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AKW-Streit im Bundeshaus

Nationalrat knickt nach SVP-Tadel ein und stimmt anders: «Der Druck war zu gross»

00:15

Die Abstimmung über die Stopp-Blackout-Initiative endete am Donnerstag mit 99 zu 98 Stimmen für ein AKW-Bauverbot bis 2035. Wenige Minuten später wurde der Entscheid gekippt. Mitte-links vermutet Druckversuche. Der Abweichler bestreitet das.

Petar Marjanović
Dominik Müller

Petar Marjanović, Dominik Müller

18.06.2026, 15:26•18.06.2026, 15:52

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Die Stopp-Blackout-Initiative soll mit einem indirekten Gegenvorschlag bekämpft werden. Am Donnerstag entschied der Nationalrat zunächst knapp mit einer Stimme Unterschied, dass das AKW-Bauverbot bis 2035 bleibt.
  • Ermöglicht wurde der knappe Entscheid durch die Enthaltung des SVP-Fraktionsmitglieds Daniel Sormanni. Sormanni hatte sich zuvor auch schon enthalten.
  • Nach der Abstimmung hielten Nationalräte mit der Kamera fest, wie SVP-Kaderpolitiker mit Sormanni sprachen. Mitte-links spricht von «Druckversuchen», denn nach den Gesprächen änderte Sormanni seine Meinung.
Zusammenfassung erstellt mitmyAi

Es war eine dieser Abstimmungen, bei denen im Nationalrat plötzlich jede einzelne Stimme zählt. 99 zu 98 stand es am Donnerstagmorgen um 10:38 Uhr. Eine hauchdünne Mehrheit wollte neue Atomkraftwerke in der Schweiz bis 2035 weiterhin verbieten.

Der Mann, der den Ausschlag gab, hiess Daniel Sormanni. Der Genfer Nationalrat gehört nicht der SVP an, sitzt aber als Mitglied der Mouvement citoyens genevois in der SVP-Fraktion. Wie schon zuvor enthielt er sich auch diesmal. Damit verhalf er Mitte-links für einen Moment zum Sieg.

Doch der Moment hielt nicht lange.

Unmittelbar nach der Abstimmung gingen mehrere SVP-Nationalräte zu Sormanni, der gut sichtbar vorne bei den Stimmenzähler*innen sitzt. Unter ihnen waren SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi und Nationalrat Andreas Glarner. Was genau gesagt wurde, wissen nur die Beteiligten.

Für mehrere Ratsmitglieder wirkte die Szene jedoch wie ein öffentlich sichtbarer Versuch, Sormanni umzustimmen. 

Abstimmung über Antrag Müller-Altermatt (AKW-Bauverbot bis 2035)

