Abschied in Zeiten der BedrohungArmeechef Süssli warnt eindringlich vor Putin und wird unbequem
Dominik Müller
2.12.2025
Thomas Süssli zieht Bilanz anlässlich einer Medienkonferenz zu seinem Abtreten als Chef der Armee.
Bild:Keystone
Mit dem Ukraine-Krieg hat sich die Bedrohungslage in Europa grundlegend verändert. Auch für die Schweiz. Nach sechs turbulenten Jahren übergibt Thomas Süssli das Kommando über die Armee – und zieht Bilanz.
Als Thomas Süssli im Januar 2020 sein Amt als Chef der Armee antrat, war die Welt eine andere. Kurz nach seiner Amtsübernahme ordnete der Bundesrat wegen Covid-19 erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg eine Mobilmachung von 5000 Armeeangehörigen an.
«Und eine Woche nach dem letzten Covid-Einsatz der Armee begann Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine», führt Süssli am Dienstag in Bern vor Medienschaffenden aus.
Ende Jahr legt Süssli sein Amt nieder. Am vergangenen Donnerstag übergab er offiziell den Staffelstab an Divisionär Benedikt Roos, der seinen Posten am 1. Januar antreten wird.
«Zeitenwende, Innovation und Transparenz»
Zeit für Süssli, die letzten sechs Jahre zu rekapitulieren: «Ich ziehe eine positive und gleichzeitig eine kritische Bilanz.» So sei es ihm etwa nicht gelungen, den Finanzierungsengpass und die Bedürfnisse der Armee genügend zu erklären. Als positiv bewertet er den angestossenen Kulturwandel hin zu mehr Sichtbarkeit der Armee und Selbstkritik.
Zu seinem Dienstantritt habe noch niemand gedacht, dass ein konventioneller Krieg in Europa möglich wäre. Themen wie die Verteilung von kugelsicheren Westen an Armeeangehörige hätten den Diskurs in der Armee bestimmt. Die Rede Putins, als dieser den Angriff auf die Ukraine in einer Fernsehansprache ankündigte, habe Süssli live mitverfolgt: «Bei der anschliessenden Fahrt ins Bundeshaus wurde mir klar, dass dies auch Auswirkungen auf die Schweiz haben wird.»
«Nach Putins Rede wurde mir klar, dass das auch Auswirkungen auf die Schweiz haben wird»
Thomas Süssli
Chef der Armee
Fortan sei der Fokus auf die Verteidigung gelegt worden. Süssli nennt als Schwerpunkte die Abwehr von ballistischen Raketen, Marschflugkörpern oder Drohnen. Auch der Ausbau der digitalen Infrastruktur habe zusätzlich an Gewicht gewonnen.
Debakel bei IT-Projekten
Allerdings sind es genau diese zahlreichen Baustellen, die der Armee in den letzten Jahren wiederholt negative Schlagzeilen bescherten und Süsslis Amtszeit überschatten. In kurzer Abfolge schlugen vor knapp einem Jahr die wichtigsten zwei Schweizer Finanzkontrolleure in Sachen Armee Alarm: Die Finanzdelegation des Parlaments (FinDel) und die Eidgenössische Finanzkontrolle.
So wendete sich die FinDel Ende 2024 an die damalige Bundesrätin Viola Amherd: Sieben IT-Projekte der Armee standen auf Rot. Grosse Verzögerungen und ein Milliardenschaden drohten.
Süssli war als Wirtschaftsinformatiker an die Spitze der Armee berufen worden. Ausgerechnet diesem Fachmann schienen die Projekte entglitten zu sein. Eines der beanstandeten Projekte und im Fokus der Kritik war auch die Neue Digitalisierungsplattform NDP. Sie ist zentral für die Verteidigungsfähigkeit der Armee und das neue Herzstück der gesamten einsatzkritischen digitalen Verteidigungsstruktur. Am Dienstag ist die Betriebsplattform nun den Medien vorgestellt worden, im Laufe des nächsten Jahrs soll sie live gehen.
Kurz vor seinem Amtsende kann Süssli denn auch diesbezüglich Entwarnung geben: «Die Situation hat sich entspannt.» Fünf der sieben kritischen IT-Projekte sind gemäss Verteidigungsdepartement (VBS) wieder auf Kurs.
