Attentate auf Kreml-Kritiker Putins Schattenkrieg in Europa

dpa

15.5.2026 - 17:00

Der russische Präsident Wladimir Putin führt mit seiner Regierung einen harten Kurs gegen Kritiker.
Der russische Präsident Wladimir Putin führt mit seiner Regierung einen harten Kurs gegen Kritiker.
Alexander Kazakov/Pool Sputnik Kremlin via AP/dpa

Vor allem Unterstützer der Ukraine und Kritiker Russlands geraten zunehmend ins Visier und sollen gezielt getötet werden. Solche Aktionen haben seit dem Einmarsch in die Ukraine 2022 zugenommen.

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DPA, Redaktion blue News

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  • Westliche Geheimdienste beobachten seit Beginn des Ukraine-Kriegs eine Zunahme mutmasslich russischer Anschlagspläne gegen Aktivisten, Deserteure und Ukraine-Unterstützer in Europa.
  • In mehreren Ländern wurden Komplotte vereitelt, darunter gegen russische Dissidenten, ukrainische Militärs und den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj.
  • Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass Moskau zunehmend auf angeworbene Handlanger und kriminelle Netzwerke setzt, um Gegner einzuschüchtern oder zu töten.

Wenn Wladimir Ossetschkin seine Kinder zur Schule bringen oder einkaufen gehen möchte, ruft er die Polizei. Der russische Aktivist lebt seit 2022 unter Polizeischutz, weil die französischen Behörden glauben, dass Russland ihm nach dem Leben trachtet.

Im April 2025 observierten russische Männer mehrere Stunden lang Ossetschkins Zuhause im Südwesten Frankreichs und machten dabei Video- und Fotoaufnahmen – vermutlich als Vorbereitung für ein Attentat. Das geht aus nicht öffentlichen Gerichtsdokumenten hervor, die die Nachrichtenagentur AP einsehen konnte.

In Litauen deckten Sicherheitsbehörden im vergangenen Jahr ein Komplott zur Tötung eines litauischen Unterstützers der Ukraine und ein weiteres gegen einen russischen Aktivisten auf. In Deutschland wurden zwei weitere Anschlagspläne vereitelt: einer, der sich gegen den Chef eines deutschen Rüstungsunternehmens richtete, das die Ukraine beliefert, und einer gegen einen ukrainischen Militär.

Die polnischen Behörden nahmen 2024 einen Mann fest, der einen Anschlag auf den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj geplant haben soll. Und im selben Jahr wurde ein russischer Helikopterpilot, der desertiert war, in Spanien getötet. Als Hauptverdächtige gelten russische Agenten.

Komplotte in zahlreichen europäischen Ländern aufgedeckt

Während Vertretern Russlands seit langem vorgeworfen wird, Gegner im Ausland zum Schweigen zu bringen, erklärten drei westliche Geheimdienstmitarbeiter aus verschiedenen Ländern der AP, dass gezielte Tötungen seit der russischen Invasion in die Ukraine 2022 zugenommen hätten.

Ihren Angaben zufolge gehen die russischen Sicherheitsdienste bei der Auswahl ihrer Ziele mittlerweile noch unverfrorener vor und nehmen neben Militärdeserteuren auch russische Aktivisten und ausländische Unterstützer der Ukraine ins Visier. Alle drei äusserten sich unter der Bedingung, nicht namentlich genannt zu werden.

«Die Kampagne erfolgt nicht zufällig oder aus Versehen», sagt einer von ihnen. «Es ist politisch autorisiert.» Die Geheimdienstmitarbeiter, ein ehemaliger hochrangiger britischer Beamter für Terrorismusbekämpfung und Staatsanwälte in Litauen sehen die Kampagne im Zusammenhang mit Russlands umfassenderen Bemühungen, europäischen Ländern zu schaden, die die Ukraine unterstützen.

Dazu gehören 191 Fälle von Sabotage, Brandstiftung und anderen Störaktionen, die von westlichen Stellen mit Russland in Verbindung gebracht werden und die die AP seit Kriegsbeginn europaweit erfasst hat.

Russland scheint inzwischen auf billige Handlanger zu setzen

Viele der in dieser Kampagne Beschuldigten sind Personen, die als billige Handlanger für russische Geheimdienstmitarbeiter rekrutiert wurden. Moskau nutzt dieses Modell nun, um gegen seine vermeintlichen Feinde im Ausland vorzugehen, wie unter anderem aus den französischen Gerichtsunterlagen und Informationen des litauischen Staatsanwalts hervorgeht.

Der Sprecher des russischen Präsidenten Wladimir Putin, Dmitri Peskow, sagte der AP, er sehe «keinen Grund», sich dazu zu äussern. Russische Regierungsvertreter haben zuvor bestritten, dass Moskau hinter Versuchen stecke, seine Gegner im Ausland zu töten.

Die AP sprach mit drei ins Visier genommenen Personen: Ossetschkin, dem litauischen Aktivisten Valdas Bartkevicius sowie Ruslan Gabbassow, der sich für eine Unabhängigkeit der russischen Region Baschkortostan einsetzt.

Polizeischutz für Gefährdete

Drei der vier von der französischen Polizei im Zusammenhang mit dem Komplott zur Tötung Ossetschkins festgenommenen Männer reisten laut den Gerichtsdokumenten im April 2025 nach Biarritz, wo Ossetschkin lebt. Demnach überwachten sie sein Zuhause «mit dem Ziel, ihn zu ermorden und anschliessend alle in Frankreich lebenden politischen Gegner der russischen Behörden einzuschüchtern».

