Risse in der MAGA-Fassade Worum es im Streit Trumps mit Tucker Carlson wirklich geht

Jan-Niklas Jäger

6.3.2026

Früher verstanden sich Tucker Carlson und Donald Trump prächtig. (Archivbild)
Früher verstanden sich Tucker Carlson und Donald Trump prächtig. (Archivbild)
Bild: Seth Wenig/AP/sda

Donald Trump hat sich von einem seiner grössten und einflussreichsten Unterstützer distanziert. Der Bruch mit Tucker Carlson offenbart, wie tief die Risse im MAGA-Lager sind.

Jan-Niklas Jäger

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Der ultrakonservative US-Moderator Tucker Carlson hat sich mit US-Präsident Donald Trump überworfen.
  • Gegenstand des Streits ist der gemeinsame Angriff der USA mit Israel gegen den Iran.
  • Für Carlson und andere ehemalige Unterstützer*innen Trumps verrät der Präsident mit seiner Aussenpolitik eines der Kernideale der MAGA-Bewegung.
  • Trump schiesst scharf zurück und schliesst Carlson aus MAGA aus.
  • Bei dem Streit geht es um die Meinungshoheit innerhalb der Bewegung, die seit dem Beginn von Trumps zweiter Amtszeit immer mehr Risse offenbart.

Bis vor kurzem war Tucker Carlson einer der wichtigsten Verbündeten Donald Trumps in der US-amerikanischen Medienlandschaft. Doch dessen Kritik am Iran-Krieg kommt im Weissen Haus überhaupt nicht gut an.

Der US-Präsident straft den einflussreichen Journalisten nun mit einem Ausschluss aus dem Club, unter dessen ideologischem Dach er die Republikanische Partei reformiert und nach Rechtsaussen gesteuert hat: «Er ist nicht MAGA», schreibt Trump auf seinem eigenen Kurznachrichtendienst Truth Social.

«MAGA bedeutet, unser Land zu retten. MAGA bedeutet, unser Land wieder gross zu machen. MAGA bedeutet America First, und Tucker ist nichts von alledem», urteilt Trump und schliesst mit einer besonders scharfen Spitze: «Tucker ist nicht schlau genug, um das zu verstehen.»

Doch wer genau ist Tucker Carlson, warum hat dessen Bruch mit Trump eine so grosse Bedeutung und was sagt der Streit über den Zustand der MAGA-Bewegung aus? blueNews liefert die Antworten auf diese und andere Fragen.

Wer ist Tucker Carlson?

Tucker Carlson ist eine der einflussreichsten und umstrittensten Persönlichkeiten der US-amerikanischen Medienlandschaft. Im Verlauf seiner mehr als 30-jährigen Karriere in der Branche driftete er mit der Zeit immer weiter nach rechts ab.

Hatte er 1995 noch eine Anstellung bei dem konservativen Magazin «The American Spectator» aus Furcht abgelehnt, als radikal abgestempelt zu werden, liebäugelte er spätestens seit seinem Wechsel zu Fox News im Jahr 2009 zunehmend mit extrem rechten Positionen.

Das Geschäftsmodell des Senders, Empörung in hohe Einschaltquoten umzuwandeln, beherrscht er wie kaum ein anderer – und steigt zu einem der grossen Stars des Senders auf.

2021 war seine Fox-Show «Tucker Carlson Tonight» die am meisten gesehene Nachrichtensendung in den Vereinigten Staaten. 2023 kam es zum Bruch mit dem erzkonservativen Sender: Fox News entliess seinen Starmoderator. Fox-Chef Rupert Murdoch, der zu dieser Zeit versuchte, sich von Donald Trump zu distanzieren, soll höchstpersönlich für den Schritt verantwortlich gewesen sein.

Eine offizielle Begründung gab es nicht. Es wird vermutet, dass Carlsons Entlassung mit einer durch seine Berichterstattung über den Sturm des Kapitols am 6. Januar 2021 ausgelösten Klage und/oder internen Nachrichten zusammenhing, in denen er die Führung des Senders mit vulgärer Wortwahl kritisierte.

Eine Videoreaktion Carlsons auf Twitter wurde mehrere Millionen Mal abgerufen. Seitdem moderiert Carlson eine Online-Show, die über Elon Musks Kurznachrichtendienst X abgerufen werden kann.

Ausserdem moderiert er den erfolgreichen Podcast The Tucker Carlson Show. Im Februar 2024 wurde Carlson zum ersten Journalisten der Westlichen Welt, der seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine ein Interview mit Kremlchef Wladimir Putin führte.

Wie war Carlsons Beziehung zu Trump vor dem Zerwürnis?

Die Beziehung zwischen Donald Trump und Tucker Carlson, zwei Schlüsselfiguren in Amerikas Transformation zu einem Land, in dem Politik und Kultur von Populismus und Kulturkrieg dominiert werden, hat einige Wandlungen durchgemacht.

Als Trump 2015 auf der politischen Bildfläche erschien, schlug sich der Moderator zuerst auf die Seite des republikanischen Establishments, das durch Trumps Erfolg bei den Vorwahlen um die republikanische Präsidentschaftskandidatur bei den Wahlen 2016 herausgefordert worden war. Doch das sollte nicht von Dauer sein.