Ja Ablehnung des Antrags
Nein Annehmen des Antrags (AKW-Bauverbot bis 2035)
98Ja 99Nein 1Enthalten
Name Partei Kanton Stimme
Jean-Luc Addor SVP VS Ja
Cyril Aellen FDP GE Ja
Thomas Aeschi SVP ZG Ja
Islam Alijaj SP ZH Nein
Céline Amaudruz SVP GE Ja
Emmanuel Amoos SP VS Nein
Gerhard Andrey Grüne FR Nein
Sibel Arslan Grüne BS Nein
Christine Badertscher Grüne BE Nein
Jacqueline Badran SP ZH Nein
Maya Bally Mitte AG Nein
Bettina Balmer FDP ZH Ja
Nicole Barandun Mitte ZH Nein
Kilian Baumann Grüne BE Nein
Martin Bäumle GLP ZH Nein
Samuel Bendahan SP VD Nein
Rudi Berli Grüne GE Nein
Kathrin Bertschy GLP BE Nein
Edgar Bischof SVP AR Ja
Thomas Bläsi SVP GE Ja
Dominik Blunschy Mitte SZ Nein
Philipp Matthias Bregy Mitte VS Nein
Florence Brenzikofer Grüne BL Nein
Simona Brizzi SP AG Nein
Roland Rino Büchel SVP SG Ja
Michaël Buffat SVP VD Ja
Manfred Bühler SVP BE Ja
Arbër Bullakaj SP SG Nein
Christine Bulliard-Marbach Mitte FR Nein
Thomas Burgherr SVP AG Ja
Roman Bürgi SVP SZ Ja
Yvonne Bürgin Mitte ZH Nein
Didier Calame SVP NE Ja
Hasan Candan SP LU Nein
Martin Candinas Mitte GR Nein
Isabelle Chappuis Mitte VD Ja
Clarence Chollet Grüne NE Nein
Katja Christ GLP BS Nein
Christophe Clivaz Grüne VS Nein
Damien Cottier FDP NE Ja
Brigitte Crottaz SP VD Nein
Christian Dandrès SP GE Nein
Thomas de Courten SVP BL Ja
Andrea de Meuron Grüne BE Nein
Simone de Montmollin FDP GE Ja
Jacqueline de Quattro FDP VD Ja
Linda De Ventura SP SH Nein
Marcel Dettling SVP SZ Ja
Loïc Dobler SP JU Nein
Marcel Dobler FDP SG Ja
Martine Docourt SP NE Nein
Michèle Dünki-Bättig SP ZH Nein
Regina Durrer-Knobel Mitte NW Nein
Mike Egger SVP SG Ja
Alex Farinelli FDP TI Ja
Laurence Fehlmann Rielle SP GE Nein
Nina Fehr Düsel SVP ZH Ja
Olivier Feller FDP VD Ja
Benjamin Fischer SVP ZH Ja
Giorgio Fonio Mitte TI Nein
Sylvain Freymond SVP VD Ja
Tamara Funiciello SP BE Nein
Andreas Gafner SVP BE Ja
Benoît Gaillard SP VD Nein
Laura Gantenbein Grüne SO Nein
Walter Gartmann SVP SG Ja
Anna Giacometti FDP GR Ja
Simone Gianini FDP TI Ja
Benjamin Giezendanner SVP AG Ja
Andreas Glarner SVP AG Ja
Christian Glur SVP AG Ja
Nadine Gobet FDP FR Ja
Roger Golay SVP GE Ja
Michael Götte SVP SG Ja
Michael Graber SVP VS Ja
Corina Gredig GLP ZH Nein
Jürg Grossen GLP BE Nein
Franz Grüter SVP LU Ja
Niklaus-Samuel Gugger Mitte ZH Nein
Lars Guggisberg SVP BE Ja
Diana Gutjahr SVP TG Ja
Barbara Gysi SP SG Nein
Greta Gysin Grüne TI Nein
Martin Haab SVP ZH Ja
Patrick Hässig GLP ZH Nein
Stefanie Heimgartner SVP AG Ja
Erich Hess SVP BE Ja
Lorenz Hess Mitte BE Nein
Alois Huber SVP AG Ja
Martin Hübscher SVP ZH Ja
Roman Hug SVP GR Ja
Thomas Hurter SVP SH Ja
Christian Imark SVP SO Ja
Jessica Jaccoud SP VD Nein
Matthias Samuel Jauslin GLP AG Nein
Marc Jost Mitte BE Nein
Irène Kälin Grüne AG Nein
Sidney Kamerzin Mitte VS Ja
Pius Kaufmann Mitte LU Nein
