Nach der Piste gehts zum Corona-Test statt Après-Ski

Von Gil Bieler

29.1.2021

Menschen warten auf ihren Covid-Test, am Freitag, 29. Januar 2021, in Arosa. Die Schule bleibt nach einem Ausbruch des mutierten Coronavirus geschlossen. Heute und morgen finden freiwillige Flaechentests fuer die ganze Bevoelkerung statt. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)
Anstehen für den Corona-Test: Menschen warten vor der Mehrzweckhalle in Arosa darauf, dass sie an die Reihe kommen.
Bild: Keystone/Gian Ehrenzeller.

Nach dem Auftauchen mutierter Coronaviren führt Arosa heute und morgen Flächentests durch. Die Testbereitschaft in der Bevölkerung ist gross – bei manchem sicher grösser als die Angst vor dem Virus.

Dick in Winterkleider eingepackt, reihen sich die Leute in die Schlange vor der Mehrzweckhalle von Arosa ein – und mit Abstand. Einheimische und Touristen im Bündner Wintersportort sind dazu aufgerufen, sich an diesem Wochenende auf das Coroanvirus testen zu lassen. Der freiwillige Flächentest ist eine Reaktion auf die Vorfälle vom Mittwoch, die Arosa über Nacht zum Covid-Hotspot machten.

In der Schule der Gemeinde wurden 14 Infektionen mit Covid-Virusmutationen festgestellt. Das Bündner Gesundheitsamt zeigte sich besorgt, denn: «Die Virus-Mutation ist deutlich ansteckender als die Variante, die bisher weltweit vorherrscht.» Um einer Verbreitung vorzubeugen, bleiben Schule und Kindertagesstätten bis Samstag geschlossen, auch die Skischulen mussten den Betrieb vorläufig einstellen. Zudem gilt neu auf dem ganzen Gemeindegebiet eine Schutzmaskenpflicht.

Auch Claudio* wird sich am Samstag testen lassen. «Das war für mich keine Frage, auch wenn der Test freiwillig ist», sagt der 33-Jährige aus Arosa. Weil das Gesundheitsamt Journalisten ausdrücklich vom Besuch in Arosa abrät, erwischt «blue News» ihn telefonisch. Er hat sich einen Termin in der Mehrzweckhalle reserviert und rechnet damit, dass der Test nicht länger als eine Viertelstunde dauern wird.

Resultate nicht vor Sonntagabend

Etwas länger dauerte der Test bei Gemeindepräsidentin Yvonne Altmann: «Mit Anstehen habe ich 25 Minuten gebraucht», sagt sie auf Anfrage. Nach ihrem Besuch im Testzentrum ist sie zuversichtlich, dass die Aktion problemlos über die Bühne gehen wird.

Es zeichnet sich eine hohe Testbereitschaft ab: Laut Altmann haben sich schon fast 3000 Personen angemeldet. Zur Einordnung: Die ständige Aroser Wohnbevölkerung zählt 3310 Personen. Altmann sieht darin ein Zeichen, dass die Solidarität in der Bevölkerung gross sei. Die Resultate des Flächentests werden nicht vor Sonntagabend vorliegen.

Der grosse Vorteil von Flächentests liegt darin, dass sie bis dahin unentdeckte Ansteckungen offenlegen und damit die Ausbreitung des Virus bremsen. Erst vergangene Woche wurden bei einer Testaktion in St. Moritz 53 Fälle identifiziert, wobei insbesondere das Personal zweier Fünf­ster­ne­ho­tels betroffen war. Auch der Bundesrat setzt verstärkt auf Flächentests und übernimmt neu auch die Kosten für deren Durchführung.

Altmann hofft, dass Ansteckungen in Arosa rasch identifiziert und die betroffenen Personen unter Quarantäne gestellt werden können – «damit wir wieder coronafrei sein werden». 



Die Virusmutation sei natürlich das grosse Thema in Arosa, sagt Claudio. Verunsichern lässt er sich aber nicht: «Ich befolge die Massnahmen der Behörden, gehe also nur noch mit Schutzmaske ins Dorf.» Freunde treffe er weiterhin, einfach im Freien und mit Abstand. Auch auf die Piste und auf die Loipe gehe er regelmässig: «Wenn man nur noch zu Hause sitzt, wird man am Ende doch auch krank.»

«Der Kellner meinte, wir hätten Glück gehabt»

Christoph Lyner aus Zürich verbrachte gerade ein paar Ferientage in Arosa, als die Fälle der Virusmutation bekannt wurden. Zusammen mit einem Freund war er tagsüber im Skigebiet Lenzerheide unterwegs, das mit jenem von Arosa verbunden ist. «Am Abend meinte der Kellner im Hotel, wir hätten Glück gehabt, am nächsten Tag werde die Skigebiets-Verbindung unterbrochen.»

Mit dieser Massnahme soll eine Durchmischung der Wintersportler verhindert werden. Ob nun auch eine gänzliche Schliessung der Pisten zur Diskussion steht, beantwortet man beim Kanton wie folgt: «Sobald die Resultate des Flächentests vorliegen, wird eine Lagebeurteilung gemacht.»

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Lyner reiste am Donnerstag wieder heim – wegen des schlechten Wetters, nicht aus Angst vor dem Virus. «Wir fühlten uns auf der Piste zu keiner Minute unwohl», betont er. Weil nur wenige Wintersportler unterwegs gewesen seien, sei nirgends ein Gedränge entstanden. Auch wenn er die Diskussion um die Virusmutationen «aufgebauscht» findet, sagt er: «Wären wir länger geblieben, hätte ich mich auch testen lassen.» Um zu wissen, ob er infiziert sei – aber auch, um die lokalen Behörden zu unterstützen.

Einzigartige Wintersport-Saison

Eine Wintersport-Saison wie die aktuelle haben weder Einheimische noch Touristen je erlebt: Dass die Pistenbeizen coronabedingt nur Take-away anbieten dürfen, findet Lyner zumindest bei Wetterpech «wenig amächelig». Dafür seien die Gäste im Hotelrestaurant besonders gut umsorgt worden.

Auch Claudio sagt: «Man verbringt seinen Skitag völlig anders.» Statt mittags in der Beiz einzukehren, esse er nur rasch eine Bratwurst am Pistenrand. Besonders ausgeprägt sind die Unterschiede beim Nachmittagsprogramm: «Statt zum Après-Ski gehe ich zum Beispiel auf eine Schneeschuhwanderung oder zum Langlaufen. Die Leber dankt es, das Portemonnaie auch.»

Der Einheimische sieht das als positive Abwechslung – mal etwas anderes. «Aber klar, Touristen, die wegen des Après-Skis nach Arosa kommen, werden dieses Jahr kaum Ferien buchen.»

Gemeindepräsidentin Yvonne Altmann sieht keinen Grund, eine Hotelbuchung in Arosa wegen der Coronavirus-Fälle zu stornieren: «Man kann immer noch in die Natur gehen, auf die Skipiste, spazieren oder wandern.»

Die Bedeutung des Wintertourismus für Arosa könne man nicht überbewerten: «Wir leben zu 100 Prozent vom Tourismus, allein zu 90 Prozent von der Wintersaison», sagt sie. Die Saison sei für den Wintersportort bereits so nicht einfach: Sie schätzt, dass rund 30 Prozent weniger Gäste angereist sind als in normalen Jahren. Umso mehr hofft sie, dass sich die Fälle von mutierten Viren auf die Schule beschränken und der Tourismus-Sektor verschont bleibt. 

*Name auf Wunsch geändert

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