Arktis-Experte zum Grönland-Konflikt «Wir sind zu einem Schurkenstaat geworden – und Trump ist stolz darauf»

Helene Laube

19.1.2026

Donald Trump will Grönland übernehmen, notfalls auch militärisch. Hier erklärt der prominente US-Politikwissenschaftler Steve Lamy, warum der US-Präsident nicht von seiner Grossmachtvision abweichen wird und was das für die transatlantischen Beziehungen bedeuten könnte.

Helene Laube

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • US-Präsident Donald Trump erhebt Anspruch auf Grönland.
  • Das Weisse Haus arbeitet längst daran, die nordatlantische Insel unter Kontrolle zu bringen, notfalls mit militärischer Gewalt.
  • Arktis-Experte Steve Lamy, Professor für Politikwissenschaft an der University of Southern California in Los Angeles, erklärt im Interview mit blue News, warum Trump nicht von Grossmachtvision abweichen wird und was der Konflikt für die transatlantische Beziehungen bedeuten könnte.

Herr Lamy, Donald Trump droht seit seiner ersten Amtszeit, nach Grönland zu greifen. Warum brauchen die USA die grösste Insel der Welt. Oder vielleicht ist es treffender zu fragen: Warum will der US-Präsident sie?

Die Trump-Regierung hat bekanntlich zwei Argumente für die Übernahme Grönlands vorgebracht. Das erste – und meines Erachtens vorrangige – ist ein wirtschaftliches. Trump will die Kontrolle über seltene Erden oder seltene Erdmetalle wie Lithium und Titan erlangen, die für die Herstellung von Smartphones, Chips, E-Autos und anderen Technologien entscheidend sind. Die USA liegen in diesem Bereich weit hinter China zurück. Trump will Chinas «Polar-Seidenstrasse» und Zugriff auf diese Mineralien verhindern. Es geht also vor allem um China. Aber auch die Interessen der Tech-Milliardäre, die neue Standorte für ihre stromfressenden KI-Rechenzentren suchen, werden als Argument ins Feld geführt.

Zur Person
zVg

Steve Lamy ist US-Politikwissenschaftler mit Schwerpunkt internationale Beziehungen und Aussenpolitik, langjähriger Professor und akademischer Leiter an der University of Southern California (USC) in Los Angeles. Lamys aktuelle Forschung konzentriert sich auf die Aussen- und Sicherheitspolitik der europäischen Mitgliedstaaten der NATO. Er hat auch mehrere wissenschaftliche Arbeiten zu Fragen der arktischen Governance und Sicherheit vorgestellt.

Das zweite Argument für Trumps Annexionsdrohungen ist das nationale Sicherheitsinteresse der USA.

Genau. Er stellt Grönland als unverzichtbar für die nationale Sicherheit dar. Die nordatlantische Insel liegt in einer entscheidenden geostrategischen Lage. Sie befindet sich in unmittelbarer Nähe zu den USA und Kanada und ist Teil der GIUK-Lücke...

...eines strategischen See­korridors für den Schiffsverkehr sowie die Verlegung von U-Booten und Kriegsschiffen zwischen Grönland, Island und dem Nordende des Vereinigten Königreichs (UK).

Mit dem Schmelzen des arktischen Eises wird die Region zunehmend für den Schiffsverkehr geöffnet, darunter auch für chinesische und russische Kriegsschiffe, Eisbrecher und U-Boote. Trumps Behauptungen über chinesische und russische Militärkräfte vor der Küste Grönlands sind aber masslos übertrieben. Wenn ihn Provokationen der Russen und Chinesen wirklich umtreiben, sollte er sich zwei anderen Regionen zuwenden.

Welchen?

Zum einen in der Barentssee, wo Russland vor der skandinavischen Küste operiert. Die Russen rüsten zudem auf der Kola-Halbinsel energisch auf und modernisieren Infrastruktur aus dem Kalten Krieg. Zum anderen sind sowohl Russland als auch China in der Beringsee südlich von Alaska präsent. Sie führen dort regelmässig gemeinsame Militärmanöver und Patrouillen durch. Und wir tun genau nichts dagegen.