Alle vier wurden in der russischen Region Dagestan geboren. Einer ist mehrfach vorbestraft, ein anderer gab an, er sei vom russischen Inlandsgeheimdienst festgenommen worden und aus dem Land geflohen, um nicht in die Ukraine geschickt zu werden.

Ossetschkin gründete vor Jahren eine Gefangenenrechtsgruppe und betreibt ein Projekt, das Verstösse im russischen Haftsystem aufdeckt. Die Drohungen gegen ihn seien eskaliert, nachdem er begonnen habe, mutmassliche russische Übergriffe in der Ukraine zu untersuchen und russischen Deserteuren bei der Flucht zu helfen. Er zog 2015 nach Frankreich und erhielt sieben Jahre später Polizeischutz. Sonst wäre er schon tot, sagt er.

Angebot von neuer Identität abgelehnt

In Litauen entdeckte Gabbassow, der Aktivist aus Baschkortostan, im Februar 2025 an seinem Auto einen versteckten Tracker. Die Polizei habe ihm gesagt, er solle das Gerät dort lassen, und verfolgte die Personen, die ihn verfolgten, sagt er.

Einige Wochen später habe er mit seiner Frau und seinem Sohn an einer Feier zur Unabhängigkeit Litauens von der Sowjetunion teilgenommen und dort einen Anruf der Polizei erhalten. Er dürfe nicht nach Hause gehen, hiess es. Am nächsten Tag habe ihm die Polizei gesagt, «ein Killer» mit einer Schusswaffe sei in der Nähe seines Zuhauses festgenommen worden. Der Mann sei bereit gewesen, die ganze Nacht auf Gabbassow zu warten.

Die litauischen Behörden hätten ihm angeboten, vollständig zu «verschwinden» – einschliesslich Namensänderung und Umzug. Er habe das abgelehnt, denn viele Menschen in seiner Heimatregion sähen ihn als Anführer im Streben nach Unabhängigkeit.

Die Region sei dem Kreml wegen ihrer Goldreserven wichtig, zudem seien viele Männer von dort in den Krieg in die Ukraine geschickt worden. «Ich kann sie nicht alle verraten, indem ich einfach verschwinde, besonders aus Angst.» Das würde Moskau in die Hände spielen, sagt er.

Verbindungen zur organisierten Kriminalität

Dasselbe Angebot machte Litauen Bartkevicius, nachdem die Behörden nach seinen Angaben ein Komplott aufdeckten, wonach er im März 2025 mit einer in seinem Briefkasten platzierten Bombe getötet werden sollte. Doch einfach zu verschwinden kam für den Aktivisten, der Spenden für die Ukraine sammelt und durch antirussische Aktionen – darunter das Urinieren auf ein russisches Kriegsdenkmal – bekannt wurde, ebenfalls nicht in Frage.

Die litauische Staatsanwaltschaft klagte 13 Personen aus mindestens sieben Ländern wegen Beteiligung an den beiden Komplotten an. Die Beteiligten hätten direkte Anweisungen vom russischen Militärgeheimdienst erhalten, erklärte die Staatsanwaltschaft; einige von ihnen hätten Verbindungen zur russischen organisierten Kriminalität und könnten mit weiteren Brandstiftungs- und Spionagekomplotten an anderen Orten in Europa in Verbindung stehen.

Moskaus Wechsel zum Einsatz solcher Handlanger lasse sich auf einen früheren Attentatsversuch zurückführen, erklärte Dominic Murphy der AP, bevor er als Leiter der Anti-Terror-Einheit der britischen Metropolitan Police in den Ruhestand ging. 2018 wurde der ehemalige russische Spion Sergej Skripal in England mit einem Nervenkampfstoff vergiftet.

Die britische Regierung beschuldigte Moskau, den Anschlag mit Hilfe von Mitarbeitern des Militärgeheimdienstes verübt zu haben. Als Reaktion darauf wiesen Grossbritannien und andere westliche Staaten Hunderte russische Diplomaten – und Spione – aus. Für Russland sei es damit schwieriger geworden, in Europa zu agieren, sagt Murphy.

Anschlagsversuche könnten weiteren Zwecken dienen

Die Tatsache, dass die meisten der seit 2022 von westlichen Behörden bekannt gemachten Anschlagspläne vereitelt wurden, könnte darauf hindeuten, dass es für Moskau schwieriger ist, diese mit Handlangern durchzuführen als mit eigenen Agenten, sagt einer der westlichen Geheimdienstmitarbeiter. Doch könnten die Anschlagsversuche weiteren Zwecken dienen, darunter die Einschüchterung von Kreml-Gegnern, um sie zum Schweigen zu bringen, und die Vergeudung europäischer Ressourcen im Bereich der Strafverfolgung.

Mit Blick auf den desertierten russischen Helikopterpiloten Maxim Kusminow sagt der Geheimdienstbeamte, es sei klar, dass die russischen Sicherheitsdienste Menschen in Europa töten könnten, wenn sie das wollten. Deshalb seien Zielpersonen niemals sicher. «Selbst wenn eine Operation einmal vereitelt wurde, muss man vorbereitet sein, falls sie erneut zuschlagen.»