew Moroun, whose family has operated the Ambassador Bridge connecting Windsor and Detroit, for decades, met with U.S. Secretary of Commerce Howard Lutnick just hours before Trump threatened to block the opening of the nearby Gordie Howe International Bridge.
www.ctvnews.ca/politics/art...
Brücken spielen aber nicht nur beim Bau eine wichtige Rolle. Trump setzt offenbar alles daran, diese einzureissen, wenn sie zu einem guten Miteinander mit dem Nachbarn führen: «Die USA wollen Alberta nutzen, um Kanada zu destabilisieren», warnt «Le Monde». Der Grund: Die kanadische Pronvinz ist ölreich, wird konservativ regiert – und hat eine Separatistenbewegung.
Die Lage der kanadischen Provinz Alberta.
Google Earth
Und auf diese Bewegung setzt das Weisse Haus: Vertreter des US-Aussenministeriums haben sich mehrfach mit diesen Leuten getroffen, weiss «NBC News». Dabei sei Albertas Abkehr von Kanada besprochen worden – inklusive der Grenzsicherung und der Einführung des US-Dollars. Die Gruppe Alberta Prosperity Project will die Abspaltung per Volksentscheid besiegeln.
«Für diejenigen von uns, die Alberta als souveränen Staat unterstützen, war es bei jedem der drei Treffen mit der US-Regierung ermutigend zu erfahren, dass die gesamte Administration Alberta als souveränen Staat unterstützt» wird Dennis Modry, ein Mitgründer des Alberta Prosperity Projects zitiert. Ein viertes Metting mit US-Offiziellen sei bereits terminiert.
Bessent: «Sie wollen, was die USA haben»
Modry strebt nach eigener Aussage aber nicht an, dass sich Alberta den USA anschliesst. Ein Ex-Dipolmat ordnet bei «NBC News» diese Treffen aber dennoch als «äusserst ungewöhnlich» ein: Sich mit Seperatisten – noch aus einem Nachbarland – zu treffen, sei «höllisch unverantwortlich». Es sei, als würden Kanadier Unabhängigkeitskämpfer aus Puerto Rico empfangen.
Ins selbe Horn stösst Michael Williams von der University of Ottawa. «Die derzeitige Regierung sieht die Benutzung von radikalen konservativen Gruppen als Teil ihrer aussenpolitischen Strategie», erklärt der Politiloge.
Die nationalistischen Kanadier sollen der US-Regierung helfen – in ihrem «zivilisatorischen Kampf gegen den Liberalismus und gegen Staaten, die ihrer Meinung nach den amerikanischen Interessen im Wege stehen».
Bessent pushes Albertan independence from Canada: "Albertans are very independent people. There's a rumor they may have a referendum on whether they want to stay in Canada or not. People are talking. People want sovereignty. They want what the US has got." pic.twitter.com/3mxhjt0J7Z
Scott Bessent macht Washingtons Unterstützung für die Separatisten im Nachbarland sogar offiziell: Es werde eine enstprechende Abstimmung geben, orakelt der Finanzminister beim rechten Sender «Real America's Voice» – siehe oben. «Die Leuten reden. Die Leute wollen Souveränität. Sie wollen, was die USA haben.»
Carney: Keep Calm and Carry On
Diese Schützenhilfe motiviert: Die Seperatisten sind nun laut «Reuters» dabei, die Unteschriften von zehn Prozent der Wahlberechtigten bis zum 2. Mai zu sammeln, um die Abstimmung über Albertas Abfall anzustossen. 177'000 Personen müssen sie überzeugen. Jüngsten Umfragen zufolge sollen 71 Prozent der Bewohnenden für einen Verbleib bei Kanada sein.
Trotz dieses Drucks aus dem Süden hält sich der kanadische Premier an das britische Krigesmotto von 1939: Keep Calm and Carry On. Mark Carney erwehrt sich der Trump-Angriff aber nicht nur mit nüchternen Erklärungen wie beim Brücken-Fall oder der Forderung, Washington möge mit Blick auf Alberta doch bitte Kanadas Souveränität respektieren.
Der 60-Jährige bringt sich auch als Vorreiter der Mittelmächte in Stellung: Zunächst wird der Liberale im Januar am WEF in Davos für seine Rede abgefeiert, in der er gleichgesinnte Staaten aufruft, sich zu einen und zu handeln: «Wenn wir nicht am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte.»
