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Unter Begleitung der spanischen Armee kehren Migranten, die nach Spanien eingereist waren, von der spanischen Exklave Ceuta nach Marokko zurück. (1. August 2026)
Keystone/AP Photo/Antonio Sempere
Die Ereignisse in Ceuta werfen viele Fragen auf: Duldeten marokkanische Sicherheitskräfte den Ansturm? Welche Motive könnte es gegeben haben? Und wer profitierte von den chaotischen Szenen? Die marokkanische Regierung kommentiert erstmals die Vorfälle.
Innert Stunden strömen Zehntausende Menschen in die spanische Nordafrika-Exklave Ceuta. Einige Bewohner verbarrikadieren sich in ihren Häusern. Andere bedrohen und attackieren die oft sehr jungen Ankömmlinge. Diese irren zunächst ziellos und halb nackt durch die Strassen – und kehren wenig später nach Marokko zurück.
Inzwischen hat sich die Lage in der Exklave deutlich entspannt. Doch die Chaos-Bilder dürften den politischen Streit über Migration in Europa noch lange bestimmen. Wie konnte es dazu kommen? Eine eindeutige Antwort gibt es bisher nicht – aber eine Menge Theorien.
Über einen Punkt herrscht in Spanien ungewöhnliche Einigkeit: Der beispiellose Ansturm wäre nach Ansicht nahezu aller Beobachter ohne das zumindest zeitweilige Wegschauen der marokkanischen Behörden kaum möglich gewesen. Die normalerweise streng bewachte Grenze gilt als so sensibel und kontrollierbar, dass Zehntausende Menschen sie nach Einschätzung der Zeitung «El País» nicht ohne «Billigung oder Mitwirkung» der Verantwortlichen in Rabat hätten überwinden können. Die in zahlreichen Videos dokumentierte Untätigkeit marokkanischer Sicherheitskräfte lasse «keinen Zweifel» daran.
Auch in Marokko merken einige Beobachter an, dass ein Vorfall wie der in Ceuta nur durch eine Duldung der Behörden möglich sei. Denn König Mohammed VI. regiert das Land autoritär und hat den Sicherheitsapparat und die digitale Überwachung mit Überwachungskameras massiv ausbauen lassen. Mehrere Migranten schildern spanischen Medien unabhängig voneinander, dass sie nicht gestoppt, sondern zum Grenzübertritt ermuntert worden seien.
Doch welches Interesse könnte Rabat an den chaotischen Szenen gehabt haben? Klar ist, dass Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez trotz enger wirtschaftlicher Verflechtungen der Länder für Rabat zum Ärgernis geworden ist. Der hatte die Beziehungen zu Algerien – Marokkos Nachbar und grösster Feind in der Region – vergangene Woche bei einem Besuch gestärkt. Neben dem Streit der beiden afrikanischen Länder über die frühere spanische Kolonie Westsahara betrachtet Marokko zudem die beiden spanischen Exklaven als «besetzte marokkanische Städte».
Unmut könnte in Rabat auch die jüngste Zustimmung des Justizausschusses des spanischen Parlaments zu einem Gesetzentwurf ausgelöst haben. Er soll vielen Sahrauis – den indigenen Bewohnern der Westsahara – und ihren Nachkommen den Erwerb der spanischen Staatsbürgerschaft erleichtern. In spanischen Medien wird spekuliert, dass Marokko darin auch deshalb eine Provokation sieht, weil Angehörige der von Algerien unterstützten Unabhängigkeitsbewegung Polisario mit einem EU-Pass schwerer verfolgt oder strafrechtlich belangt werden könnten. Die Bewegung Polisario besteht weitgehend aus Sahrauis.
Es ist möglich, dass Rabat Madrid mit einer Lockerung der Grenzkontrollen ein Signal senden wollte. Belege dafür gibt es zwar nicht. Der Verdacht kommt jedoch nicht von ungefähr: 2021 warf Spanien Marokko zuletzt vor, im Streit um die Westsahara Migration und Menschen als Druckmittel eingesetzt zu haben. Damals hatte Madrid den Chef der von Algerien unterstützten Polisario in einem Krankenhaus aufgenommen. Kurz darauf gelangten mehr als 8000 Menschen nach Ceuta. Madrid sprach von «Erpressung», Rabat entgegnete: «Handlungen haben Konsequenzen.»
Eine weitere Vermutung ist in der jetzigen Krise: Rabat habe zeigen wollen, dass seine Rolle als ein Grenzpolizist für Europa nicht selbstverständlich ist. Das Land erhält für Massnahmen zur Eindämmung der Migration EU-Gelder in Millionenhöhe.
In ihrer ersten offiziellen Reaktion nach dem massenhaften Andrang erklärte die marokkanische Regierung den Zwischenfall unter anderem mit Falschinformationen im Internet. Der Andrang der Migranten sei nicht organisiert gewesen, sondern spontan zustande gekommen, sagte ein Sprecher des Innenministeriums am Sonntag. Er machte die Verbreitung falscher Informationen im Netz, Aktivitäten von Schleusern und eine Falschinterpretation eines spanischen Gerichtsurteils verantwortlich, das die Rückführung bestimmter Migranten begrenzt.
