Sogar Waffenlobby ist entrüstet Zehn Schüsse, ein Toter – Analyse des aktuellsten Dramas in Minneapolis

Philipp Dahm

26.1.2026

Tödliche Schüsse in Minneapolis schüren Zorn auf Trump

Tödliche Schüsse in Minneapolis schüren Zorn auf Trump

Tödliche Schüsse bei einem Einsatz von ICE-Beamten in Minneapolis lassen die Wut auf Präsident Donald Trump und das Vorgehen seiner Regierung gegen ihre eigenen Landsleute hochkochen.

25.01.2026

Schon wieder stirbt in Minneapolis ein Mensch nach Schüssen von ICE-Agenten. Wer war Alex Pretti? Was passierte vor der Eskalation? Und wie reagieren die Behörden? 

Philipp Dahm

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Wer war Alex Pretti? Ein flüchtiger Blick auf den 37-Jährigen, der am 24. Januar in Minneapolis von ICE-Agenten erschossen wurde.
  • Die Schüsse: blue News zeigt keine Videos der Tat, ordnet den Hergang aber mit Bildern ein, die entstehen, bevor abgedrückt wird.
  • Die Waffe und die NRA: Es gibt kein Bild, das Pretti mit der Pistole in der Hand zeigt. Der Besitz war legal. Verkehrte Welt: Nun wettert ausgerechnet die Waffenlobby gegen die Regierung.
  • Wenn das Ergebnis schon feststeht: ICE-Schützen werden nicht getrennt und können ihre Aussagen abstimmen, während ihre Bosse die Vorverurteilung des Opfers übernehmen.
  • Bondis «Deal»: Am Tag von Prettis Tod macht die Justiziministerin Minnesotas Gouverneur Tim Walz ein Angebot. Wenn er diese drei Dinge erfüllt, zieht Pam Bondi die ICE-Agenten ab.

Wer war Alex Pretti?

Alex Pretti ist 37 Jahre alt, als er am 24. Januar in den Strassen von Minnepaolis im Bundesstaat Minnesota erschossen wird. Er hat als Pfleger auf der Intensivstation in einem Veteranen-Spital in der Stadt gearbeitet. blue News berichtete bereits über sein Leben.

Alex Pretti ging gern wandern, teilt seine Familie mit, und veröffentlicht dieses Foto.
Alex Pretti ging gern wandern, teilt seine Familie mit, und veröffentlicht dieses Foto.
Pretti Family

Pretti hat keine Vorstrafen und besitzt einen Waffenschein. Er hat sich den Protesten angeschlossen, nachdem Renee Nicole Good in seiner Heimatstadt getötet worden ist, sagt seine Familie.

Alex from our time working together, while he was in nursing school. Later, he moved to ICU, working as a nurse to support critically ill Veterans. He had such a great attitude. We’d chat between patients about trying to get in a mountain bike ride together. Will never happen now

[image or embed]

— Dimitri Drekonja, MD, MS (@dimitridrekonja.bsky.social) 24. Januar 2026 um 20:39

«Wir sind untröstlich, aber auch sehr wütend», teilen seine Eltern laut CBS in einer Erklärung mit. «Alex war ein gutherziger Mensch, der sich sehr um seine Familie und Freunde und auch um die amerikanischen Veteranen kümmerte. [...] Alex wollte in dieser Welt etwas bewirken.»

Alex Pretti was a colleague at the VA. We hired him to recruit for our trial. He became an ICU nurse- I lover working with him. He was a good kind person who lived to help and these fuckers executed him. White. Hot. Rage.

— Dimitri Drekonja, MD, MS (@dimitridrekonja.bsky.social) 24. Januar 2026 um 20:31

Dass Kristi Noem, die Chefin des Heimatschutzministeriums, den Toten als Inlandsterroristen bezeichnet, treibt seine Angehörigen um. Sie bestreiten, dass Alex bei seinem Aufeinandertreffen mit ICE zu irgendeinem Zeitpunkt eine Waffe zieht. «Die abscheulichen Lügen, die die Administration über unseren Sohn erzählt, sind verwerflich und ekelhaft.»

