Leere Restaurants und einsame StrassenICE-Razzien in Louisiana legen das öffentliche Leben lahm
dpa
7.12.2025 - 21:20
Überall in den USA – so wie hier in Los Angeles – machen vermummte Agenten der Einwanderungsbehörde ICE Jagd auf angeblich illegale Einwanderer.
Symbolbild: IMAGO/SNA
In der Stadt Kenner fürchten Bewohner Festnahmen durch die Einwanderungsbehörde und bleiben lieber zuhause. Gastronomen bangen um ihre Existenz, weil die Gäste ausbleiben.
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DPA, Redaktion blue News
07.12.2025, 21:20
dpa
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Auf Anweisung der Regierung soll die US-Immigrationspolizei in Lousiana 5000 Menschen festzunehmen.
Immer mehr Menschen trauen sich nicht aus dem Haus, weil sie Einsätze der ICE-Agenten fürchten.
Die Verschärfung der Einsätze hat die lokale Wirtschaft schwer getroffen.
Der Taco-Imbiss von Carmela Diaz ist verwaist: Die Türen sind verschlossen, die Tische leer, und niemand arbeitet emsig in der Küche. Das Restaurant in Kenner im US-Bundesstaat Louisiana ist eines von vielen einst florierenden hispanischen Betrieben, die in den vergangenen Wochen schliessen mussten. Immer mehr Menschen trauen sich nicht aus dem Haus, weil sie Einsätze der Einwanderungsbehörde ICE gegen Immigranten fürchten.
In Kenner leben im Verhältnis zur Einwohnerzahl die meisten Menschen mit hispanischen Wurzeln in Louisiana. ICE ist aufgefordert, dort 5000 Menschen festzunehmen. Schon die bisherige Verschärfung der Einsätze hat die lokale Wirtschaft schwer getroffen, wie Geschäftsinhaber berichten – mit weitreichenden Folgen für Einwanderer und US-Bürger gleichermassen.
LOUISIANA — Bovino and Trump’s ICE goons casually waddle through a neighborhood terrorizing brown people pic.twitter.com/h6dmyLUTBr
«Es kamen immer weniger Leute», sagte Diaz, deren Taqueria La Conquistadora seit Wochen geschlossen ist, weil sich sowohl Kunden als auch Angestellte nicht mehr aus dem Haus trauen. «An manchen Tagen haben wir gar nichts verkauft. Deshalb habe ich beschlossen, den Laden zu schliessen – weil es einfach keine Kundschaft mehr gab.»
Überall werden Menschen festgenommen
Konvois aus Bundesfahrzeugen rückten in der vergangenen Woche in die Stadt ein und fuhren durch die Hauptgeschäftsstrassen, nachdem das Heimatschutzministerium die jüngste einer Reihe von Razzien zur Durchsetzung der Einwanderungsbestimmungen eingeleitet hatte. Ähnliche Einsätze gab es zuvor in Los Angeles, Chicago und Charlotte im Bundesstaat North Carolina. Augenzeugen in Kenner veröffentlichten Videos, die zeigen, wie Bundesbeamte Menschen vor Geschäften und auf Baustellen festnehmen.
Woman records group of people following Bovino and ICE agents in Kenner Louisiana. pic.twitter.com/GcOLOw3gn4
Der Kommandeur der Grenzpatrouille, Gregory Bovino, erschien in der Stadt und kündigte vor Journalisten den Start der Operation «Catahoula Crunch» an. Der Name leitet sich von dem Grosswildhund ab, der der offizielle Staatshund von Louisiana ist.
Die hispanische Bevölkerung des Staates ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark gewachsen. Viele der Menschen kamen nach dem Hurrikan «Katrina» von 2005 und halfen beim Wiederaufbau. In Kenner, westlich von New Orleans zwischen dem Mississippi und dem Lake Pontchartrain gelegen, machen Hispanics etwa 30 Prozent der Einwohner aus.
«Sie legen ihnen einfach Handschellen an»
Diaz stammt aus El Salvador und arbeitete in Texas in der Landwirtschaft, bevor sie 2006 nach Louisiana ging. Sie eröffnete Foodtrucks und verdiente genug, um sich ein Haus in Kenner zu kaufen. Ihr Geschäft hat sich seitdem auf eine ganze Flotte von Trucks und zwei Restaurants erweitert.
