Alain Berset: «Viele Leute laufen auf dem Zahnfleisch»

sob

10.12.2020

Bundesrat Alain Berset spricht waehrend einer Medienkonferenz des Bundesrates zur aktuellen Lage im Zusammenhang mit dem Coronavirus, am Dienstag, 8. Dezember 2020, in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)
Bundesrat Alain Berset spricht während einer Medienkonferenz des Bundesrates zur aktuellen Lage im Zusammenhang mit dem Coronavirus, am Dienstag, 8. Dezember 2020, in Bern.
Keystone

Gesundheitsminister Alain Berset gibt im Interview zu, dass er coronamüde ist – wie so viele seiner Landsleute. Und er warnt: «Die Situation ist jetzt viel schlimmer als im März.» Schrittweise Entwarnung gebe es bestenfalls ab dem nächsten Frühling.

In der Schweiz steigen die Fallzahlen, und der Bundesrat will mit schärferen Massnahmen Gegensteuer geben. Gesundheitsminister Alain Berset wirbt dafür um Verständnis: «Wir sollten nicht vergessen, dass andere Länder mit weniger Neuansteckungen im Lockdown sind und Ausgangssperren haben», gibt er im Interview mit dem «Blick» zu bedenken. «Wir haben im Vergleich dazu noch viele Freiheiten und Lebensqualität. Doch das hat einen Preis.»

Die steigenden Fallzahlen könnten «sehr rasch zu einem grossen Problem werden. Doch dann ist es zu spät, um zu handeln. Deshalb haben wir jetzt reagiert». Am Freitag will der Bundesrat Nägel mit Köpfen machen.



Der Magistrat ist ebenso coronamüde und hat manchmal den Blues wie viele seiner Mitbürger. «Ich arbeite sehr viel, das überdeckt vieles. Aber natürlich drückt die Krise auf die Moral, auch wenn jeder anders reagiert. Aber es ist völlig normal, jetzt Angst zu haben, bedrückt zu sein. Wir sind in einer Pandemie.» Wichtig sei, dass man diese Gefühle nicht in sich hinein fresse, sondern dass man darüber spreche.

Seine grösste Sorge ist, dass uns die Pandemie über die Festtage komplett entgleitet. «Das könnte das Gesundheitssystem nicht mehr stemmen. Ich war in letzter Zeit in mehreren Spitälern. Im März wurde dem medizinischen Personal applaudiert. Aber: Die Situation ist jetzt viel schlimmer. Jetzt laufen diese Leute auf dem Zahnfleisch.»



Berset macht aber auch Hoffnung: «Vergessen wir nicht, dass es Licht am Ende des Tunnels gibt: Früh im Jahr starten wir mit den Impfungen. Und wir wissen: Wenn es wärmer wird, entspannt sich die Situation zusätzlich.» Also ab Frühling. So lange werde es leider noch dauern. «Und auch danach wird es noch Überraschungen und Rückschläge geben», warnt der Gesundheitsminister. Immerhin: Die Schweiz habe sich 15 Millionen Impfdosen gesichert, und die Impfungen werden gratis sein. «Sobald die Zulassungen da sind, starten wir.»

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