Wie kam es zu den Schüssen?

Aus Pietätsgründen zeigt blue News die verschiedenen Videos nicht, die die tödliche Szene dokumentieren. «MS Now» nimmt diese Clips zusammen mit Darrin Porcher, der früher Lieutenant beim New York Police Department war, «Bild für Bild» unter die Lupe.

Was ist also passiert? ICE-Agenten stoppen in Minneapolis ein Auto. Alex Pretti filmt die Szene. Er behindert keinen der ICE-Agenten. Er winkt sogar einem Auto zu, dass es weiterfahren kann.

Im Hintergrund sind die ICE-Agenten zu sehen. Vorne rechts Alex Pretti, der mit dem Handy in seiner rechten Hand (verdeckt) den Vorgang filmt und mit links einem Auto, das angehalten hat, bedeutet, es könne weiterfahren.
Im Hintergrund sind die ICE-Agenten zu sehen. Vorne rechts Alex Pretti, der mit dem Handy in seiner rechten Hand (verdeckt) den Vorgang filmt und mit links einem Auto, das angehalten hat, bedeutet, es könne weiterfahren.
YouTube/MS Now

Kurz darauf auf der anderen Strassenseite: Ein ICE-Agent («1» im Bild unten) stösst grob eine Frau («2») auf das Trottoir. Pretti («3») steht rechts bei einer weiteren Person (4) und eilt der Frau zu Hilfe, die auf den Boden fliegt.

YouTube/MS Now

Pretti (3) stellt sich zwischen die Frau (2) und den ICE-Agenten (1), attackiert diesen aber nicht. Er hebt abwehrend seine linke Hand hoch und hält in der rechten weiterhin sein Handy. 

YouTube/MS Now

Der Bundesbeamte (1) sprüht Pretti (3) mit einem Reizgas ein. Der dreht sich weg, während eine Person (4) der niedergestossenen Frau (2) hilft, aufzustehen. Ein weiterer ICE-Agent (5) kommt hinzu.

YouTube/MS Now

Pretti bleibt weggebeugt, die Frau fällt erneut hin und der ICE-Agent gibt eine zweite Ladung Reizgas gegen Pretti ab.

YouTube/MS Now

Pretti beugt sich anscheinend schützend über die Niedergestossene und klammert sich an sie. Die ICE-Agenten ziehen ihn weg.

YouTube/MS Now

Der letzte Screenshot des Videos: Die Niedergestossene (1) dürfte auch Reizgas abbekommen haben, eine Frau (2) hilft ihr. Alex Pretti (3) ist am Boden und umringt von acht ICE-Agenten, von denen einer (4) Pretti etwas abnimmt.

YouTube/MS Now

Danach ruft einer der ICE-Agenten «gun, gun»: Das ist das Prozedere, um die Kollegen zu warnen, dass eine Waffe im Spiel ist. Kurz darauf fallen innerhalb von fünf Sekunden nicht weniger als zehn Schüsse. Die Videos brechen kurz danach ab. Ein Clip zeigt, wie sechs ICE-Agentin mit einigem Abstand vor einer Leiche stehen.

Alex Pretti ist tot.

Hatte er eine Waffe oder nicht?

Kristi Noem, die Chefin des Heimatschutzministeriums, erklärt, Pretti habe mit einer Waffe «herumgefuchtelt». Doch in keinem Video – es gibt Filme aus verschiedenenen Perspektiven – ist der junge Mann mit einer Waffe in der Hand zu sehen. Er hält nur sein Handy, mit dem er selbst das ICE-Vorgehen dokumentieren will.

