Beizen-Lockdown – droht jetzt die grosse Vereinsamung?

Andreas Fischer und Gil Bieler

19.12.2020 - 11:00

Aufstuhlen um 19 Uhr: Die Beizer in Appenzell Ausserrhoden halten sich an die neuen Covid-19-Massnahmen. (Symbolbild)
Aufstuhlen in den Beizen: Ab Dienstag müssen alle Gastwirtschaften schliessen. Vielen Menschen droht ein Verlust der sozialen Kontakte. (Symbolbild)
sda

Ab Dienstag müssen Restaurants schliessen, soziale Kontakte werden noch schwieriger. Eine Bistro-Leiterin und ein Pfarrer erzählen, welche Auswirkungen das auf ohnehin einsame Menschen hat.

Bislang waren Beizen und Restaurants eine der letzten Bastionen, um soziale Kontakte zu pflegen. Nun müssen auch sie per 22. Dezember schliessen, das hat der Bundesrat heute Freitag verkündet. Auch Kultur- und Freizeiteinrichtungen wie Museen, Kinos, Bibliotheken und Casinos machen zu. Gelegenheiten, sich mit anderen Menschen zu treffen gibt es nach den Beschlüssen der Regierung kaum noch.

Ausgerechnet über Weihnachten droht die grosse Vereinsamung. Christoph Sigrist erwartet, dass sich die «meisten Menschen in ihren eigenen Wohnungen verkriechen». Der Pfarrer des Zürcher Grossmünsters ist dieser Tage viel unterwegs, um die Menschen zu Hause zu besuchen und ihnen Beistand zu leisten. Das ist ihm ganz wichtig, wie er im Gespräch mit «blue News» betont.

Anspannung und Angst

Was der Lockdown für Menschen in belastenden sozialen Situationen bedeutet, zeigt sich auch im Bistro Dimensione in Winterthur. Das Lokal ist ein soziales Projekt und gibt Menschen mit psychischen oder sozialen Beeinträchtigungen eine Arbeitsstelle. «Wir haben die Pressekonferenz des Bundesrats verfolgt, und bei einigen ging der Laden runter», sagt Ramani Plüss von der Betriebsleitung.

Weihnachten sei für einige Mitarbeitende und Gäste im Dimensione ohnehin schon eine schwierige Zeit, sei es wegen der Einsamkeit oder Konflikten mit der Familie. Doch in diesem Jahr sei die Anspannung noch deutlich stärker spürbar als sonst. 

Im Lockdown im Frühling hat das Dimensione-Team noch Workshops in Kleinstgruppen durchführen können – nun sei man daran, regelmässige Online-Treffen zu organisieren. «Das ist natürlich nicht dasselbe», sagt Plüss. Besonders schade findet sie, dass das Lokal auch nach dem Jahreswechsel geschlossen bleiben müsse: «Das ist die Zeit, in der sich die Leute jeweils auf einen Neustart freuen und den Ärger der Festtage hinter sich lassen wollen.» Und bei einigen im Team wachse die Sorge, dass das Dimensione den Betrieb wegen der wirtschaftlichen Einbussen für immer schliessen müsse.

Vereinsamung hinter allen Fassaden

Die Sorgen werden auch bei Christoph Sigrist nicht kleiner. «Wir haben die Isolation nicht mehr nur in Altersheimen, sondern auch hinter den Fassaden in den Gassen und Strassen. Diese Transformation der Isolation und Vereinsamung macht mir Angst», sagt der Seelsorger, der im Frühjahr zum Pfarrer ohne Publikum wurde. Es sei eine grosse Herausforderung, der sich die Kirchen annähmen: «Wir sind eine der wenigen institutionellen Kräfte in der Nachbarschaft, die noch hinter die Fassaden kommen.»



Dabei hätten die Menschen eine generelle Akzeptanz für Corona-Massnahmen entwickelt, wie Sigrist in persönlichen Gesprächen erfahren hat. «In den letzten Tagen habe ich wahrgenommen, dass sich die Grosswetterlage geändert hat. Weil viele Spitäler an ihre Kapazitätsgrenzen gelangten, hat sich auch bei Wirtschaftsunternehmen die Einsicht durchgesetzt, dass Verschärfungen der Corona-Massnahmen nötig sind.»

Pfarrer Christoph Sigrist auf dem Grossmünster.
zVg

«Die Menschen sind ernüchtert»

Seit dem ersten Lockdown im Frühjahr habe sich das Verhalten der Menschen in vielerlei Hinsicht verändert: «Es wurde die soziale Komponente des Gesundheitsbegriffs diskutiert, was unter anderem dazu führte, dass trotz verschärfter Massnahmen mehr Besuche in den Heimen und Spitälern möglich sind», wie Sigrist beobachtet hat. Zuletzt wurde auch die Debatte, «wie wir Schweizer mit Sterblichkeit und Tod umgehen», öffentlich geführt und damit eine der Forderungen des Corona-Manifestes der Zürcher Kirchen erfüllt: die Enttabuisierung des Todes.

Zur Person

Christoph Sigrist (Jahrgang 1963) ist Pfarrer am Zürcher Grossmünster. Daneben ist er Dozent für Diakoniewissenschaft an der Universität Bern. Früher war er auch Armeeseelsorger im Schweizer Militär. Sigrist ist verheiratet und Vater zweier Söhne.

Insgesamt aber sei bei den Menschen eine gewisse Ernüchterung eingetreten. «Der Schockzustand vor Ostern hat sich zu einer Verunsicherung globalen Ausmasses weiterentwickelt. Die Menschen müssen sich auch im nächsten Jahr damit auseinandersetzen, dass das Leben nicht planbar ist. Projekte und Lebensvisionen werden begraben, die Sterblichkeit ist auch bei jungen Menschen ein Thema.»

Diese Einsichten haben die Mentalität der Menschen sehr verändert, beobachtet der Seelsorger, und zwar in allen Schichten, «von der Prostituierten bis zu den Bankern sind alle betroffen». Auch die Vereinsamung mache vor Standesgrenzen keinen Halt. Für die Kirchen allerdings «sind die Monate November und Dezember und insbesondere die Weihnachtsfeiertage immer schon eine grosse Herausforderung gewesen», sagt Sigrist und rät Menschen, die akut von der Vereinsamung bedroht sind, dringend dazu, Angebote wie das Beratungstelefon «Dargebotene Hand» anzunehmen.

Für Hilfe und Unterstützung bei mentaler Gesundheit, suizidalen Krisen bietet die Dargebotene Hand eine wichtige Anlaufstelle: Die Dargebotene Hand 143.

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