Mehr als 140 Tote durch Hochwasserkatastrophe 

dpa

17.7.2021 - 09:17

Die Wassermassen gehen zurück. Nach und nach wird das Ausmass der Katastrophe deutlich. Allein im Hochwasser-Hotspot Ahrweiler gibt es mindestens 90 Tote – und die Behörden befürchten weitere Opfer.

dpa

17.7.2021 - 09:17

Bei der Unwetterkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen sind mindestens 141 Menschen ums Leben gekommen. Zahlreiche Menschen werden noch vermisst. Während mancherorts schon die  Aufräumarbeiten begannen und an einigen Stellen die Pegel leicht zurückgingen, blieb die Lage am Samstag in vielen Regionen angespannt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rief zu Solidarität mit den Betroffenen auf, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird am Sonntag im Krisengebiet erwartet.

Im Raum Ahrweiler in Rheinland-Pfalz erhöhte sich die Todeszahl im Zusammenhang mit der Hochwasserkatastrophe auf 98, wie die Polizei Koblenz am Nachmittag bekanntgab. Die Zahl der Verletzten stieg demnach auf 670. Die Gesamtzahl der bestätigten Todesopfer in NRW lag bis zum Nachmittag bei 43. Die Zahl der Toten übertrifft mittlerweile um ein Mehrfaches jene der sogenannten Jahrhundertflut aus dem Jahr 2002, bei der in Sachsen 21 Menschen gestorben waren.

Zwölf Heimbewohner mit geistiger Behinderung ertrunken

Mit den jüngsten Zahlen aus Rheinland-Pfalz steigt die Gesamtzahl der Todesopfer bei der Flutkatastrophe im Westen Deutschlands auf mehr als 130. Aus dem ebenfalls schwer getroffenen Nordrhein-Westfalen waren zuletzt 43 Tote gemeldet worden.

Unter den Toten in Rheinland-Pfalz sind zwölf Bewohner einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung in Sinzig, an der Mündung der Ahr in den Rhein. «Das Wasser drang innerhalb einer Minute bis an die Decke des Erdgeschosses», sagte der Geschäftsführer des Landesverbands der Lebenshilfe Rheinland-Pfalz, Matthias Mandos. Die Nachtwache habe es noch geschafft, mehrere Bewohner in den ersten Stock des Wohnheims zu bringen. «Als er die nächsten holen wollte, kam er schon zu spät.»

Damm der Rur im Kreis Heinsberg gebrochen

Angespannt ist die Hochwasserlage nach wie vor im nordrhein-westfälischen Wassenberg im Kreis Heinsberg. Nach dem Bruch eines Damms der Rur wurde hier der Stadtteil Ophoven evakuiert. Laut Bezirksregierung sind von dieser Massnahme 700 Anwohner betroffen. Für zwei weitere Stadtteile – Effeld und Steinkirchen – gab es in der Nacht eine Vorwarnung, dass es zur Evakuierung kommen könnte. Zuletzt sprach die Stadt allerdings von einem «stagnierenden Wasserpegel».

Die Rur hat ihre Quelle in der Eifel und mündet bei Roermond in den Niederlanden in die Maas. Laut WDR sieht Wassenbergs Bürgermeister Marcel Maurer (CDU) einen möglichen Grund für den Dammbruch auf niederländischer Seite: Dort seien Schleusenklappen geschlossen worden, so dass es zum Rückstau der Wassermassen gekommen sei.

In Rheinland-Pfalz hat sich die Hochwassergefahr laut Frühwarnprognose des Landesamts für Umwelt Rheinland-Pfalz zuletzt verringert. In vielen Ortschaften ist aber weiterhin das Strom- und Telefonnetz ausgefallen. Angehörige, Freunde oder Bekannte, die jemanden vermissen, können sich unter der Rufnummer 0800 6565651 bei der Polizei melden.

In der Nacht war die Polizei nach Angaben des Präsidiums mit vielen Einsatzkräften in den betroffenen Ortslagen im Einsatz. Durch das Unwetter seien viele Strassen im Ahrtal weiterhin gesperrt oder nicht mehr befahrbar. Der Zugverkehr ist in Rheinland-Pfalz wegen der Überflutungen weiterhin massiv beeinträchtigt.

Steinmeier besucht Hochwasser-Hotspot in NRW

Während Bundeskanzlerin Angela Merkel einen baldigen Besuch in der schwer verwüsteten Region in Rheinland-Pfalz plant, wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Samstag im Rhein-Erft-Kreis in Nordrhein-Westfalen erwartet. Nach Angaben des Bundespräsidialamtes besucht Steinmeier am Mittag zusammen mit NRW-Ministerpräsident Armin Laschet Erftstadt, wo in den vergangenen Tagen zahlreiche Häuser und Autos weggespült worden waren. Er will sich in der Feuerwehrleitzentrale ein Bild von der aktuellen Lage machen und mit Rettungskräften sprechen.

Bis Freitagabend war noch offen, ob es in Erftstadt Todesopfer zu beklagen gibt. «Wir gehen von mehreren Toten aus, wissen es aber nicht», sagte der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU).

Ministerpräsident Laschet sprach von einer «Flut-Katastrophe von historischem Ausmass». Seine Amtskollegin aus Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer (SPD), nannte die Lage «weiterhin extrem angespannt in unserem Bundesland». Sie fügte in Trier hinzu: «Das Leid nimmt auch gar kein Ende.» Bei einer Videokonferenz mit Laschet hatte Merkel kurz- und langfristige Unterstützung durch den Bund für die betroffenen Menschen zugesichert.

dpa