US-Konzerne gegen ICE-GewaltWirtschaftsbosse drängen Trump in offenem Brief zur Deeskalation
Gabriela Beck
27.1.2026
Eine Person versucht, Tränengas zu neutralisieren, das von Bundesbeamten der Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis eingesetzt wurde. (13. Januar 2026)
Bild: KEYSTONE/EPA/OLGA FEDOROVA
Erstmals seit Beginn der umstrittenen ICE-Einsätze formiert sich Widerstand aus den Chefetagen grosser US-Konzerne. Mit ungewöhnlich deutlichen Worten senden sie ein Signal Richtung Weisses Haus.
Redaktion blue News
27.01.2026, 19:36
Gabriela Beck
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
Nach tödlichen ICE-Einsätzen fordern führende US-Unternehmen Präsident Trump öffentlich zur Deeskalation auf.
CEOs wie Targets designierter Chef Fiddelke oder JP-Morgan-Chef Dimon kritisieren erstmals deutlich die Gewalt.
Auslöser sind moralischer Druck, Kundenproteste und zunehmende wirtschaftliche Risiken für die Unternehmen selbst.
Wochenlang hielten sich die Chefs grosser US-Konzerne bedeckt, während die Einwanderungsbehörde ICE mit umstrittenen Razzien für Empörung sorgte. Erst nach den tödlichen Schüssen auf den Intensivpfleger Alex Pretti in Minneapolis änderte sich der Ton – und Wirtschaftsbosse meldeten sich bereits einen Tag nach dem Vorfall geschlossen zu Wort.
Das All-American-Warenhaus Target, United Health Group, 3M und rund 60 weitere Unternehmen aus Minnesota äusserten sich in einem offenen Brief, den die Handelskammer von Minnesota auf ihrer Webseite veröffentlichte. Darin fordern sie eine «sofortige Deeskalation» und bessere Zusammenarbeit der Behörden.
CEOs that signed the letter included 3M CEO William Brown, Best Buy CEO Corie Barry, General Mills CEO Jeff Harmening, Target incoming CEO Michael Fiddelke, UnitedHealth Group CEO Stephen Helmsley, and others. https://t.co/pwFN8NGeB4
Auffällig war die Wortwahl: keine direkte Kritik an Präsident Donald Trump, aber eine klare Distanz zur eskalierenden Gewalt. Targets designierter CEO Michael Fiddelke sprach in einer Videobotschaft von «unglaublich schmerzhaften» Ereignissen, die Mitarbeiter und Stadt gleichermassen belasteten.
Unternehmen geben politische Zurückhaltung auf
Auch landesweit äusserten sich erstmals prominente Wirtschaftslenker kritisch, analysiert die Süddeutsche Zeitung. Jamie Dimon, Chef der Grossbank JP Morgan Chase, sagte beim Weltwirtschaftsforum in Davos, ihm gefalle nicht, was er da sehe. Der Investor Jason Calacanis nannte es «beschämend», den erschossenen Pfleger als Terroristen darzustellen. Solche Aussagen sind ungewöhnlich in einer Unternehmenswelt, die politische Zurückhaltung gewohnt ist.
Bemerkenswert ist dabei weniger der Inhalt der Kritik als ihre Herkunft. In der zweiten Amtszeit Trumps hatten sich viele Vorstandschefs demonstrativ loyal gezeigt oder öffentlich geschwiegen. Umso grösser ist nun die politische Sprengkraft, wenn ausgerechnet jene Unternehmen, die Trumps Wirtschaftskurs lange stützten, geschlossen vor staatlicher Gewalt warnen. Der Protest kommt nicht von Aktivisten oder Gewerkschaften, sondern aus den Vorstandsetagen selbst.
Dabei hatten viele CEOs Trump zuvor unterstützt – aus Hoffnung auf Steuersenkungen, Deregulierung oder aus Angst vor Repressalien. Besonders sichtbar wurde diese Anpassung beim schnellen Rückzug vieler Firmen aus Diversitätsprogrammen. Target galt als Symbol dieses Rechtsrucks. Doch die Strategie hatte ihren Preis: Boykottaufrufe, sinkende Umsätze und schliesslich der Rücktritt von CEO Brian Cornell.
ICE-Einsätze treffen Unternehmen direkt
Nun folgt eine erneute Kehrtwende. Management-Experte Jeffrey Sonnenfeld von der Yale-Universität spricht von einem Wendepunkt: Der kollektive Auftritt der Unternehmen sende ein starkes Signal. Der Druck kommt nicht nur von Kunden, sondern auch aus betrieblicher Sorge. ICE-Einsätze in Fabriken und auf Baustellen treffen zunehmend Unternehmen selbst – auch dort, wo Arbeiter gültige Visa besitzen.
Der Bundesstaat Minnesota reichte diesen Monat eine Klage ein, in der er fordert, die Einwanderungsmassnahmen zu stoppen, und wies dabei auf die verheerenden wirtschaftlichen Folgen hin. In der Klage wurde behauptet, dass einige Unternehmen Umsatzrückgänge von bis zu 80 Prozent gemeldet hätten, berichtet der US-Sender ABC.
Gleichzeitig bleibt offen, wie weit der Einfluss der Wirtschaft tatsächlich reicht. Trump hat in der Vergangenheit gezeigt, dass er selbst mächtige Konzernchefs öffentlich brüskiert oder ignoriert, wenn es seinem politischen Kalkül dient. Für die Unternehmen bedeutet das: Wer sich jetzt äussert, geht ein Risiko ein – reputativ, wirtschaftlich und politisch.
Präsident Trump kündigte inzwischen an, Teile der Einsatzkräfte aus Minneapolis abzuziehen. Ob dies dem Druck der Wirtschaft geschuldet ist oder sinkenden Umfragewerten, bleibt offen. Sicher ist jedoch: Die amerikanischen Wirtschaftsbosse haben ihre Zurückhaltung aufgegeben.
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