«Wir warten zu oft, bis es zu spät ist» 15 Femizide bis Juni – Betroffene und Experten fordern mehr Prävention

Samuel Walder

21.6.2025

Die Zahl von Femiziden steigt in der Schweiz.
Die Zahl von Femiziden steigt in der Schweiz.
Christophe Gateau/dpa

Schon 15 Frauen wurden 2025 in der Schweiz Opfer eines Femizids – darunter meist durch Männer aus dem nahen Umfeld. Überlebende wie Nicole Dill fordern entschiedeneres Handeln gegen die eskalierende Gewalt.

Samuel Walder

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • In der Schweiz wurden bis Mitte Juni 2025 bereits 15 Frauen durch Femizide getötet – fast so viele wie im gesamten Vorjahr.
  • Überlebende wie Nicole Dill fordern mit Nachdruck präventive Massnahmen und kritisieren behördliches Versagen beim Opferschutz, wie es auch ein EGMR-Urteil bestätigte.
  •  Trotz angekündigtem runden Tisch durch Bundesrätin Baume-Schneider fordern Expert*innen konkrete Taten statt reiner Symbolpolitik.

Es ist eine erschütternde Bilanz: Bereits 15 Frauen sind in der Schweiz im Jahr 2025 – bis Mitte Juni – durch sogenannte Femizide getötet worden. Im gesamten Vorjahr waren es laut dem Rechercheprojekt «Stop Femizid» insgesamt 20 Fälle. Die Zahlen steigen, die Warnsignale mehren sich – doch der gesellschaftliche Aufschrei bleibt weitgehend aus.

Die Täter? Oft Männer aus dem nahen Umfeld – Partner, Ex-Partner, Bekannte. «Wir haben heute doppelt so viele Femizide wie noch vor wenigen Jahren», warnt die Gewalt-Expertin Agota Lavoyer gegenüber SRF. Sie kämpft mit Workshops, Büchern und Präventionsarbeit gegen die Normalisierung dieser Gewalt an.

Ein Leben nach dem Überleben

Nicole Dill, eine Frau aus Luzern, hat selbst überlebt – und kämpft seither unermüdlich für mehr Schutz und Sichtbarkeit, wie SRF berichtet. Im September 2007 will sie sich von ihrem damaligen Partner trennen. Was sie nicht weiss: Der Mann sass zuvor wegen Mordes im Gefängnis. Trotz strengem Auflagenregime gelingt es ihm, unbemerkt in ihre Wohnung einzudringen und sie mit einer Armbrust zu attackieren. Drei Schüsse – sie überlebt schwer verletzt.

Dill schöpfte früh Misstrauen und wandte sich an die Polizei. Doch die durfte sie aus Datenschutzgründen nicht über die Gefährlichkeit des Mannes informieren. Jahre später spricht ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte Klartext: Die Behörden hätten sie warnen müssen.

«Ich habe überlebt, damit ich kämpfen kann – für die Opfer, die keine Stimme mehr haben», sagt Dill. Ihr Fall habe einen «kleinen Tsunami» in den Opferschutzstellen ausgelöst, sie erhalte viele Zuschriften von Menschen, die sich durch das Urteil erstmals ernst genommen fühlen.

«Wir warten zu oft, bis es zu spät ist»

Dill fordert einen Paradigmenwechsel: Prävention statt Reaktion. «Es kann nicht sein, dass man erst handelt, wenn es Tote gibt. Wir müssen viel früher anfangen – bei der Polizei, in der Schule, in der Politik.»

Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider hat bereits reagiert und einen runden Tisch zum Thema Femizid einberufen. Doch viele Betroffene und Expert:innen warnen: Worte reichen nicht – es braucht Taten, Ressourcen, Mut zum Wandel.

Mit ihrer privaten Anlaufstelle «Sprungtuch» hilft Nicole Dill heute Gewaltopfern und ihren Angehörigen. Ihr Appell: «Nicht einfach warten – wer etwas spürt, soll Hilfe holen, bevor es zu spät ist.»