Ukraine bietet Hilfe an Wie Irans Billigdrohnen zum Problem für US-Hightech-Waffen werden

Dominik Müller

6.3.2026

Iraner besichtigen im Jahr 2016 eine in Teheran ausgestellte Shahed-129-Drohne.
Iraner besichtigen im Jahr 2016 eine in Teheran ausgestellte Shahed-129-Drohne.
Keystone

Ein iranischer Treffer auf eine der wichtigsten US-Radaranlagen im Golf zeigt ein wachsendes Problem moderner Kriegsführung: Günstige Drohnen können milliardenteure Verteidigungssysteme herausfordern. Experten warnen vor einem gefährlichen Kostenungleichgewicht.

Dominik Müller

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Dem Iran ist es gelungen, das Flaggschiff des US-Frühwarnradarsystems, die Anlage AN/FPS-132 in Katar, zu beschädigen.
  • Experten sehen ein strategisches Problem darin, dass sehr günstige iranische Shahed-Drohnen teure Abwehrsysteme wie Patriot-Raketen überlasten können.
  • Die Ukraine bietet den USA und Golfstaaten ihre Erfahrung in der Drohnenabwehr an – etwa mit elektronischer Störung und günstigeren Abwehrmethoden.

In Katar steht eine der wichtigsten Überwachungsanlagen des US-Militärs im Nahen Osten. Das Frühwarnradar AN/FPS-132 kostete rund 1,2 Milliarden Dollar und kann ballistische Raketen aus bis zu 5000 Kilometern Entfernung aufspüren und präzise verfolgen.

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Immer wieder kommt es zu Eskalationen im Nahen Osten. Jüngst sorgten die USA und Israel mit Angriffen auf den Iran für Unruhen.  blue News informiert dich laufend über alle wichtigen Entwicklungen in Nahost.

Das System erkennt startende Raketen, berechnet deren Flugbahn und versorgt Abwehrsysteme wie Patriot mit Daten, damit diese die Geschosse abschiessen können. Für langsame, tief fliegende Ziele – etwa Drohnen oder Marschflugkörper – wurde die Anlage jedoch nie ausgelegt.

Genau das könnte dem Radar nun zum Verhängnis geworden sein. Nach den Angriffen der USA und Israels auf Iran erklärte Teheran, man habe die Anlage zerstört. Satellitenbilder sollen tatsächlich einen Treffer auf der Anlage zeigen.

Einige Analysen gehen davon aus, dass das Radar zwar beschädigt, aber nicht vollständig zerstört wurde. Dennoch könnte der Treffer die Reaktionszeit der US-Luftverteidigung im Golf deutlich verkürzen, weil ein wichtiger Sensor des Frühwarnsystems ausfällt.

Von der Billigwaffe zum Faktor X

Militärisch ist der Schaden erheblich – doch Experten sehen vor allem ein strategisches Problem. Eine iranische Shahed-136-Drohne kostet nur einige Zehntausend Dollar. Eine Patriot-Abfangrakete dagegen rund 3,7 Millionen Dollar pro Schuss.

US-Senator Mark Kelly warnte im Gespräch mit dem US-Sender CNN: «Die Iraner sind in der Lage, eine grosse Anzahl von Shahed-Drohnen und Raketen herzustellen – und sie verfügen über enorme Vorräte.» Am Ende bekomme man ein «mathematisches Problem», weil die Verteidigung deutlich teurer sei als der Angriff. «Business Insider»-Militärkorrespondentin Sinéad Baker fasst es so zusammen: «Die kostengünstige, im Iran entwickelte Shahed-Drohne hat sich unerwartet zur entscheidenden Waffe moderner Konflikte entwickelt.»

