Jeder Vierte leidet an «Long Covid» – nun schaltet sich das Parlament ein

Julia Käser

3.2.2021

Jeder vierte Covid-Erkrankte in der Schweiz hat mit teils erheblichen Langzeitfolgen zu kämpfen. Das zeigt eine neue Zürcher Studie. Nun ist das Thema im Parlament angekommen. 

Eigentlich gilt Lena H.* als genesen. Doch auch zehn Wochen nach ihrer Corona-Infektion ist für die 27-Jährige längst nicht alles wie zuvor. Das Treppensteigen bereitet ihr Mühe, sofort kommt sie ausser Atem. Kleinere Spaziergänge erschöpfen sie, die Beine werden nach einigen Minuten schwer wie Blei. Jeden Abend fällt sie unglaublich müde ins Bett.

Was die junge Frau erlebt, beschreiben Fachpersonen als das sogenannte «Long Covid»-Syndrom. Dabei leiden Corona-Infizierte auch Monate nach der Erkrankung noch unter teils erheblichen Langzeitfolgen. 

Die Liste der Symptome des «Long Covid» ist lang: Kopfschmerzen, anhaltende Müdigkeit, Atemnot, Husten, monatelanger Verlust des Geruchssinns, Gedächtnisprobleme, aber auch Depressionen treten auf. Aufgrund der Neuartigkeit des Virus und seiner Spätfolgen fehlen bisher verlässliche Daten dazu, wie viele Personen davon betroffen sind. 

26 Prozent von «Long Covid» betroffen

Eine umfassende Studie des Teams rund um den Zürcher Epidemiologen Milo Puhan schafft nun erste Anhaltspunkte. Insgesamt 437 Patientinnen und Patienten hat das Forschungsteam untersucht. Die Ergebnisse der Studie liegen der SRF-«Rundschau» nun vor. 

Demnach gaben 26 Prozent der Befragten an, sich auch ein halbes Jahr nach der Corona-Diagnose nicht komplett erholt zu haben. Die meisten davon litten unter starker Müdigkeit und Husten. Jeder Zehnte dieser «Long Covid»-Betroffenen gab an, im Alltag stark eingeschränkt zu sein. 

Überraschend ist diese hohe Zahl laut Experte Puhan, weil in der Studie auch Personen befragt wurden, bei denen nur leichte oder gar keine Corona-Symptome aufgetreten waren. 

Bis zu 300'000 Betroffene in der Schweiz

Laut dem deutschen Robert-Koch-Institut (RKI) sind Personen mit schweren Krankheitsverläufen denn auch öfter von Langzeitfolgen betroffen. Bisherige Studien würden darauf hindeuten, dass rund 40 Prozent der hospitalisierten Erkrankten mit längerfristigen Folgen kämpfen. 

Das deckt sich mit den Ergebnissen von Puhan und seinem Team. Von den Befragten, die hospitalisiert werden mussten, leiden 39 Prozent auch sechs Monate nach der Infektion noch unter mindestens einem Syndrom. Bei Personen mit leichtem bis mittelschwerem Krankheitsverlauf sind es immerhin 23 Prozent.

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Hochgerechnet geht Puhan davon aus, dass in der Schweiz 250'000 bis 300'000 Menschen von «Long Covid» betroffen sind. Hilfe finden sie unter anderem in speziellen Sprechstunden, wie sie einige Spitäler mittlerweile anbieten, etwa die Unispitäler Genf und Zürich. 

Bundesrat soll sich der Sache annehmen

Unterstützung findet man auch in Form von Selbsthilfegruppen. Zusammen mit der Selbsthilfe Zürich hat der Verein «Leben mit Corona» eine spezielle Gruppe für «Long Covid»-Betroffene und ihre Angehörigen geschaffen. Die Treffen finden als Videokonferenz statt.

Mittlerweile kümmert sich auch das Parlament um das Thema «Long Covid». Die Gesundheitskommission des Ständerats (SGK-S) will wissen, wie es um die Betreuung von Betroffenen mit Langzeitfolgen steht und wer entsprechende Therapien finanziert.

Wie die Parlamentsdienste am Freitag mitteilten, hat die Kommission ein entsprechendes Postulat letzte Woche eingereicht. Stimmt der Ständerat dem Vorstoss zu, muss der Bundesrat einen Bericht zum Thema erarbeiten.

*Name der Redaktion bekannt

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