Inflation trifft Brasiliens Arme hart

Von David Biller und Diane Jeantet, AP

13.10.2021 - 06:35

epa09189555 Geraldo Pereira, 60, lives in a van with his wife in a central street in Sao Paulo, Brazil, 07 May 2021 (issued 10 May 2021). A couple of vans, a school bus, and a motor home occupy a street near one of Sao Paulo's busiest subway stops. A couple of vans, a school bus, and a motor home occupy a street near one of Sao Paulo's busiest subway stops. Inside it live the Brazilian 'nomads', people who lost everything in the 2015 crisis and were forced to make their vehicles home. Who lives on wheels in Brazil moves between and through neighborhoods of the same city, always in search of a safe place where be able to do small jobs. EPA/Sebastiao Moreira
Geraldo Pereira, 60, lebt mit seiner Frau in einem umfunktionierten Lieferwagen im Zentrum von São Paulo – für eine Wohnung oder gar ein Haus fehlt vielen in Brasilien das Geld.
Bild: Keystone/EPA/Sebastiao Moreira

Brasilien leidet unter einer zweistelligen Inflation. Alles Mögliche hat sich drastisch verteuert, von Benzin über Strom bis hin zum Fleisch. Das trifft jene besonders hart, die ohnehin schon wenig haben.

Von David Biller und Diane Jeantet, AP

13.10.2021 - 06:35

Francielle de Santana lebt in einer Bretterbude in Rio des Janeiros Stadtteil Gramacho, neben einer ausgedehnten ehemaligen Abfallhalde. Sie hat zu Hause weder fliessendes Wasser noch Strom und sammelt im Müll Altmetall, um sich Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen. Aber es reicht kaum für etwas Hühnchen auf dem Esstisch.

«Für zehn Real (knapp 1,70 Franken) konnten wir früher eine Menge bekommen, aber jetzt kriegen wir nur drei oder vier Stücke. Für drei oder vier Leute ist das wenig», sagte die 31-Jährige der Nachrichtenagentur AP. «Reis hat früher drei Real gekostet, jetzt ist er teuer.»

Wie ihr geht es vielen in Brasilien. Das Land leidet unter einer hohen Inflation, sie hat im 12-Monate-Zeitraum bis Ende September 10,25 Prozent erreicht, wie die staatliche Statistikbehörde kürzlich mitteilte. Und das trifft die Armen im Land besonders hart. Rasant gestiegene Preise für Benzin, Fleisch, Strom und vieles mehr machen es für sie noch schwerer, genug für das Notwendigste zum Leben zusammenzukratzen.



Engpässe bei Waren-Nachschub

Nicht weit von De Santana entfernt bereitet Rentnerin Leide Laurentino auf einem improvisierten Holzofen Hühnchenschenkel zu. Der Preis für Gas zum Kochen ist der gemeinnützigen Einrichtung Petrobras Social Observatory zufolge im September auf den höchsten Stand seit 20 Jahren gestiegen, und Laurentino muss ihres rationieren. «Wenn ich nur mit Gas kochen würde, hätte ich nicht genug. Sogar für Kaffee verwende ich Holz», sagt die 73-Jährige. «Manchmal kann ich nachts Essen aufwärmen, aber wenn es regnet, esse ich es kalt.»

In den verteuerten Brennstoffen spiegelt sich ein Anstieg der Ölpreise wider, zumal viele Länder mit genügend Corona-Impfstoffen nun wieder zu einem Leben der Mobilität zurückgekehrt sind. Engpässe beim Waren-Nachschub haben auch andere Preise in die Höhe schnellen lassen. So haben die USA vor einem leichten Rückgang im August eine Inflation von 5,4 Prozent auf Jahresbasis verzeichnet, der höchste Stand seit 2008. Der Nahrungsmittelpreis-Index der UN-Welternährungsorganisation erreichte im September einen so hohen Wert wie zuletzt vor zehn Jahren.

Aber bei der Inflation in Brasilien spielen auch örtliche Faktoren eine Rolle, wie Andre Perfeito, Chefökonom der Investmentmaklerfirma Necton, sagt. So habe die schlimmste Dürre seit neun Jahrzehnten hydroelektrische Reservoirs geleert. Stromversorger hätten teurere thermoelektrische Anlagen einsetzen müssen, und der Staat sei gezwungen gewesen, einen «Wasserverknappungstarif» bei den Strompreisen einzuführen. Zudem habe ein starker Verfall der Währung die Importe verteuert.