Wie viel hat das Getöse um Grönland mit Trumps Ego zu tun?

Meines Erachtens einiges. Er will ein aus seiner Sicht sehr positives Vermächtnis der Erweiterung Amerikas hinterlassen. Er lebt in Bezug auf die US-Präsidenten, die er bewundert, im späten 19. Jahrhundert. Das ist auch an seiner Zollpolitik zu sehen und ganz klar in Bezug auf Einflussgebiete. Er hat seit dem Angriff auf Venezuela mehrfach gesagt, dass er nicht zulassen werde, dass eine externe Macht in irgendeinem Teil der westlichen Hemisphäre dominiert. Und zur westlichen Hemisphäre gehört eben auch Grönland. Ich stelle hier nur eine Hypothese auf, aber sein Vorgehen ist transaktional und unilateral und es beschäftigt ihn sehr, wie er in die Geschichte eingehen wird.

Wie sieht Trumps «transaktionales» Vorgehen aus?

Im Mittelpunkt steht der Eigennutz von Staaten beziehungsweise derer, die an der Staatsspitze stehen und politische mit eigenen wirtschaftlichen Interessen verknüpfen. In diesem Fall Trump, seine Familie und seine Kumpel aus der Wirtschaft, auch die Tech-Bros – viele davon sitzen mittlerweile in seiner Regierung. Sein transaktionales Vorgehen war bei dem Rohstoffabkommen mit der Ukraine vergangenes Jahr zu beobachten.

Und wie möchte Trump in die Geschichte eingehen?

Als ein mächtiger Staatsmann, der die militärische Stärke der USA – und die Drohung mit dieser militärischen Stärke – genutzt hat, um Macht und Prestige der USA zu steigern. Für ihn bedeuten Macht und Prestige die Erweiterung der Vereinigten Staaten und dass wir als Unilateralist die Welt kontrollieren. Das steht natürlich etwas in Kontrast zu seinem Wunsch, als «Friedenspräsident» in die Geschichte einzugehen.

Das Sternenbanner flattert vorerst nur an der Fassade des US-Konsulats in Nuuk. (14. Januar 2026)
Das Sternenbanner flattert vorerst nur an der Fassade des US-Konsulats in Nuuk. (14. Januar 2026)
Bild: Keystone/AP Photo/Evgeniy Maloletka

Ist angesichts der Gemengelage davon auszugehen, dass Trump von einer Übernahme oder Besetzung Grönlands ab- oder sich auf einen Deal mit der Insel und Dänemark einlässt?

Meines Erachtens wird es entweder zu einer wirtschaftlichen Übernahme oder einer militärischen Besetzung kommen. Die USA werden nicht zurückweichen. Trump kann jetzt nicht mehr zurückweichen. Er muss etwas herausholen. Alles andere wäre in seinen Augen eine Niederlage.

Könnte er nicht «nur» einen Rohstoff-Deal herausholen?

Es ist vorstellbar, dass er den grönländischen und dänischen Regierungen einen Deal anbietet. Quasi eine Erpressung: «Ich höre auf mit den Drohungen, wenn ihr mir die exklusiven Rechte auf die Nutzung von Rohstoffen gebt». Dann könnte er seinen Anhängern sagen: Schaut her, was ich mit meiner Macht und meinem Einfluss erreicht habe – ohne militärischen Einsatz. Er braucht die Symbolik eines Sieges auch für seine Basis.

Hätten bei einem exklusiven Rohstoff-Deal andere Länder und nicht-amerikanische Konzerne noch Zugang zu Grönlands Ressourcen?

