Bereits mehrere Menschen getötetProteste im Iran eskalieren – was dahinter steckt
dpa
1.1.2026 - 21:47
Demonstranten in der Innenstadt von Teheran.
Bild: Keystone
Kriegssorgen, Klimakrise und eine Wirtschaft am Abgrund: Im Iran löst die Unzufriedenheit wieder Proteste aus. Was steckt dahinter, und wie realistisch ist ein politischer Umbruch?
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DPA, Agence France-Presse, Redaktion blue News
01.01.2026, 21:47
03.01.2026, 22:21
dpa
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
In Iran weiten sich die Proteste gegen die wirtschaftliche Not im Land auf Universitäten aus.
Sechs Menschen sollen bei Zusammenstössen bereits ums Leben gekommen sein.
Ausgelöst wurden die aktuellen Proteste durch einen plötzlichen Einbruch der Devisenkurse am vergangenen Sonntag.
Inmitten einer schweren Wirtschaftskrise zieht es bereits fünf Tage in Folge Menschenmassen auf die Strassen im Iran. Bei Zusammenstössen zwischen Demonstrierenden und Sicherheitskräften im Westen des Landes wurden nach Angaben iranischer Medien bis Donnerstag sechs Menschen getötet. Die Proteste hatten am Sonntag begonnen, waren aber zunächst friedlich verlaufen.
🇮🇷 Mass protests in Iran have turned deadly, with fatalities reported in several provinces amid intense clashes with security forces, the most serious unrest in the past three years. Inflation near 40%, currency collapse, and harsh repression fuel the crisis. pic.twitter.com/PQ1jrHcti8
Bei den Zusammenstössen wurden am Donnerstag nach Angaben der Nachrichtenagentur Fars in der Stadt Lordegan in der südwestlichen Provinz Schahar Mahall-Bachtiari zwei Menschen getötet sowie drei weitere Menschen in der Stadt Asna in der benachbarten Provinz Lorestan. Bereits zuvor hatte das Staatsfernsehen gemeldet, dass während nächtlicher Proteste in der Stadt Kuhdascht in Lorestan ein Mitglied der Sicherheitskräfte getötet worden sei.
The massive anti-regime protests in Iran have now spread to more than 50 cities.
The regime’s security forces are stretched thin and can’t be everywhere at the same time pic.twitter.com/CRk4HNmuJO
In Lordegan hätten Protestierende Steine auf das Büro des Provinzgouverneurs, das Rathaus, eine Moschee und Banken geschleudert, berichtete Fars. Die Gebäude seien schwer beschädigt worden, die Polizei habe mit dem Einsatz von Tränengas geantwortet. Die Polizei habe in der Stadt mehrere als «Rädelsführer» beschriebene Menschen festgenommen.
In Asna wurde laut Fars ein Polizeikommissariat von Randalierern angegriffen. In Kuhdascht war zuvor laut Vize-Gouverneur Said Purali ein 21-jähriges Mitglied der Basidsch-Miliz «bei der Verteidigung der öffentlichen Ordnung von Randalierern getötet» worden, wie das Staatsfernsehen berichtete. Bei den Demonstrationen in Kuhdascht seien dem Vize-Gouverneur zufolge zudem 13 Polizisten und Basidsch-Mitglieder «durch Steinwürfe verletzt» worden. Die paramilitärische Basidsch-Miliz ist eng mit den iranischen Revolutionsgarden verbunden.
BREAKING:
Iranian anti-regime protesters have taken control of the regime police station in the city of Asna in the Lorestan province.
Die Proteste erinnern an den Beginn der landesweiten Aufstände von 2019 und 2022 – doch vieles ist noch unklar. In Metropolen wird laut Augenzeugen ein Grossaufgebot an Sicherheitskräften zusammengezogen, aus ländlichen Regionen gibt es Berichte über ein hartes Vorgehen gegen die Proteste. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den aktuellen Entwicklungen:
Warum gibt es jetzt neue Proteste?
Ausgelöst wurden die aktuellen Proteste durch einen plötzlichen Einbruch der Devisenkurse am vergangenen Sonntag. Spontan gingen vor allem Händler von Elektronikgeschäften in der Hauptstadt Teheran auf die Strasse. Angesichts der heftigen Kursschwankungen konnten sie keine verlässlichen Preise für ihre Importware mehr nennen und wussten nicht, welche Verluste ihnen aus bereits verkauften Produkten drohen.
BREAKING:
Iranian anti-regime protesters are now flooding the streets of the country’s second-largest city Mashhad.
Inzwischen erfassen die Proteste auch andere Landesteile und Bevölkerungsschichten. Studierendenverbände, die bereits frühere Protestwellen mitgetragen hatten, riefen erneut zu Demonstrationen auf. Die Unzufriedenheit im Land wächst seit Jahren, befeuert durch fehlende Perspektiven, wirtschaftliche Not, Klimakrise, politische Repression und internationale Isolation.
Wie steht es um die wirtschaftliche Lage des Irans?