Delphine Klopfenstein Broggini Grüne GE Nein
Thomas Knutti SVP BE Ja
Nicolas Kolly SVP FR Ja
Philipp Kutter Mitte ZH Nein
Miriam Locher SP BL Nein
Christian Lohr Mitte TG Entschuldigt
Raphaël Mahaim Grüne VD Nein
Vincent Maitre Mitte GE Nein
Piero Marchesi SVP TI Ja
Min Li Marti SP ZH Nein
Samira Marti SP BL Nein
Magdalena Martullo-Blocher SVP GR Ja
Nadine Masshardt SP BE Nein
Thomas Matter SVP ZH Ja
Andreas Meier Mitte AG Ja
Mattea Meyer SP ZH Nein
Sophie Michaud Gigon Grüne VD Nein
Simon Michel FDP SO Ja
Fabian Molina SP ZH Nein
Leo Müller Mitte LU Nein
Stefan Müller-Altermatt Mitte SO Nein
Philippe Nantermod FDP VS Ja
Reto Nause Mitte BE Nein
Jacques Nicolet SVP VD Ja
Nicolò Paganini Mitte SG Ja
Pierre-André Page SVP FR Präsident
Yvan Pahud SVP VD Ja
Paolo Pamini SVP TI Ja
Gerhard Pfister Mitte ZG Nein
Valérie Piller Carrard SP FR Nein
Léonore Porchet Grüne VD Nein
Barbara Portmann GLP AG Nein
Hans-Peter Portmann FDP ZH Ja
Katharina Prelicz-Huber Grüne ZH Nein
Jon Pult SP GR Nein
Lorenzo Quadri SVP TI Ja
Thomas Rechsteiner Mitte AI Ja
Lukas Reimann SVP SG Ja
Estelle Revaz SP GE Nein
Katja Riem SVP BE Ja
Christoph Riner SVP AG Ja
Maja Riniker FDP AG Ja
Markus Ritter Mitte SG Nein
Benjamin Roduit Mitte VS Ja
Anna Rosenwasser SP ZH Nein
David Roth SP LU Nein
Marie-France Roth Pasquier Mitte FR Nein
Daniel Ruch FDP VD Ja
Monika Rüegger SVP OW Ja
Hans Jörg Rüegsegger SVP BE Ja
Farah Rumy SP SO Nein
Gregor Rutz SVP ZH Ja
Franziska Ryser Grüne SG Nein
Regine Sauter FDP ZH Ja
Barbara Schaffner GLP ZH Nein
Peter Schilliger FDP LU Ja
Nina Schläfli SP TG Nein
Therese Schläpfer SVP ZH Ja
Marionna Schlatter Grüne ZH Nein
Anna-Béatrice Schmaltz Grüne ZH Nein
Ueli Schmezer SP BE Nein
Pascal Schmid SVP TG Ja
Daniela Schneeberger FDP BL Ja
Meret Schneider Grüne ZH Nein
Elisabeth Schneider-Schneiter Mitte BL Nein
Markus Schnyder SVP GL Ja
Priska Seiler Graf SP ZH Nein
Andri Silberschmidt FDP ZH Ja
Sandra Sollberger SVP BL Ja
Daniel Sormanni SVP GE Enthalten
Simon Stadler Mitte UR Nein
Fabienne Stämpfli GLP BE Nein
Barbara Steinemann SVP ZH Ja
Thomas Stettler SVP JU Ja
Bruno Storni SP TI Nein
Manuel Strupler SVP TG Ja
Gabriela Suter SP AG Nein
Vroni Thalmann-Bieri SVP LU Ja
Heinz Theiler FDP SZ Ja
Michael Töngi Grüne LU Nein
Jean Tschopp SP VD Nein
Mauro Tuena SVP ZH Ja
Brenda Tuosto SP VD Nein
Nadja Umbricht Pieren SVP BE Ja
Kris Vietze FDP TG Ja
Susanne Vincenz-Stauffacher FDP SG Ja
Patricia von Falkenstein FDP BS Ja
Erich Vontobel SVP ZH Ja
Bruno Walliser SVP ZH Ja
Beat Walti FDP ZH Ja
Ernst Wandfluh SVP BE Ja
Christian Wasserfallen FDP BE Ja
Céline Weber GLP VD Nein
Laurent Wehrli FDP VD Ja
Manuela Weichelt Grüne ZG Nein
Cédric Wermuth SP AG Nein
Priska Wismer-Felder Mitte LU Nein
Sarah Wyss SP BS Nein
Rémy Wyssmann SVP SO Ja
Andrea Zryd SP BE Nein
Ursula Zybach SP BE Nein