Je mehr Einfluss Trump über die Republikanische Partei erlangte, umso mehr wandte sich Carlson von seiner Kritik an dem Unruhestifter ab. Schliesslich wandte er sich gegen die sogenannten RINOs (Abkürzung für: Republicans in name only, also: Republikaner nur dem Namen nach), die die konservative Partei bis dahin geführt hatten. Carlson hatte erkannt, dass Donald Trump für die Republikaner der Zukunft stand und stellte sich kompromisslos an dessen Seite.

Zu Zeiten, als andere Fox-Shows Trumps Rolle innerhalb der konservativen Bewegung noch skeptisch sahen und versuchten, den zukünftigen Präsidenten kleinzuhalten, fanden Anhänger*innen von dessen MAGA-Bewegung in seiner Show eine Heimat im Nachrichtenfernsehen.

Trump belohnte Carlsons Unterstützung mit einer engen Beziehung, von der beide profitierten. Der Präsident empfing den Journalisten mehrmals im Weissen Haus. 2024 war Carlson einer der prominentesten Redner bei Republican National Convention , dem vierjährigen Parteitag, bei dem die Republikaner ihre Kandidaten für die Präsidentschaft und Vizepräsidentschaft bei der anstehenden Wahl offiziell nominieren.

Wie kritisiert Carlson Trump? Wieso jetzt?

Für Tucker Carlson stellt der Krieg, den die USA an der Seite von Israel mit dem Iran führen, einen Bruch mit den Prinzipien der MAGA-Bewegung dar. Trumps Slogan «America First» wurde seit Beginn seiner Laufbahn als Bekenntnis zu einem Fokus auf innenpolitische Probleme der USA gesehen, während sich das Land aus internationalen Konflikten herauszieht.

Den Angriff auf den Iran hat Carlson in einem Gespräch mit dem Journalisten Jonathan Karl als «absolut widerwärtig und bösartig» bezeichnet. «Es fällt mir schwer, das zu sagen», führte Carlson seine Kritik in seinem Podcast fort, «aber die Vereinigten Staaten haben hier nicht die Entscheidung gefallen. Das war Benjamin Netanjahu.»

Welche Bedeutung hat der Streit für MAGA?

Das Zerwürfnis zwischen Trump und dem Starmoderator offenbart einmal mehr, dass die Einheit der MAGA-Bewegung immer brüchiger wird. Dass im Fokus des Konflikts zentrale ideologische Werte der Bewegung stehen, macht die ganze Angelegenheit ein ganzes Stück brisanter.

Für die Kritiker*innen von Trumps militärischen Interventionen – nicht nur im Iran, sondern auch etwa in Venezuela – hat der Präsident dem MAGA-Kernprinzip des Isolationalismus den Rücken zugekehrt. Für sie stellt die aussenpolitische Wende einen Rückschritt dar.

Tatsächlich war Trump der erste US-Präsident seit Jimmy Carter, der in keinen neuen bewaffneten Konflikt eingestiegen ist. Der Demokrat Carter sass von 1977 bis 1981 im Weissen Haus.

Militärische Interventionen gehören eher zum Inventar des Neokonservativismus, von dem die Republikaner vor Trumps Aufstieg geprägt waren. Der Irakkrieg unter Präsident George W. Bush gilt als Paradebeispiel dafür – und als Ursprung für die Verschärfung mehrerer gewalttätiger Konflikte im Nahen Osten sowie des Erstarkens von terroristischen Organisationen wie dem Islamischen Staat.

Tucker Carlson ist auch nicht der einzige ehemalige Verbündete Trumps, der sich in dieser Frage gegen das Weisse Haus positioniert hat. Die Moderatorin Megyn Kelly, ebenfalls eine ehemalige Fox-Angestellte, die einmal zu den bekanntesten Gesichtern des Sender gezählt hat, sieht in dem Irankrieg auch keine Angelegenheit der USA.

Über die ersten Kriegsopfer auf amerikanischer Seite sagte sie: «Ich glaube nicht, dass diese Mitglieder des Militärs für die Vereinigten Staaten gefallen sind. Ich glaube, sie sind für den Iran oder Israel gefallen.» Auch die rechtspopulistische Influencerin Candace Owen und der bekannte Nationalist Nick Fuentes betrachten Trumps militärische Handlungen als Verrat seiner Ideale.

Die ehemalige Abgeordnete Marjorie Taylor Greene, einst eine der glühendsten Vereherer*innen Trumps, schrieb in den Sozialen Medien: «Und nun kehren Amerikaner*innen einmal mehr in von Flaggen bedeckten Särgen aus einem weiteren sinnlosen Krieg für den Sturz eines ausländischen Regimes im Namen Israels heim.»

Trotz der verhältnismässig hohen Anzahl an prominenten Dissident*innen aus den eigenen Reihen steht die Mehrheit der MAGA-Anhänger*innen jedoch weiterhin hinter dem Präsidenten. Umso härter teilt der gegen die Abweichler*innen aus. Denn es geht um nicht weniger als um die Meinungshoheit innerhalb seiner eigenen politischen Bewegung.

Wie reagiert Carlson auf Trumps Schelte?

Erstaunlich zahm. Dem Portal «Status» teilte Carlson mit: «Es gibt Zeiten, in denen mich Trump nervt, dazu gehört auch jetzt. Aber ich werde ihn immer lieben, ganz egal, was er über mich sagt.»

Auch wenn der Moderator von Trump persönlich aus der MAGA-Bewegung ausgeschlossen wurde, bleibt abzuwarten, ob der Bruch von Dauer sein wird.