Die wirtschaftliche Lage im Iran bleibt prekär. Trotz umfangreicher Ölreserven steckt das Land mit seinen knapp 90 Millionen Einwohnern in einer schweren Krise – ohne erkennbare Perspektive auf Besserung. Scharfe internationale Sanktionen haben Teheran zunehmend in die Arme Russlands und Chinas getrieben. Rund 90 Prozent der Ölexporte fliessen über Umwege in die Volksrepublik.
Allein im vergangenen Monat verlor die Landeswährung Rial fast 20 Prozent an Wert. Die Inflation liegt laut offiziellen Angaben zwischen 30 und 40 Prozent. Besonders die junge Generation fürchtet den sozialen Abstieg. Zugleich wächst die Kritik an der aussenpolitischen Linie der Führung: Im Konflikt mit Israel fliesst ein erheblicher Teil des Haushalts in militärische Ausgaben.
Was fordern die Demonstranten?
Die Demonstrierenden fordern neben einer Verbesserung ihrer Lebenslage einen tiefgreifenden politischen Wandel hin zu einem säkularen System und das Ende der islamischen Herrschaft. Ihr Ziel: ein moderner Iran – frei von religiösen Vorschriften und staatlicher Repression, in Frieden mit der Welt, einschliesslich des langjährigen Erzfeindes Israel.
BREAKING:
Iranian patriots are now sadly losing their lives while fighting for freedom.
The 22-year-old anti-regime protester, Amir Hesam Khodayari was murdered by Islamic Regime security forces during a protest in the city of Kuhdasht. pic.twitter.com/XB9QuLagqQ
Die Frauenproteste im Herbst 2022 wurden gewaltsam niedergeschlagen. Doch seither widersetzen sich viele Frauen in den Grossstädten demonstrativ den staatlichen Kleidungsvorschriften – ein sichtbares Zeichen kulturellen und gesellschaftlichen Wandels. Knapp fünf Jahrzehnte nach der Islamischen Revolution von 1979 haben sich zahlreiche Iranerinnen und Iraner vom religiösen Dogma abgewandt.
Wie könnte es jetzt weitergehen?
Ob sich die aktuellen Proteste erneut zu einem landesweiten Aufstand wie im Herbst 2022 ausweiten, bleibt ungewiss. In den vergangenen Jahrzehnten wurde der Iran immer wieder von massiven Protestwellen erschüttert – die Führung reagierte jedes Mal mit Repressionen. Nach den Demonstrationen unter dem Slogan «Frau, Leben, Freiheit» liess die Justiz mehrere Männer hinrichten und Tausende Menschen festnehmen.
While the world is celebrating the New Year, the regime in Iran is arresting student girls from their dormitories and dragging them to unknown dungeons.
Bei den jüngsten Protesten eröffneten Sicherheitskräfte in den Provinzen das Feuer auf Demonstranten, wie Menschenrechtsaktivisten berichteten. Mehrere Menschen kamen bereits bei Konfrontationen zwischen Protestteilnehmern und der Polizei oder den Sicherheitskräften ums Leben. Tote gab es unter anderem in den Provinzen Lorestan, Isfahan sowie in Tschahar Mahal und Bachtiari. Die Informationen liessen sich zunächst nicht unabhängig verifizieren.
Die Proteste der Vergangenheit waren stets ein Belastungstest für das autoritäre System, das seit Jahren um seinen Machterhalt ringt. Nach dem zwölftägigen Krieg im Juni und dem anhaltenden Konflikt mit Israel steht die Führung erneut unter Druck. Die Revolutionsgarden, Irans Elitestreitmacht und wirtschaftlicher Machtfaktor mit Beteiligungen an Hotels, Fluggesellschaften und Rüstungsfirmen, haben dabei ein doppeltes Interesse am Status quo: politisch und ökonomisch.
Vor diesem Hintergrund überraschte die Regierung mit versöhnlichen Signalen. Präsident Massud Peseschkian räumte Fehler seiner Regierung ein. Mit ungewöhnlicher Offenheit erklärte er, Staat und Banken trügen die Schuld an der hohen Inflation. Sie hätten die «Taschen der benachteiligten Menschen» geleert und deren Kaufkraft geschwächt. Der Präsident kündigte Reformen an und setzte den umstrittenen Zentralbankchef ab. An seine Stelle rückte ein Vertrauter Peseschkians, Abdolnasser Hemmati, der bereits früher das Amt innehatte. Ob er mit seinen Massnahmen Gehör findet, ist unklar.
Welche Rolle spielt die Opposition?
Im Iran gibt es seit Jahren keine politische Kraft mehr, die von den Demonstranten als glaubwürdige Opposition anerkannt wird. Auch die sogenannten Reformer, zu denen Präsident Peseschkian zählt, gelten unter Protestteilnehmern als Teil des islamischen Herrschaftssystems, die keine grundlegenden politischen Änderungen bewirken können.
Viele setzen daher ihre Hoffnungen auf Unterstützung aus dem Ausland. Bei den aktuellen Protesten ertönte auch der Slogan «Lang lebe der König» – ein Verweis auf Reza Pahlavi, den Sohn des 1979 gestürzten Schahs. Doch auch die Exilopposition bleibt zersplittert und zerstritten.