Eine von ihnen: Mitte-Fraktionschefin Yvonne Bürgin. Sie beobachtete das Gespräch, ging nach vorne und fotografierte die Szene aus kurzer Distanz. Aus ihrer Sicht wollte sie dokumentieren, was sie als Druckversuch wahrnahm. Mehrere Nationalräte applaudierten.

«In der Verfassung steht klar, dass man ohne Weisung abstimmt», sagt Bürgin gegenüber blue News. Wenn jemand zunächst gegen die Parteilinie stimme oder sich enthalte und anschliessend mehrere Parteikollegen auf ihn einredeten, woraufhin er seine Meinung ändere, dann habe das «ein böses Gschmäckli». Sie frage sich, ob Sormanni unter Druck gesetzt worden sei. Falls ja, seien das «Trumpsche Methoden» – und solche hätten im Bundeshaus nichts verloren.

Mitte-Nationalrätin Yvonne Bürgin fotografierte die Szene und vermutet, dass hier SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi «Druck» auf seinen Fraktionskollegen Daniel Sormanni ausübte.

Mitte-Nationalrätin Yvonne Bürgin fotografierte die Szene und vermutet, dass hier SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi «Druck» auf seinen Fraktionskollegen Daniel Sormanni ausübte.

ZVG

Die Bundesverfassung hält klar fest: Die Mitglieder der Bundesversammlung stimmen ohne Weisungen. Auf deutsch: Fraktionszwang ist verboten.

«Die Mitglieder der Bundesversammlung stimmen ohne Weisungen.»

Andreas Glarner weist den Vorwurf zurück. Er habe sich bei Sormanni lediglich erkundigt, weil er am nächsten bei ihm sitze. «Er hat mir gesagt, dass er sich beim Knopf getäuscht habe», sagt Glarner. Daraufhin habe er einen Ordnungsantrag auf Wiederholung der Abstimmung gestellt. «Ich war nur knapp fünf Sekunden bei ihm. In fünf Sekunden kann man niemanden unter Druck setzen.»

SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi wollte sich gegenüber blue News nicht äussern.

«Kein Kommentar.»

Portrait of Thomas Aeschi

Thomas Aeschi

SVP-Fraktionschef

Auch SP-Nationalrätin Sarah Wyss bekam die Szene mit. Sie sprach Glarner nach der Abstimmung direkt an, wie im Videostream sichtbar war. Gegenüber blue News erklärt sie, sie habe ihn gefragt, ob sein Fraktionskollege wirklich falsch abgestimmt habe – oder einfach «nicht im Sinne der SVP».

Sormanni sprach selbst auch von einem Druckversuch. In einer schriftlichen Stellungnahme hält er fest, er habe sich bei der Abstimmung geirrt. Druckversuche habe es vielmehr bei der Eintretensdebatte und bei der Schlussabstimmung gegeben – also in jenen Momenten, in denen er sich nicht gegen die SVP-Fraktion gestellt hatte. 

Beim «Blick» lässt er sich aber deutlicher zitieren: «Der Druck aus der SVP-Spitze war zu gross.»

Glarner hatte mit seinem Ordnungsantrag Erfolg. Im Nationalrat gilt faktisch ein Gentlemen's Agreement: Wenn ein Ratsmitglied erklärt, es habe sich bei der Stimmabgabe verdrückt, wird die Abstimmung in der Regel wiederholt.

00:16

Bei der zweiten Abstimmung änderte Sormanni sein Votum. Er stimmte nun mit der SVP-Fraktion. Damit kippte das Resultat. Der Antrag von Mitte-links, neue AKWs bis 2035 zu verbieten, wurde abgelehnt – auch weil sechs Mitglieder der Mitte dagegenstimmten.

In der Sache ging es um die Stopp-Blackout-Initiative. Sie will ermöglichen, dass in der Schweiz wieder neue Atomkraftwerke gebaut werden dürfen. SVP-Energieminister Albert Rösti wollte das Volksbegehren mit einem indirekten Gegenvorschlag entschärfen und die zentrale Forderung über eine Gesetzesänderung aufnehmen.

Mitte-links stellte sich dagegen. Nach der wiederholten Abstimmung war klar: National- und Ständerat können am Freitag die Debatte über die Stopp-Blackout-Initiative abschliessen. Danach wird der Bundesrat die Volksabstimmung ansetzen. Ein Referendum gegen den indirekten Gegenvorschlag ist bereits angekündigt.

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