Neue Allianzen
Donald Trumps Reaktion auf diese Rede? Der US-Präsident lädt Kanada wieder aus seinem Friedensrat aus – Carney darf nicht mehr mitspielen. Der Ärger des Premiers dürfte sich in Grenzen halten, denn Carney ist anscheinend selbst dabei, neue Allianzen zu schmieden. Er will die EU mit der Trans-Pacific Partnership (CPTPP) zusammenbringen.
Mark Carney am 19. Januar auf dem Zürcher Flughafen, bevor er zum WEF weiterreist.
Bild:Keystone
Letzteres ist ein Wirtschaftsraum, der 17 Staaten und rund 480 Millionen Menschen umfasst. Ratifiziert haben das Handelsbündnis neben Kanada bisher Australien, Brunei, Chile, Grossbritanien, Japan, Malaysia, Mexiko, Neuseeland, Peru, Singapur und Vietnam. «Politico» staunt: «Carney konstruiert mega Anti-Trump-Handelsallianz».
Mark Carney, (links) trifft am 26. Januar in Peking Chinas Präsidenten Xi Jinping.
Bild:Keystone
Gleichzeitig poliert der Premier die diplomatischen Beziehungen zu Peking auf, was wiederum Trump auf die Palme bringt. «Carney will einen Deal mit China machen«, wütet er auf Truth Social. «Kanada wird bei lebendigem Leibe aufgefressen. Wir bekommen nur die Reste! Das glaube ich nicht.»
«Das erste, was China tun wird, ist, Eishockey in Kanada komplett zu verbieten.»
Donald Trump am 9. Februar auf Truth Social
Prognose: Stürmische See
Trump wird auf seinem Konfrontationskurs wohl weiter vorwärtspreschen, während Kanadas Kapitän Carney weiter bemüht sein wird, die Klippen zu umschiffen und gleichzeitig das internationale Netz zu stärken, das einen Setwaigen chiffbruch der Beziehung zu Washington auffangen soll.
Gegenwind gibt es für Trump übrigens auch in heimischen Gewässsern – aber nur lauen.
Im Repräsentantenhaus ist überraschend ein Gesetz durchgegangen, dass Trumps Kanada-Zölle zurücknimmt. Möglich war das durch die Zustimmung von sechs Republikanern, die mit den Demokraten gestimmt haben. Allerdings müsste das Gesetz nun den deutlich konservativeren Senat passieren – und am Ende noch vom Präsidenten persönlich unterschrieben werden, um erlassen zu werden.
Für Carney ist das Ganze also höchstens ein kleiner Lichtblick. Land ist in seinem Kampf mit Donald Trump noch lange nicht in Sicht.
Trump droht EU und Kanada mit neuen pauschalen Strafzöllen
STORY: Der Europäischen Union drohen neue pauschale Strafzölle der USA. US-Präsident Donald Trump kündigte am Donnerstag an, Abgaben von 15 oder 20 Prozent auf die meisten Handelspartner zu erheben. Die EU und Kanada könnten bereits am Freitag entsprechende Schreiben erhalten, sagte Trump dem Sender NBC News. Für Waren aus Kanada kündigte Trump zudem eine Abgabe von 35 Prozent an. Diese soll ab dem 1. August gelten. In einem auf seinem sozialen Netzwerk «Truth Social» veröffentlichten Brief an den kanadischen Ministerpräsidenten Mark Carney drohte Trump mit einer weiteren Erhöhung, sollte Kanada mit Gegenzöllen reagieren. Carney antwortete bei X, die kanadische Regierung habe in den laufenden Verhandlungen die eigenen Arbeitnehmer und Unternehmen verteidigt, und werde dies bis zum 1. August auch weiterhin tun. Kanada habe zudem entscheidende Fortschritte gemacht, um die Geissel Fentanyl in Nordamerika zu stoppen. Für Trump war dies einer der Gründe für die erhobenen Zölle. Nicht jeder müsse ein Schreiben bekommen, sagte Trump weiter. Man werde die Zölle einfach festlegen. Trump hat seinen Handelskrieg in den vergangenen Tagen ausgeweitet. Er verhängte neue Zölle gegen die Verbündeten Japan und Südkorea sowie einen Zoll von 50 Prozent auf Kupfer.