Doch offensichtlich ist Pretti mit einer Pistole unterwegs gewesen: Die Behörden präsentieren sie später. Es wirkt so, als ziehe ein ICE-Agent («4» im obigen Bild) dem am Boden liegenden Pretti die Waffe ab. Demnach war der 37-Jährige also unbewaffnet, als zehn Mal auf ihn geschossen wurde.

Apropos Waffe: Pretti hat eine entsprechende Zulassung – und in Minnesota ist es auch erlaubt, eine Pistole verdeckt zu tragen. Es ist auch erlaubt, sie mit zu einer Demonstration zu bringen. Pretti hat also selbst in diesem Fall nichts falsch gemacht.

Gregory Bovino, Chef der Border Patrol, tut im CNN-Interview trotzdem so, als sei das Opfer selber schuld: Er habe eine geladene Waffe zu einem «riot» gebracht, was man mit Krawall, Tumult, aber auch Aufstand übersetzen kann. Allerdings wäre selbst das offenbar legal – siehe Punkt 4.

Pretti habe die Beamten behindert, sagt er weiter. Es sei ein «guter Job unserer Sicherheitskräfte» gewesen, weil diese Pretti «niedergestreckt» hätten, bevor dieser «in der Lage gewesen» sei, seine Waffe zu benutzen: Pretti habe sich selbst in diese Situation gebracht, so Bovino.

«Die Opfer sind die Border-Patrol-Agenten»

Gregory Bovino im Interview mit Dana Bash von CNN

Jurist Bill Essyali, den Trump in Kalifornien zum First Assistant United States Attorney gemacht hat, schreibt auf X auf den aktuellen Fall bezogen, dass es fast immer legal wäre, jemanden zu erschiessen, der sich bewaffnet einem Beamten nähert.

Das ruft wiederum die Waffenlobby auf den Plan. Die Folge ist eine verkehrte Welt: Ausgerechnet die sonst so Trump-freundliche National Rifle Asscociation (NRA) kritisiert nun die Regierung wegen solcher Aussagen.

Der Gedanke, dass Beamte jemanden rechtmässig erschiessen könnten, nur weil er oder sie eine Waffe trägt, sei «gefährlich und falsch», wehrt sich die NRA: «Verantwortungsbewusste öffentliche Stimmen sollten eine vollständige Untersuchung abwarten, anstatt zu verallgemeinern und gesetzestreue Bürgerinnen und Bürger zu dämonisieren.»

Was passierte nach der Tötung?

Nachdem die verschiedenen ICE-Agenten mindestens zehn Mal gefeuert haben, verlassen sie gemeinsam die tödliche Szene. Idealerweise müssten diese Bundesbeamten voneinander getrennt werden, damit sie ihre Aussagen nicht absprechen können, die ihr Schusswaffengebrauch obligatorisch nach sich zieht.

«Gott sei Dank haben wir Video»

Minnesotas Gouverneur Tim Walz zu widersprüchlichen Aussagen

Was weiter auffällt, ist das erstaunlich schnelle Urteil der Behörden: Wie schon im Fall von Renee Nicole Good wird das Opfer umgehend zu einem Inlandsterroristen abgestempelt, obwohl es in beiden Todesfällen bisher nicht den geringsten Beweis für so eine Behauptung gibt. 

Border Patrol-Chef Bovino bekundet sogar, Pretti habe «Sicherheitskräfte massakrieren» wollen, weil der Mann auch zwei volle Magazine bei sich gehabt habe. Top-Berater Stephen Miller nennt das Opfer auf X einen «Möchtegern-Attentäter» und einen «Terroristen» – und sein Boss Donald Trump schreibt auf Truth Scoial: «Lasst unsere ICE-Patrioten ihre Arbeit machen!»