Eine iranische Kampfdrohne vom Typ Shahed 136.
Eine iranische Kampfdrohne vom Typ Shahed 136.
Efrem Lukatsky/AP/dpa

Durch das Kosten-Ungleichgewicht können Angreifer mit relativ günstigen Waffen teure Verteidigungssysteme erschöpfen. Auch Militärexperten sehen eine gefährliche Lücke. «Die Luftverteidigung der Golfstaaten funktioniert im Grossen und Ganzen gut», sagt Analyst Franz-Stefan Gady dem «Spiegel». «Doch bei den Drohnen gibt es eine Lücke.»

«Auch USA sind aus der Luft verwundbar»

Iran setzt offenbar massiv auf diese Strategie. Gemäss «New York Times» startete Teheran in den ersten fünf Kriegstagen mehr als 2000 Kampfdrohnen. Ähnliche Modelle nutzt Russland seit Jahren im Krieg gegen die Ukraine.

Für die Verteidiger wird das zum Dauerstress: Ukrainische Soldaten kämpfen jede Nacht gegen Schwärme solcher Drohnen. Und auch die USA und ihre Verbündeten in der Golfregion schaffen es derzeit nicht, alle Angriffe abzufangen.

Politologe Christian Mölling erklärt gegenüber dem «Spiegel»: «Die Amerikaner erleben gerade etwas, das in ihrer Gedankenwelt kaum vorkommt. Auch sie sind aus der Luft verwundbar.»

Mehrere Drohnen schlugen laut Berichten bereits in militärischen Einrichtungen ein – darunter ein Logistikzentrum der US-Marine in Bahrain oder ein US-Stützpunkt in Kuwait.

Der Hintergrund: Drohnen werden immer stärker zum zentralen Werkzeug moderner Kriegsführung. Analysten sprechen inzwischen von einer «Abnutzungsschlacht aus der Luft». Staaten setzen bewusst auf grosse Mengen günstiger Systeme, um die Verteidigung zu überfordern und gleichzeitig politischen Druck zu erzeugen. Selbst wenn viele Drohnen abgeschossen werden, reicht es, wenn einige durchkommen und Schaden anrichten.

Selenskyj bietet Hilfe an

Nun bietet ausgerechnet die Ukraine Hilfe an. Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte auf der Plattform X, die USA habe bei der Abwehrung von Shahed-Drohnen um Unterstützung gebeten.

Er habe Anweisungen gegeben, die notwendigen Mittel bereitzustellen und entsprechende Experten in die Golfstaaten zu schicken. «Die Ukraine hilft Partnern, die zur Gewährleistung unserer Sicherheit und zum Schutz des Lebens unserer Bevölkerung beitragen», so Selenskyj.

Militärexpertin Catarina Buchatskiy sagte dem «Kyiv Independent»: «Unsere grösste Stärke sind konstante Daten. Wir analysieren jede Nacht Hunderte Bedrohungen aus der Luft und passen unsere Systeme ständig an.»

Ukraine stellt Forderung

In der Praxis setze die Ukraine zunehmend auf billigere Gegenmassnahmen – etwa elektronische Störsysteme, mobile Flugabwehrteams oder sogar eigene Abfangdrohnen. Dadurch müssen weniger teure Patriot-Raketen eingesetzt werden. Laut Berichten aus den USA prüfen inzwischen auch amerikanische Streitkräfte, solche Methoden zu übernehmen.

Ganz uneigennützig ist das Angebot allerdings nicht. Die Ukraine braucht dringend neue Patriot-Raketen für die Abwehr russischer Angriffe – und hofft nun auf Unterstützung der Golfstaaten.

Militärexperte Mölling hält das Vorgehen für klug: Es sei «strategisch clever», sich den Ländern der Region als Partner anzubieten, sagt er dem «Spiegel». Denn die Bedrohung durch iranische Drohnen hätten viele Staaten lange unterschätzt – «das fällt ihnen jetzt auf die Füsse».

Die USA sollen bereits an neuen, kostengünstigen Lösungen zur Drohnenabwehr arbeiten – etwa bessere Sensoren oder Laser- und Mikrowellenwaffen. Bis diese im Einsatz sind, dürften allerdings noch Wochen oder Monate vergehen.


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