Wegen der Razzien sind die Trucks und Restaurants fast alle geschlossen. Diaz schlägt sich mit einem Lieferdienst für Menschen durch, die Angst vor Festnahmen haben, unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus. «Sie respektieren niemanden», sagt Diaz über die ICE-Beamten. «Sie fragen nicht nach Dokumenten. Sie ermitteln nicht. Sie legen ihnen einfach Handschellen an und nehmen sie mit.»
Construction company owner says he is seeing a difference ever since ICE has been in Louisiana.
“No immigrants want to go to work … and it is so amazing. I’ve gotten more calls in the last week than I’ve gotten in the last 3 months.” pic.twitter.com/sCn6ck6IL0
Mayra Pineda, Vorsitzende der Handelskammer der Hispanics in Louisiana und seit Jahrzehnten Einwohnerin von Kenner, sorgt sich um die Zukunft, sollte das Vorgehen wie geplant monatelang andauern. «Wie sollen diese Geschäftsinhaber überleben?», fragt sie. «Ich weiss es nicht. Aber eines ist klar: Es betrifft nicht nur die hispanische Gemeinschaft, sondern ist schlecht für uns alle, für die Wirtschaft im Allgemeinen.»
Keine Liste der Festnahmen
Der Polizeichef von Kenner, Keith Conley, unterstützt die bundesweiten Einsätze gegen Einwanderer. Die Kriminalität in der Stadt gehe zwar zurück, er habe jedoch Bedenken wegen Gewalttaten, an denen illegal in die USA eingereiste Einwanderer beteiligt seien, sagt er. Die Polizei veröffentlichte ein Dutzend Pressemitteilungen, die Straftaten zwischen 2022 und 2025 dokumentierten, bei denen die Festgenommenen illegal ins Land eingereist sein sollen.
Der republikanische Abgeordnete Kirk Talbot, Mitglied des Senats von Louisiana, sagte, er glaube, die Einsätze in Kenner würden letztendlich der Stadt zugutekommen. Einwohner, die sich legal in den USA aufhielten, hätten nichts zu befürchten.
Masked men in ICE vests followed and then chased a woman back to her home in Marrero, a suburb of New Orleans. The woman is a U.S. citizen, born and raised in Louisiana. pic.twitter.com/vrERq0rjNE
Eine Sprecherin des Heimatschutzministeriums, Tricia McLaughlin, teilte mit, Bundesbeamte hätten bereits Dutzende Festnahmen in Kenner vorgenommen. Bei den Verdächtigen handele es sich um gewalttätige, kriminelle und illegal in den USA lebende Personen mit Vorstrafen unter anderem wegen Mord, Entführung, Kindesmisshandlung, Raub, Diebstahl und Körperverletzung. Eine Liste der Festnahmen legte sie nicht vor.
Angst vor Misshandlungen durch Bundesbeamten
Sergio Perez, Einwanderer aus Guatemala mit US-Staatsbürgerschaft, lebt seit 2010 in Kenner. Er hat Angehörige in der Stadt, die keine Aufenthaltsgenehmigung besitzen und Gefahr laufen, festgenommen oder abgeschoben zu werden. Er befürchtet zudem, dass alle Menschen hispanischer Herkunft, unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus, von Bundesbeamten misshandelt werden könnten.
Obwohl Perez Kenner als seine Heimat betrachtet – einen Ort, an dem er leicht seine Lieblingsgerichte wie Caldo de Res, einen Rindfleisch-Gemüse-Eintopf, findet –, wäre er bereit, das Land zu verlassen, falls Familienmitglieder abgeschoben werden. «Sie wollen uns hier nicht», sagt er. «Es ist, als wäre man in einem fremden Haus und fühlte sich nicht willkommen.»
Razzien in Charlotte – US-Behörden geben lokalen Politikern die Schuld
Demonstrierende sind im November in Charlotte, im US-Bundesstaat North Carolina, auf die Strasse gegangen, um gegen Razzien zu protestieren, die laut dem Heimatschutzministerium nun auch auf Einwanderer im Süden der USA ausgeweitet worden sei.