Nein. US-Konzerne wären die einzigen, die in Grönland Rohstoffe abbauen könnten. Egal wie ineffizient und unprofitabel der Rohstoffabbau dort ist wegen der extremen klimatischen Bedingungen. Zwar wurden der grönländischen Regierung über 100 Bergbauprojekte vorgelegt, aber nur zwei Minen sind in Betrieb. Aber das ist eine andere Diskussion. Keine europäischen, keine australischen, keine kanadischen und schon gar keine chinesischen Konzerne hätten Zugang. Auch nicht in Zusammenarbeit etwa mit einem australischen Unternehmen. Die USA würden alles kontrollieren. Grönland wäre somit eine wirtschaftliche Kolonie Amerikas. Dänemark müsste zustimmen und Trump müsste keinen Cent bezahlen.

«Wir wollen keine Amerikaner sein»: Am Samstag (17. Januar 2026) sind auf Grönland viele Menschen mit einer klaren Botschaft an US-Präsident Donald Trump auf die Strasse gegangen.
«Wir wollen keine Amerikaner sein»: Am Samstag (17. Januar 2026) sind auf Grönland viele Menschen mit einer klaren Botschaft an US-Präsident Donald Trump auf die Strasse gegangen.
Bild: Keystone/AP Photo/Evgeniy Maloletka

Was würde ein solcher Ausgang für das politische Grönland bedeuten?

Grönland wäre dann bezüglich seiner politischen Selbstbestimmung im Grunde eine «hohle Kolonie». Die USA würde alles daran setzen, den politischen Rahmen so zu verändern, dass die Regierungsparteien die Avancen der USA akzeptieren können. Und sie würden die Regierung langsam austauschen.

Verbündete, Beobachter und Experten sagen, dass ein Angriff auf Grönland das Ende der Nato bedeuten würde. Wie gross ist das Risiko? Und würde der von Ihnen umrissene Deal den Fortbestand des Bündnisses sichern?

Wenn Trump militärische Gewalt anwendet, ist es das Ende der Nato. Wenn ein Wirtschaftsabkommen vereinbart wird und dieses als solches präsentiert wird – dann wäre es unter Zwang erreicht. Also: Pistole auf die Brust und die Wahl zwischen Unterschreiben oder militärischer Übernahme.

Und selbst einen solchen Deal könnte die Nato aus Ihrer Sicht nicht überstehen?

Nein. Egal ob man Trump Grönland übernehmen lässt oder nicht, selbst wenn er in gewisser Weise einlenkt – das Bündnis ist stark beschädigt und kaum mehr zu retten. Seit Trumps Rückkehr vor knapp einem Jahr ist nicht nur Amerika ein anderes Land. Da ist seine blindwütige Zerstörung regelbasierter Systeme, globaler und regionaler Institutionen und der Rechtsstaatlichkeit. Er versucht jede Idee von Multilateralismus und Sicherheitsbündnissen zu zerlegen. Er verachtet die liberale Weltwirtschaftsordnung, die liberale Staatsordnung und die Nato. Mit dem Streit um Grönland kann er das Ende der Nato herbeiführen – und er ist willens dazu. Anders als die Europäer und viele Amerikaner sieht Trump Russland nicht als Bedrohung Europas. So kann ein Nato-Bündnis nicht aufrechterhalten werden. Putin ist einer der Gewinner hier. Trump tut, was Putin will – er nimmt die Nato auseinander.

Was heisst das für die Nato-Mitgliedsstaaten und für Europa?

Sie müssen sich überlegen, wie sie sich auf diese neue Welt einstellen. Die Europäer müssen noch energischer aufrüsten und ihre Rüstungsindustrie stärken. Es ist längst offensichtlich, dass sie sich nicht mehr auf die USA verlassen können. Die Weltgemeinde traut den USA zu Recht nicht mehr. Wir haben das Vertrauen verspielt.

Reicht aufrüsten?

Notwendig wäre wohl auch eine neue westliche Sicherheitsorganisation – ohne die USA. Eine Allianz zwischen Europa, Grossbritannien und Staaten wie Australien, Neuseeland, Südkorea und Japan, die ähnlich wie die Nato einen Artikel 5 hat. Weil niemand, der noch bei klarem Verstand ist, wird auf die Hilfe der USA hoffen, sollte beispielsweise Nordkorea Südkorea überfallen oder China Taiwan oder Japan.