Der Sprecher erklärte weiter, die Regierung in Rabat arbeite mit den spanischen Behörden zusammen und bleibe bei der Bekämpfung irregulärer Migration ein zuverlässiger Partner. Das Ministerium geht nach eigenen Angaben davon aus, dass rund 40'000 Migranten Ceuta erreichen wollten. Gut 1100 weitere sollen versucht haben, Melilla zu erreichen – die zweite spanische Exklave in Nordafrika, die wie Ceuta landseitig von Marokko und seeseitig vom Mittelmeer umschlossen wird.
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Die spanische Regierung geht nach eigenen Angaben von 50'000 bis 60'000 Migranten aus, die es innerhalb kurzer Zeit von Marokko in die abgeschottete Exklave geschafft haben und später zurückgekehrt sind.
Die Zahl der Todesopfer bezifferte die marokkanische Seite auf elf. Die spanischen Behörden sprachen zuletzt von mindestens 72 Migranten, die beim Versuch, Ceuta zu erreichen, ums Leben gekommen seien. Viele von ihnen ertranken demnach, als sie nach Ceuta schwimmen wollten.
Aus einer politischen Partei mit Nähe zum Königshof heisst es, ein «nationaler Dialog» zu Problemen der Jugend sei nötig. Einige werfen der Regierung vor, die Jugend vernachlässigt zu haben. Autor Abdelhamid Bajouki schreibt, für die Betroffenen sei «das Meer weniger furchteinflössend als das Zuhause».
Diskutiert werden zudem mögliche Signale, die die spanische Migrationspolitik gesendet haben könnte – insbesondere die Legalisierung bereits im Land lebender irregulärer Migranten. Diese Massnahme gilt zwar nicht für Neuankömmlinge, aber es heisst, sie könnte bei Migranten falsche Hoffnungen genährt haben. Zudem wird einem spanischen Gerichtsurteil eine Rolle beim jüngsten Ansturm zugesprochen. Es erschwert Zurückweisungen nach einer Einreise über das Meer.
Noch weiter gehen andere Spekulationen. Spanien hat sowohl Israels Vorgehen im Gazastreifen als auch die US-Angriffe auf den Iran scharf kritisiert und sich zudem dem Druck von Präsident Donald Trump widersetzt, die Ausgaben für Verteidigung schneller zu erhöhen. Daraus leiten manche Beobachter die Vermutung ab, Marokko könne im Interesse seiner engen Verbündeten USA und Israel gehandelt haben, um die linke Regierung in Madrid zu destabilisieren und gleichzeitig die Migrations- und andere Debatten in Europa anzuheizen.
Ein Israel-naher Analyst forderte deshalb vor einigen Monaten unumwunden, Israel solle Marokko helfen, Ceuta und Melilla «zurückzuerlangen», um Spanien zu «bestrafen». Belastbare Hinweise auf eine Beteiligung der USA oder Israels an den Ereignissen in Ceuta gibt es allerdings nicht.
Marokkos Wirtschaft wächst so schnell wie seit Jahren nicht, trotzdem ist die Arbeitslosigkeit vor allem bei jungen Menschen hoch. Laut einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) hat jeder Dritte zwischen 15 und 29 Jahren keinen Job, kein Studium und keine Ausbildung. Besonders hart trifft es Frauen.
In urbanen Zentren wie Casablanca, Rabat oder Fès wie auch im ländlichen Raum haben Menschen oft keine Perspektive – sie denken an ein Leben in Europa. Viele fassen Spanien und Frankreich ins Auge, wegen der geografischen Nähe und historischer Verbindungen dorthin. Beide EU-Länder beheimaten grosse marokkanische Gemeinden.
Ausgenutzt wird die Lage von Schmugglern. Zwar versucht die Regierung seit Jahren, Menschenhandel einzudämmen. Die kriminellen Netzwerke bestehen aber weiter, über die auch Migranten aus Ländern südlich der Sahara nach Europa geschleust werden. 2025 meldeten Marokkos Behörden 73'000 irreguläre Einreisen ins Land, vor allem aus der Sub-Sahara.
Eine wichtige Rolle spielten in der Ceuta-Krise offenbar auch die sozialen Netzwerke. Zahlreiche Migranten berichten, sie seien durch Videos und Nachrichten auf Plattformen wie TikTok auf die angeblich offene Grenze aufmerksam geworden. Dort habe sich rasch die Hoffnung verbreitet, in Ceuta würden Unterkünfte bereitstehen und die Weiterreise aufs spanische Festland winken.
Vor Ort wich die Euphorie jedoch schnell der Ernüchterung. «Man hatte uns gesagt, wir bekämen eine Unterkunft und ein Visum für Algeciras. Aber das war alles gelogen», erzählte etwa der 18-jährige Mohamed einem «El País»-Reporter. Eine junge Mutter klagte: «Ich habe nicht einmal Milch für mein Baby bekommen.» Dass die meisten der 50'000 bis 60'000 Ankömmlinge auch unter dem Druck der spanischen Sicherheitskräfte schnell wieder «freiwillig» nach Marokko zurückgingen, ist alles andere als verwunderlich.