Dana Bash grills Bovino to provide any evidence that Alex Pretti "assaulted law enforcement" and Bovino has absolutely nothing

[image or embed]

— Aaron Rupar (@atrupar.com) 25. Januar 2026 um 15:26

«Trump-Beamte verbreiten nach den tödlichen Schüssen auf Alex Pretti weiterhin Lügen», titelt der britische «Guardian» recht unverblümt über die Lage. Dazu passt ein Bericht von «Fox News»: Demnach klagen Strafverfolgungsbehörden in Minnesota gegen die Bundesbehörden und Justizministerin Pam Bondi. Der Vorwurf: Sie würden Beweise im Fall Pretti verschwinden lassen.

Was will Washington von Minnesota?

Justizministerin Pam Bondi schreibt dem Gouverneur von Minnesota am gleichen Tag, als Alex Pretti stirbt, einen Brief, den die «New York Times» online gestellt hat. Darin bietet die 60-Jährige Tim Walz einen Deal an: Sie zieht ICE aus Minnesota ab, wenn er einige Bedingungen erfüllt.

Bevor sie diese aber ausformuliert, hält sie fest: Weil der Bundesstaat bei der Kooperation mit den Bundesbehörden nicht mitspiele, habe das nun Konsequenzen, die «herzzereissend» seien – sie zählt auf, dass ihre Leute als «Gestapo» und «Nazis» beschimpft worden seien.

Kein Witz – oder doch? Pam Bondi macht Minnesota ein bemerkenswertes Angebot.
Kein Witz – oder doch? Pam Bondi macht Minnesota ein bemerkenswertes Angebot.
J. Scott Applewhite/AP/dpa

Das Recht werde in Minnesota einfach nicht geschützt. «Zum Glück gibt es nach dem gesunden Menschenverstand Lösungen für diese Probleme, von denen ich hoffe, dass wir sie zusammen erreichen können», schreibt Bondi, um prompt ihre Forderungen zu stellen:

1.) Minnesota soll dem Justizministerium alle Daten von der Essenshilfe Food and Nutrition Service und über Gesundheitsleistungen von Medicaid übergeben. Bondi begründet das mit Ermittlungen wegen Betrugs.

2.) Minnesota soll seine liberale Politik gegenüber Geflüchteten aufgeben. Diese sei «für so viel Kriminalität und Gewalt» im Staat verantwortlich. Mit ICE müsse voll kooperiert werden.

3.) Minnesota soll Einsicht in sein gesamtes Wählerverzeichnis geben. So  solle sichergestellt werden, dass die Registrierungen den Bundesgesetzen entsprächen 

Bondi endet mit: «Ob Politiker aus dem Bundesstaat oder Lokalpolitiker im Weg stehen oder nicht: Wir werden jeden Tag daran arbeiten, Amerikaner zu beschützen und Minnesota wieder sicher zu machen. Ich ersuche Sie, sich unserer Anstrengung anzuschliessen.»

Reporter: You received a letter from AG Pam Bondi making several demands…. Walz: I would just give a pro tip to the AG. There's 2 million documents in the Epstein files we're still waiting on. Go ahead and work on those

[image or embed]

— Acyn (@acyn.bsky.social) 25. Januar 2026 um 20:31

Walz ordnet dieses Angebot in der Kategorie «Blendgranate» ein: Das sei mehr PR als ernst gemeint. «Sie lügen», sagt er CNN mit Blick auf den Vorwurf, gewisse Informationen würden nicht weitergegeben. Bondi solle sich lieber um die Epstein-Akten kümmern, endet der Gouverneur.


Ohne Pilot, aber brandgefährlich – So sieht der erste vollautonome Militärhelikopter Grossbritanniens aus

Ohne Pilot, aber brandgefährlich – So sieht der erste vollautonome Militärhelikopter Grossbritanniens aus

Kein Pilot, keine Fernsteuerung – aber volle Kontrolle. Grossbritannien hebt mit einem autonomen Militärhelikopter ab. Was Proteus kann und wie er aussieht, zeigt das Video.

19.01.2026