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Jetzt meldenErneut haben vor der iberischen Halbinsel mehrere Orca-Angriffe auf Boote stattgefunden. Seit der Pandemie ist die Zahl solcher Vorfälle explodiert. Was ist mit den Orcas passiert? blue News war im letzten Sommer auf Spurensuche.
Mehrere Orcas haben am 13. September 2025 ein Segelboot vor der Costa da Caparica bei Almada, Portugal, versenkt. Die Orcas beschädigten das Ruder des Segelboots so stark, dass Wasser hineinlief und das Boot sank. Auch in Cascais und am Strand Fonte da Telha wurden Boote attackiert, teilweise in flachem Gewässer.
Katharina Heyer forscht seit 27 Jahren über Wale und Delfine vor Tarifa.
Die Schweizerin hat die Stiftung firmm für Artenschutz gegründet und kennt das Verhalten der Tiere besser als die meisten Menschen.
Doch jetzt steht auch sie vor einem Rätsel. Das alles habe ja erst mit den Coronajahren begonnen, sagt sie zu blue News.
Katharina Heyer fährt täglich mit dem Boot aufs Meer, um Wale und Delfine zu beobachten.
Bild: Quelle: blue News
Heyer steht in ihrem Büro in Tarifa, Spanien, an der Strasse von Gibraltar. Sie hat einen Schal um den Hals und einen wachen Geist. Nie habe es zuvor Probleme gegeben, so Heyer, «die Orcas sind immer friedlich geblieben».
Die Stiftung firmm engagiert sich für den Schutz von Meeressäugern und deren Lebensraum. Durch respektvolles Whale Watching schafft firmm in Tarifa Begegnungsmöglichkeiten zwischen Mensch und Tier. Über Forschung und Informationsveranstaltungen will die Stiftung einen respektvolleren Umgang mit dem Meer und seinen Bewohnern fördern.
Doch seit die Pandemie abgeflacht ist und die Boote aufs Meer zurückgekehrt sind, ist in der Strasse von Gibraltar nichts mehr wie früher.
Über 670 Attacken – Forscher*innen sprechen von «Interaktionen» – registrierte die Orca-Forschungsstelle GT Atlantica Orca bis heute.
Die Mehrheit der registrierten Interaktionen betrifft Segelboote, mit 72% Einrumpfbooten und 14% Katamaranen. Registriert wurden aber auch Begegnungen mit Motorbooten (6%), Halbstarrbooten (5%) und Fischerbooten (knapp 3%).
Erst am 24. Juli 2024 versenkten Orcas ein ganzes Segelboot. Das ist bereits das siebte gekenterte Boot seit den Interaktionen. Die Insassen sind dabei immer heil davongekommen. Doch der Schreck ist gross.
Das weiss auch Werner Schaufelberger. «Gräblet» habe es, als die Orcas kamen, erzählt er blue News. «Die Orcas haben die Ruder ganz herausgerissen.» Sein Schiff füllte sich mit Wasser, der Schweizer Segler musste notfallmässig ein Rettungsboot anfordern und konnte sich und die Crew in Sicherheit bringen.
Das zerstörte Segelschiff steht ein Jahr nach der Orca-Interaktion immer noch in der Trockenwerft von Barbate.
Bild: Quelle: blue News
Die Schäden an seinem Boot sind noch heute sichtbar, wie sich auf der Werft in Tarifa zeigt. Dort werden mittlerweile fast täglich Schiffe angeliefert, die von Orcas beschädigt worden sind.
Auch Fernando Santamarias Schiff landete dort. Der Spanier wurde ebenfalls Zeuge eines solchen Erlebnisses. Ausführlich schildert er blue News, wie die Tiere sein Boot umkreisten und schliesslich sein Schiff beschädigten. Er habe das Ereignis mittlerweile verarbeitet und sei den Orcas nicht böse, «aber ich will ihnen nicht mehr begegnen».
Wie kann es sein, dass sich das Verhalten von Tieren innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne derart verändert? Warum geraten seit der Corona-Pandemie plötzlich Schiffe ins Visier der tonnenschweren Tiere? Und vor allem: Warum zeigen bisher nur Mitglieder der Subpopulation Orca Iberica in der Strasse von Gibraltar dieses mysteriöse Verhalten, obwohl die Orcas in allen Weltmeeren leben?

Krisengebiet vor Tarifa: über 670 gemeldete Zwischenfälle seit 2020.