Inflation zehrt an Bolsonaros Umfragewerten

Hat die Gesamtinflation in Brasilien erst kürzlich die Zweistelligkeit erreicht, befand sich der Preisanstieg spezieller Waren und Güter schon vorher in diesem Bereich. Ende September betrug er auf Jahresbasis bei Strom 28,8 Prozent, bei Gas zum Kochen 34,7 Prozent, bei Hühnern 28,8 und bei Fleisch 24,8 Prozent. In der vergangenen Woche veröffentlichte eine Zeitung in Rio auf der Titelseite ein Bild, das Menschen beim Durchwühlen einer Lastwagen-Ladung voller Tierknochen zeigt – das löste verbreitet Schock aus.

Die Inflation ist ein Faktor, der an den Umfragewerten von Präsident Jair Bolsonaro zehrt – den niedrigsten seit seiner Amtsübernahme Anfang 2019. Und im nächsten Jahr stehen wieder Wahlen an, Bolsonaro will erneut kandidieren.

Das Land trägt noch die psychischen Narben einer Periode der Hyperinflation, die Mitte der 1990er-Jahre endete. Die zuletzt vor Bolsonaro gewählte Präsidentin des Landes, Dilma Rousseff, war 2016 unter dem Vorwurf von Verstössen beim Umgang mit den Staatsfinanzen abgesetzt worden – nur wenige Monate, nachdem die Inflation über die Zehn-Prozent-Marke geklettert und zu einem Thema bei Strassenprotesten geworden war. Auch bei einer jüngsten Demonstration gegen Bolsonaro am Sonntag gab es verbreitet Klagen über die Verteuerung.



Kaum Grund auf bessere Zeiten zu hoffen

Nach einer kürzlichen Einschätzung des brasilianischen  Zentralbankchefs Roberto Campos Neto hat die Inflation wahrscheinlich im September ihren Höhepunkt erreicht. Von der Bank befragte Volkswirtschaftler erwarten, dass sie Ende 2021 bei 8,51 Prozent liegen wird, um sich dann bis Ende 2022 auf 4,14 Prozent zu verlangsamen.

Was nicht heisst, dass die Armen im Land auf wirklich bessere Zeiten hoffen können, wie Perfeito sagt. Demnach hat der vorausgesagte erwartete Rückgang der Inflation teilweise mit der Erwartung zu tun, dass sich die Wirtschaft im nächsten Jahr abschwächt.

Und schon die Corona-Pandemie hat die Ärmeren besonders hart getroffen. Jacqueline Silva verdiente ihren Unterhalt mit dem Verkauf von Kühlausrüstung, gerade genug, um nicht die staatlichen Wohlfahrtsprogramme in Anspruch nehmen zu müssen. Im vergangenen Jahr verlor sie ihren Job, konnte ihre Miete nicht mehr bezahlen und zog mit ihrer kleinen Tochter in ein besetztes Haus im Zentrum von Rio. Zum ersten Mal in ihrem Leben ging sie betteln, «ich bin vor Scham fast gestorben, aber es blieb mir nichts anderes übrig», sagte die 19-Jährige der Nachrichtenagentur AP.



Suche nach Essbarem in Abfällen von Fleischlastwagen

Sie erhielt dann einige Spenden wie Windeln für ihr Baby und Grundnahrungsmittel, aber benötigt dringend einen Job. Sie hat sich um alle möglichen bemüht, aber bislang ohne Erfolg – und sich daher jenen angeschlossen, die regelmässig auf den Fleischlastwagen warten, um in den Abfällen nach Essbarem zu suchen.

Wenn er denn kommt. Dieses Mal ist er ferngeblieben, anscheinend wegen der Schockwellen, die das Zeitungsbild ausgelöst hatte. Das heisst, dass Silva und die anderen Wartenden woanders Fleisch auftreiben oder, wie jetzt so oft, darauf verzichten müssen.

Von David Biller und Diane Jeantet, AP