Drama auf See geht weiter Viehfrachter mit 3000 Rindern an Bord ist nicht mehr zu orten

Marjorie Kublun

21.11.2025

Seit zwei Tagen fehlt von der Besatzung und dem Frachter Spiridon II jede Spur.
Seit zwei Tagen fehlt von der Besatzung und dem Frachter Spiridon II jede Spur.
Bild: Screenshot Animal Welfare Foundation

Die Lage des Schiffes Spiridon II mit rund 3000 Rindern an Bord, das seit Wochen auf hoher See unterwegs ist, wirft ernsthafte Fragen auf: Seit zwei Tagen fehlt von der Besatzung und dem Transporter jede Spur. Blue News gibt einen Überblick über die Lage.

Marjorie Kublun

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Die Spiridon II ist seit zwei Monaten unterwegs und musste nach der Ablehnung durch die Türkei wochenlang mit rund 3000 Rindern vor der Küste ausharren, weil fehlende Dokumente das Entladen verhinderten.
  • Seit über zwei Tagen ist das Schiff spurlos verschwunden, da das AIS-Ortungssystem abgeschaltet wurde – ein ungewöhnlich langer Ausfall in einem stark befahrenen Seegebiet.
  • Tierschützer stellen kritische Fragen zum Zustand der Crew, zur Navigation und zu möglichen illegalen Aktivitäten wie dem Entsorgen von Tierkadavern oder Gülle im Mittelmeer – was einen MARPOL-Verstoss darstellen würde.
  • Der Fall löst grosse öffentliche Resonanz aus: Die Mitmachaktion der Tierschutzorganisation erhält im Minutentakt Unterschriften, die in den kommenden Tagen der Welttiergesundheitsorganisation WOAH übergeben werden sollen.

Die Spiridon II, die vor zwei Monaten in Uruguay gestartet ist, sorgt seit der türkischen Ablehnung der Tiere für Schlagzeilen: Der Transporter mit knapp 3000 Rindern musste nach der langen Überfahrt wochenlang vor der türkischen Küste ausharren, weil das Schiff wegen fehlender Dokumente nicht entladen werden durfte.

Nun fehlt von dem Tiertransportschiff seit über zwei Tagen jede Spur, da es sein AIS Ortungssystem abgestellt habe und über die gängigen Ortungssysteme nicht mehr zu sehen ist. «Ein so langer Ausfall des AIS in so einem hochfrequentiertem Seegebiet wie dem Mittelmeer ist wirklich besorgniserregend», so Tabea von Ow, Sprecherin der Animal Welfare Foundation und des Tierschutzbund Zürich. Die Tierschutzorganisationen machten den Fall publik.

«Man fragt sich, ob die Navigation des Schiffes noch funktioniert. Ist die Crew noch wohlauf? Was sind die Zustände an Bord? Und natürlich auch: Wurde das System abgeschaltet, um Illegales zu tun, wie Tierkadaver oder Gülle unsachgemäss ins Mittelmeer zu entsorgen?». Sollte Letzteres zutreffen, wäre es ein Verstoss gegen das Meeresschutzabkommen MARPOL.

Zum Eigner des Schiffes, der die Tierschutzorganisation über den Fall informiert hatte, gibt es mittlerweile keinen Kontakt mehr.

Die Chancen, dass die Rinder irgendwo an Land gehen dürfen, sind äusserst gering: Alle potenziell betroffenen auf der Strecke befindlichen Staaten verfügen über strenge Seuchenschutzbestimmungen, die eine Einfuhr dieser Tiere verhindern. In der Türkei scheiterte das Entladen daran, dass bei rund 500 Rindern die Dokumente nicht korrekt waren – und ähnliche Probleme wären auch in anderen Häfen zu erwarten. «Der zweite Grund ist, dass der Zustand der Tiere inzwischen so schlecht sein dürfte, dass sie vermutlich sowieso nicht mehr eingeführt werden dürften», so von Ow. «Wie viele Rinder tot sind und wie viele leben, können wir derzeit nicht sagen. Eins ist klar: Jeden Tag sterben auf diesem Frachter weitere Tiere».

Tiere von ihrem Leid befreien

«Unsere Hoffnung ist jetzt, dass man Behörden entlang der Route dazu bewegen kann, das Schiff zu inspizieren, um Tiere unter tierärztlicher Aufsicht von ihrem Leid zu erlösen. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die zuständigen Behörden zum Handeln zu bewegen. Der Erfolg hängt aber davon ab, ob das Schiff anhält», erklärt von Ow.

Tierschutzbedenken allein reichen allerdings nicht aus, um ein Schiff auf hoher See zu stoppen. Eingreifen dürfen Behörden nur aus anderen, rechtlich klar definierten Gründen – etwa bei Verdacht auf Drogenschmuggel, was eine Kontrolle durch die Meerespolizei ermöglichen würde. Auch bei Anzeichen für Umweltverschmutzung könnten entsprechende Stellen einen Stopp anordnen und eine Inspektion durchführen. «Deshalb versuchen wir derzeit parallel, bei verschiedenen Behörden eine solche Kontrolle zu erwirken», so die Sprecherin.

Einzelnen Akteuren die Schuld zuzuschieben, greife allerdings zu kurz. Letztlich ist es ein globales System, das solche Fälle möglich macht. «Solange es solche Transporte gibt, wird es immer Fehler geben, die dazu führen, dass tausende Tiere sterben. Darum kämpfen wir dafür, dass diese Lebendtiertransporte per Schiff unbedingt beendet werden».

«Solange es solche Transporte gibt, wird es immer Fehler geben, die dazu führen, dass tausende Tiere sterben»

Das Problem sei kein isoliertes, sondern ein weltweites, betont die Organisation. Die globale Tierproduktion – etwa in der Milchindustrie – erzeugt enorme Überschüsse, für die internationale Abnehmer gesucht werden. «Aus der EU werden jährlich rund drei Millionen Rinder und Schafe per Schiff in Drittländer exportiert, darunter auch Tiere aus Deutschland. «Aus der Schweiz werden nach unserem Kenntnisstand keine «Nutz»-Tiere mit Tiertransportschiffen exportiert», so die Sprecherin der Animal Welfare Foundation und des Tierschutzbunds Zürich.

Drama auf See schlägt hohe Wellen

Das Drama sorgt nicht nur in den Medien für Aufsehen, sondern bewegt auch die Bevölkerung. Die Tierschutzorganisation erhält im Minutentakt neue Unterschriften für ihre Mitmachaktion, mit der man die Welttiergesundheitsorganisation (WOAH) zum Handeln auffordern kann. «Wir werden der Behörde in den kommenden Tagen die gesammelten Unterschriften überreichen», so von Ow. In der Hoffnung, dass solche Dramen auf hoher See eines Tages der Vergangenheit angehören.