Screenshot: <a target="_blank" rel="nofollow" href="https://www.orcaiberica.org/en">GT Orca Atlantica</a>
Eine im Juni veröffentlichte Studie der Internationalen Walfangkommission (IWC) legt nahe, dass Orcas Boote attackieren, weil die Fischereiverbote zu einem Überfluss an Thunfisch geführt haben. Dadurch bleibe ihnen wohl mehr Zeit, da sie weniger nach Nahrung suchen müssen und sich die intelligenten Tiere nun zu langweilen scheinen.
Es ist eine der letzten möglichen Erklärungen, die in den vergangenen Monaten zu den Orca-Interaktionen aufgetaucht ist. Die Theorien über mögliche Ursachen häufen sich fast täglich.
Katharina Heyer glaubte zunächst, dass es mit der Rückkehr des Frachtverkehrs nach Corona zusammenhänge. Der Schiffsverkehr nahm nach der Pandemie schnell zu. «Wir dachten, die Orcas fühlen sich vielleicht davon gestört.» Mittlerweile hat sie eine andere Theorie: «Ich glaube, für sie ist es ein Spass geworden. Ich glaube nicht, dass die Orcas den Menschen Schaden zufügen wollen.»
«Dass es sich um ein Spiel handeln könnte, sagen Leute, die noch nie so eine Interaktion erlebt haben», sagt Fernando Santamaria. Für ihn habe es sich wie ein Angriff angefühlt – wenn auch auf spielerische Art. «Aber die Menschen fühlen sich angegriffen und reagieren entsprechend.»
Der Hafen von Tarifa ist auch ein Umschlagplatz. Hier wird der Frischfang angeliefert – darunter die grossen Thunfische. Sprechen möchten hier nicht viele über die Orcas. Immerhin bringt ein grosser Thunfisch über 1000 Euro, und die Orcas lieben Thunfisch.
Der Rote Thunfisch kommt jährlich zum Laichen aus dem Atlantik durch die Meerenge im Gibraltar ins Mittelmeer.
Bild: Quelle: blue News
Der Fischer José Antonio erzählt schliesslich doch vor der Kamera. «Einmal hat mir ein Orca den Thunfisch direkt aus der Hand geschnappt.» Ein anderes Mal «lenkte uns ein Orca auf der einen Seite des Bootes ab und ein anderer schnappte auf der anderen Seite zu». Antonio hat seine eigene Theorie. Er glaubt, dass sich die Tiere bedroht fühlen und deshalb mit Angriffen reagieren.
Daran glaubt Meeresbiologe José Manuel nicht: «Rache ist ein menschliches Verhalten und Tiere rächen sich nicht, schon gar nicht in freier Wildbahn», sagt er zu blue News. Vielmehr glaubt Manuel, dass die Orcas das Ruder für einen Thunfisch halten und deshalb mit ihm spielen.
An ein Spiel oder Training glaubt auch der Meeresbiologe Jörn Selling. «Manchmal jagen sie auch nur, um ihre Kälber zu trainieren. Da könnte man spekulieren, dass sie das vielleicht mit den Segelbooten auch machen.»
Jörn Selling, der 20 Jahre lang in Tarifa Wale und Delfine erforschte, vermutet sogar, dass die Orcas vom Parasiten Toxoplasma infiziert sein könnten. Der würde im Gehirn eine Änderung vornehmen, worauf sie wagemutiger würden.
Die Strasse von Gibraltar hat sich verändert. Es gibt ein Vor und ein Nach Corona – vor allem für die Segler. Was genau dazu geführt hat, dass die Orcas plötzlich Schiffe attackieren, weiss keiner mit Sicherheit. Jörn Selling sagt: «Es bestand ja die Hoffnung, dass es sich irgendwann ausgespielt hat. Aber das Einzige, was klar zu sein scheint, ist, dass die Orcas damit einfach noch nicht aufhören wollen.»
Es scheint, als habe es sich noch lange nicht ausgespielt.
Als wir mit der Stiftung firmm aufs Meer hinausfahren, um die Meeressäuger zu beobachten, sichten wir diverse Delfinarten, Pottwale, Grindwale und Finnwale – und auch die Orcas.
Die Meeressäuger tauchen unter unserem Boot auf: Exklusive Unterwasseraufnahmen zeigen, wie die intelligenten Tiere den Rumpf inspizieren und ihn anstupsen.
Wir fragen uns sofort, welche Schwertwale das sind, die uns inspizieren. Sind das genau die, von denen immer die Rede ist?