Chance oder Gefahr? Bei Bell könnten Lehrlinge bald 4000 Franken verdienen

smi

5.10.2023

Wer hat Lust auf Cervelat? Fleischverarbeiter Bell will mehr Berufslernende gewinnen, indem er die mit Abstand höchsten Lehrlingslöhne der Schweiz in Aussicht stellt.
Wer hat Lust auf Cervelat? Fleischverarbeiter Bell will mehr Berufslernende gewinnen, indem er die mit Abstand höchsten Lehrlingslöhne der Schweiz in Aussicht stellt.
KEYSTONE

Handwerkliche Berufslehren sind nicht mehr so gefragt. Das verstärkt den Mangel an Fachkräften. Fleischverarbeiter Bell erwägt deshalb, Lehrlingen bis zu 4000 Franken zu zahlen. Keine gute Idee, findet eine Expertin.

smi

5.10.2023

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Gewisse handwerkliche und gewerbliche Branchen haben grosse Probleme, genügend Lernende zu finden.
  • Fleischverarbeiter Bell überlegt sich deshalb, Metzger-Lernenden bis zu 4000 Franken Lohn während ihrer Ausbildung zu zahlen.
  • Eine Expertin hält das für verfehlt und erklärt weshalb.

Wer will heute noch Metzger werden? Auch als Fleischfachfrau, bzw. -mann ist der Beruf nicht attraktiver geworden. Weniger als die Hälfte der Lehrstellen konnten auf den Lehrbeginn 2023 hin besetzt werden. 132 von 229 sind laut Lehrstellen-Plattform yousty.ch offen geblieben. 

Der Mangel an beruflichem Nachwuchs ist ein grosses Problem für verschiedene Branchen, nicht nur für das Fleischgewerbe. Er ist Teil des Fachkräftemangels, der Schweizer Betriebe seit Jahren plagt.

Die Top 10 der Berufe mit den meisten offen gebliebenen Lehrstellen, per Lehrbeginn 2023. Auch die zweijährige Lehre zur Fleischfachassistent/in ist mässig gefragt.
Die Top 10 der Berufe mit den meisten offen gebliebenen Lehrstellen, per Lehrbeginn 2023. Auch die zweijährige Lehre zur Fleischfachassistent/in ist mässig gefragt.
yousty

Fleischverarbeiter Bell will nun mit einer radikalen Massnahme Gegensteuer geben: Er erwägt, Lernenden im dritten und letzten Ausbildungsjahr 4000 Franken Lohn monatlich zu zahlen. Aktuell erhalten Lehrlinge in seiner Branche im dritten Lehrjahr etwas mehr als 1000 Franken. 

Höchster Lehrlingslohn der Schweiz – mit Abstand

Konkret hat Bell CEO Lorenz Wyss der «Basler Zeitung» erklärt, er halte 2000 im ersten Lehrjahr, 3000 im zweiten und 4000 Franken im dritten Lehrjahr für sinnvoll, «zusammengesetzt aus einem Basislohn und einer Leistungskomponente». Auf den höchsten Satz kämen also nur die leistungsfähigsten Lernenden.

Die Überlegung ist klar: Die Lehre in einer Metzgerei oder einem Verarbeitungsbetrieb soll auf diese Weise attraktiver werden. Tatsächlich wären die angehenden Metzger*innen bei Bell die mit Abstand bestverdienenden Stifte der Schweiz. Spitzenreiter sind gemäss Lehrstellen-Portal yousty die Grundbauer und Strassenbauer mit 2324 Franken Monatslohn im dritten Lehrjahr.

Damit würde Bell andere Betriebe und Branchen unter Druck setzen, die ebenfalls händeringend Jugendliche suchen, die bei ihnen ihre Berufsausbildung absolvieren. Lernende auszubilden ist kostspielig – vor allem in den ersten beiden Lehrjahren, wenn die Jugendlichen, je nach Komplexität des Berufs, noch viel Anleitung brauchen und nicht alle Arbeiten ausführen können.

Ein Lohn, wie ihn der Bell-Chef vorschlägt, würde die Kosten weiter ansteigen lassen. Zu den aktuellen Ansätzen gilt die Faustregel, dass Lernende im letzten Lehrjahr ihrem Betrieb mehr Einkünfte einbringen, als sie kosten. Bei 4000 Franken pro Monat sähe das möglicherweise wieder anders aus.

Hohe Lehrlingslöhne könnten Berufsbildung gefährden

Bildungsökonomin Ursula Renold findet das Spitzen-Salär für Lernende noch aus anderen Gründen keine gute Idee. Dem «Tages-Anzeiger» legt sie dar, dass Jugendliche ihren Beruf nicht aufgrund des Lehrlingslohns wählten. Ist dieser besonders hoch, kann das erst recht dazu führen, dass sie zwar die Lehre dort machen, den Beruf danach aber verlassen.

Der branchenübliche Lohn für einen ausgebildeten Fleischfachmann liegt laut Renold bei 4200 Franken im Monat. Es sei fraglich, ob das genug Anreiz sei, um in der Branche zu bleiben, wenn man davor in der Ausbildung schon fast gleich viel verdient hat. 

Wenn Betriebe über die Löhne um Lernende konkurrierten, könnte das dazu führen, dass Betriebe die Berufsbildung ganz einstellen würden, weil sie zu teuer wäre. So würden schliesslich noch weniger Berufsleute ausgebildet.

Die Forschung habe keine Hinweise, dass der Lohn der bestimmende Faktor für die Wahl eines Berufes sei, führt Renold aus. Viele Jugendliche wollten mit den Händen arbeiten. Es gehe dann darum, sie für die höhere Berufsbildung zu motivieren, die ihnen auch nach einer handwerklichen Lehre offen steht. 

Es ist ein bekanntes Phänomen, dass gerade in handwerklichen Berufen, etwa auf dem Bau, die Aufstiegschancen besonders gross sind, wenn sich Berufsleute konsequent weiterbilden. Die Konkurrenz ist da kleiner – auch weil nicht so viele diese Berufslehren wählen.