Eine überparteiliche Delegation des US-Kongresses ist Ende der Woche nach Kopenhagen gereist, um sich mit dänischen und grönländischen Regierungsvertretern zu treffen. Was kann der Kongress ausrichten?

Er ist nutz- und machtlos. Trump ignoriert ihn ohnehin und würde gegen jede versuchte Beschneidung seiner militärischen Befugnisse vor Gericht ziehen. Das wäre eine kleine Bodenschwelle für ihn. Er agiert jetzt ziemlich schnell, weil er und seine Leute von der Militäraktion in Caracas berauscht sind. Wenn er ein Land wie Venezuela ohne Verluste einnehmen kann, braucht er für die Annexion des rund zweimal grösseren, dünn besiedelten Grönlands gerade mal einen Nachmittag.

Aber sogar ein paar republikanische Senatoren haben Bedenken angemeldet.

Sie werden die Waffen bestimmt strecken, weil Trump mit seiner Unterstützung von Gegenkandidaten bei der nächsten Vorwahl drohen wird.

Wer formuliert aus Ihrer Sicht die Grönland-Strategie der US-Regierung?

Es ist hauptsächlich Trump und vermutlich zu einem grossen Teil auch Stephen Miller, obwohl er vor allem in der Innenpolitik sichtbar ist. Alle, einschliesslich Aussenminister Rubio, Vizepräsident JD Vance und die anderen Leute in Trumps Dunstkreis sind Ja-Sager, keiner bietet ihm die Stirn. Von Arktis-Experten auch keine Spur. Wie der renommierte Politikwissenschaftler John Mearsheimer sagt: «Wir sind zu einem Schurkenstaat geworden.» Ich kann das nur wiederholen. Und Trump ist stolz darauf. Die Zeiten, in denen wir Pariastaaten kritisierten, sind vorüber. Wir sind selber einer geworden.

Sie sprechen im Zusammenhang mit dem Grönland-Streit von «coercive diplomacy», also Zwangsdiplomatie. Wie setzt Trump diese ein?

Zwangsdiplomatie ist die glaub­hafte Drohung militärischer Gewaltanwendung. Trump wendet sie an, indem er ein Ultimatum stellt, in der Hoffnung, dass Grönland oder Dänemark darauf eingehen. Wenn nicht, wird schrittweise die Schraube angezogen.

Wie hat er bisher die Schraube angezogen?

Noch bevor er seine zweite Amtszeit antrat, schickte er seinen Sohn Don Jr. nach Nuuk. Das war ein Anziehen der Schraube. Im März schickte er Vance mitsamt Frau nach Grönland um die Pituffik Space Base zu besuchen – und der Vize äusserte dort scharfe Kritik an Dänemark. Ein weiteres Anziehen. Nur zwei Wochen nach dem Besuch wurde die Chefin der Basis entlassen, weil sie sich per E-Mail von Aussagen der US-Regierung distanziert haben soll. Die Strategie gipfelt vorläufig  im jüngsten Manöver: Er droht den Grönland-Freunden mit Zöllen.

Wie passt Trumps Ernennung des Gouverneurs von Louisiana, Jeff Landry, zum Sondergesandten für Grönland in diese Strategie?

Das ist ganz klar ein weiteres Anziehen der Schraube. Damit wird signalisiert, dass Landry Grönland zu einem US-Bundesstaat machen soll. Dieser erzkonservative Südstaaten-Politiker hat zwar keine Ahnung von der Arktis oder von dieser zu vier Fünfteln mit Eis bedeckten Insel , aber er ist ein grosser Trump-Loyalist und er hat Ahnung vom Tagesgeschäft eines Bundesstaates. Die Idee ist wohl, dass er Gouverneur eines US-Teilstaats ist und dass Grönland der 51. Teilstaat der USA werden könnte.

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