Verbrechen gegen die Menschlichkeit So machen russische Drohnen in Cherson Jagd auf Zivilisten

dpa

30.11.2025 - 20:53

Eine Anwohnerin geht durch einem mit einem Anti-FPV-Drohnennetz bedeckten Hof in der Frontstadt Cherson in der Südukraine.
Eine Anwohnerin geht durch einem mit einem Anti-FPV-Drohnennetz bedeckten Hof in der Frontstadt Cherson in der Südukraine.
Archivbild: Efrem Lukatsky/AP/dpa

Die Angst ist immer dabei, wenn die Einwohner von Cherson auf die Strasse gehen. Die russischen Truppen stehen vor den Toren und greifen Tag für Tag mit Drohnen an. Zerstörungen, Verletzungen, Tote sind die Folgen in der ukrainischen Stadt.

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DPA, Redaktion blue News

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  • In der ukrainischen Frontstadt Cherson nehmen russische Drohnen gezielt Zivilisten ins Visier.
  • Die Angst ist immer dabei, wenn die Einwohner von Cherson auf die Strasse gehen.
  • Das Ziel der Angriffe sei es, die Menschen aus diesen Gegenden zu vertreiben, heisst es in dem Bericht der Unabhängigen Internationalen Untersuchungskommission für die Ukraine.

Wenn Olena Horlowa die Wohnung verlässt, sind alle ihre Sinne geschärft. Sie lauscht auf verdächtige Geräusche, ihr Blick wandert über die Strasse und Häuser. Überall könnte eine Drohne auf sie warten, fürchtet sie. Olena Horlowa lebt am Rande von Cherson im Süden der Ukraine, direkt an der Kriegsfront. Auf der anderen Seite des Flusses stehen die russischen Truppen. Von dort aus starten sie regelmässige Angriffe und schicken unter anderem mit Sprengsätzen ausgestattete Drohnen los.

Täglich Hunderte Drohnen

Täglich flögen mindestens 300 Drohnen Richtung Cherson, sagt der Kommandeur des 310. Bataillons der ukrainischen Streitkräfte, das für den Schutz des Luftraums in der Region zuständig ist. Seine Leute schafften es, rund 90 Prozent davon zu neutralisieren, erklärt Dmytro Liaschok. «Dieses Gebiet ist wie ein Übungsgelände», sagt er. «Sie bringen neue russische Soldaten hierher, um Erfahrungen zu sammeln, bevor sie sie an andere Orte schicken.»

Im Jahr 2022 hatte Russland Cherson neun Monate lang besetzt. Seit der Befreiung sind nun drei Jahre vergangen, aber das Leben in der Stadt hat keine Chance auf Freiheit und Unbeschwertheit.

Vieles spielt sich geschützt in Häusern ab, manche Aktivitäten wie Kinderbetreuung oder Sport wurden in Kellerräume verlagert. An wichtigen Orten sind Schutznetze gegen die Drohnen aufgespannt.

«Jagd auf Menschen»

Um sich und ihre beiden Töchter zu schützen, lässt Horlowa grösste Wachsamkeit walten. Die Mädchen bleiben weitgehend zu Hause, sie selbst versucht, so unauffällig wie möglich zu sein, um nicht gesehen zu werden. Wenn sie mit dem Auto unterwegs ist, lässt sie auch nachts manchmal die Scheinwerfer ausgeschaltet.

Cherson gehört zu den ersten Orten, an denen die russischen Streitkräfte begannen, FPV-Drohnen gegen Zivilisten einzusetzen. Diese Drohnen sind mit Live-Kameras ausgestattet, mit denen die Bediener ihre Ziele in Echtzeit sehen und auswählen können. Für Cherson hat sich der Begriff «Menschen-Safari» verbreitet. Gemeint ist die Jagd auf Menschen mit den Drohnen.

Tote, Verletzte, zerstörte Häuser

Die Angriffe hätten wiederholt Zivilisten verletzt und getötet, heisst es in einem Bericht der unabhängigen Untersuchungskommission der Vereinten Nationen zur Ukraine vom Oktober.

Russische Drohnen sorgen in Cherson für Angst und Schrecken. 
Russische Drohnen sorgen in Cherson für Angst und Schrecken. 
Archivbild: Uncredited/Kherson Regional Military Administration/AP/dpa

Häuser seien zerstört und Tausende Menschen in die Flucht getrieben worden. Die Angriffe wurden als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft. Seit Juli 2024 sind ukrainischen Behördenangaben zufolge in den drei südlichen Regionen mehr als 200 Menschen bei Drohnenangriffen getötet und mehr als 2000 verletzt worden. An die 3000 Häuser wurden beschädigt oder zerstört.

Daueralarm in Komyschany

«Wir leben in der Hoffnung, dass dies eines Tages endlich ein Ende haben wird», sagt Horlowa mit zitternder Stimme. «Für uns ist ein Waffenstillstand wichtig, oder dass die Front weiter zurückgedrängt wird. Dann wäre es für uns einfacher.» Sie wohnt in Komyschany am Rande Chersons und nur vier Kilometer vom Frontlinienfluss Dnipro entfernt. Die Drohnen landeten oft auf Dächern, wenn ihre Batterien schwach würden, hat Horlowa beobachtet. Und dort warteten sie auf Opfer. «Wenn Leute, Autos oder Radfahrer auftauchen, hebt die Drohne plötzlich ab und wirft den Sprengstoff ab», erklärt Horlowa. «Es geht so weit, dass sie sie sogar auf Tiere – Kühe, Ziegen – werfen.»

Videos von suchenden Drohnen

Ukrainische Militäraufnahmen, die der Nachrichtenagentur AP vorliegen, zeigen russische FPV-Drohnen, die auf der Suche nach Fahrzeugen scheinen. Auf Videos sind Drohnen zu sehen, die tief über Strassen fliegen und sich auf Autos fixieren, bevor sie zum Angriff ansetzen. Oft sind dies Pickups oder Lieferfahrzeuge, teils sogar deutlich als solche erkennbare Krankenwagen.

Die 70-jährige Natalija Naumowa erholt sich in einem Krankenhaus in Cherson von einer Verletzung am linken Bein, die sie bei der Explosion eines von einer Drohne abgeworfenen Sprengsatzes erlitten hat. Der Angriff sei in der Nacht erfolgt, als sie in einer Übergangsunterkunft auf den Transport an einen anderen Ort gewartet habe, sagt sie. «Es flogen so viele Drohnen über uns hinweg», erklärt Naumova. «Die Menschen dort überleben, sie leben nicht. Ich hätte nie gedacht, dass mir so etwas Schreckliches passieren würde.»

«Wir werden bis zum Frieden durchhalten»

Von Amputationen nach Drohnenangriffe berichtet der stellvertretende medizinische Leiter der Klinik, Jewgen Haran. Und von Toten. «Es ist einfach eine Jagd auf Menschen. Es gibt keinen anderen Namen dafür», sagt er. Auch der Arzt selbst wurde schon Opfer eines Drohnenangriffs.

Äusserlich blieb er weitgehend unverletzt, musste aber wegen einer gefährlichen Blutdruckentgleisung und Gehirnerschütterung behandelt werden. «Manchmal finde ich immer noch keine Worte und fühle mich unsicher», sagt Haran. Doch aufgeben kommt für ihn nicht infrage. «Wir haben bis zur Befreiung durchgehalten», betont er, «wir werden auch bis zum Frieden durchhalten.»

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