Misslungene Drohnen-«Helvetisierung»
Kurz nach dem FinDel-Brief, Mitte Januar, kritisierte die Eidgenössische Finanzkontrolle eine 300-Millionen-Beschaffung von Aufklärungsdrohnen scharf. Die eigentlich erprobte «Hermes-900»-Drohne war einer «Helvetisierung» unterzogen worden: Das bestehende Produkt sollte für die speziellen Anforderungen der Schweiz – beispielsweise den Einsatz im Gebirge – angepasst werden.
Das Resultat ist ein Fiasko: 2019 hätte das Projekt abgeschlossen sein sollen. Im Juli wurde bekannt, dass das VBS an einen Abbruch der Beschaffung denkt. Mittlerweile hat Verteidigungsminister Martin Pfister klargestellt: Das umstrittene Drohnen-Projekt wird trotz Verzögerungen fortgesetzt. Die Fluggeräte kommen jedoch in einer deutlich abgespeckten Version.
Eine Aufklärungsdrohne des ADS-15-Systems der Schweizer Armee.
Keystone
Russische Bedrohung
Immerhin winkt mit den 36 bestellten F-35A-Kampfjets eine Verbesserung der Situation der Luftwaffe, eine erste Lieferung soll 2028 eintreffen. Das sei auch nötig, zumal Russland laut Süssli auch weiterhin eine Bedrohung für die Schweiz darstellt: Das Land hat nach seinen Angaben auf eine Kriegswirtschaft umgestellt und produziert mehr Material als vor 2022.
Süsslis Ansicht nach gibt es «mehr als offensichtliche Anzeichen», dass Moskau sich darauf vorbereitet, den Krieg mit dem Westen auszuweiten. Ab 2028 oder 2029 sei Russland dazu auch in der Lage, das hätten ihm auch Gespräche mit Verteidigungsministern und Armeechefs aus anderen Ländern bestätigt.
«Russland versucht, die Nato zu destabilisieren und den Westen zu spalten»
Thomas Süssli
Chef der Armee
So sei es ein realistisches Szenario, dass Putin ab dann den Befehl erteilen könnte, beispielsweise einen Teil eines baltischen Staats zu besetzen. «Russland versucht, die Nato zu destabilisieren und den Westen zu spalten. Bei uns ist noch nicht angekommen, wie die Bedrohungslage in Europa wirklich ist.»
Die öffentliche Wahrnehmung in der Schweiz sei punkto Verteidigungsfragen eingeschlafen. Die Invasion der Ukraine 2022 habe das Land nur kurzfristig wachgerüttelt.
Süssli warnt: «Wenn die Ukraine fallen sollte, gäbe es nur noch zwei Länder zwischen der Schweiz und Russland: Ungarn und Österreich.» Der Status als neutraler Staat werde die Schweiz dabei nicht schützen können.
Thomas Süssli: «Bei uns ist noch nicht angekommen, wie die Bedrohungslage in Europa wirklich ist.»
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«Verteidigen können, um nicht zu müssen»
«Die Schweizer Armee kann nicht autonom verteidigen», sagt Süssli. Gleiches gelte für Europa. Entsprechend nehme die sogenannte Interoperabilität einen wichtigen Stellenwert ein. Sprich: Die Einführung von standardisierten Prozessen, die die Zusammenarbeit zwischen Armeen verschiedener Länder ermöglicht.
«Verteidigen können, um nicht zu müssen», hat Süssli im August sein Manifest zum Stand der Armee betitelt. Um dazu in der Lage zu sein, braucht die Armee laut eigenen Angaben 40 Milliarden Franken für Material sowie 10 Milliarden für Munition und Ersatzteile.
Am Freitag wurde bekannt, dass Verteidigungsminister Martin Pfister eine Erhöhung der Mehrwertsteuer für die schnellere Aufrüstung der Armee erwägt. Um die Finanzierung dürfte in der Politik weiterhin heftig gestritten werden. In diese Debatten wird Thomas Süssli nicht mehr involviert sein: Er will sich bis März eine «aktive Auszeit» nehmen, um zu entscheiden, wie es für ihn weitergeht.
Video zum Thema
Abtretender Armeechef zieht durchzogene Bilanz zu seiner Amtszeit
Die Schweiz ist laut dem abtretenden Armeechef Thomas Süssli in Verteidigungsfragen eingeschlafen. Die Invasion der Ukraine 2022 habe das Land nur kurzfristig wachgerüttelt.