Grosse Hoffnungen

So kommentiert die Schweizer Presse Bidens Wahlsieg

SDA

9.11.2020

Die Kommentatoren in der Schweizer Presse sehen die Wahl von Biden positiv. (Symbolbild)
Bild: dpa

Die Wahl von Joe Biden zum neuen US-Präsidenten lässt laut den Kommentaren in der Schweizer Presse auf eine Entspannung hoffen. Ihr Urteil über Trumps Amtszeit fällt deutlich aus. Bis zur Versöhnung des gespaltenen Landes sei es jedoch ein weiter Weg.

Die Kommentatoren in der Schweizer Presse begrüssen Donald Trumps designierten Nachfolger Joe Biden freudig. Bis zur Versöhnung des gespaltenen Landes sei es jedoch ein weiter Weg, zumal Biden wohl nur ein Übergangspräsident sei. Die gute Botschaft: Mit Kamala Harris als Vizepräsidentin dränge eine neue Generation an die Macht.

Neue Zürcher Zeitung Joe Biden bezeichne sich selbst als Kandidat des Übergangs. Das sei zum jetzigen Zeitpunkt ein Vorteil, kommentiert die NZZ. Angesichtes der grassierenden Corona-Pandemie, einer tiefen Wirtschaftskrise, eines beschädigten transatlantischen Bündnisses und einer parteipolitischen Spaltung sei es nicht die Zeit für politische Experimente. Stattdessen bräuchten die USA wieder Stabilität und Verlässlichkeit im Weissen Haus. Biden sei es zuzutrauen, das Vertrauen wieder herzustellen. Es sei ein Pragmatiker und kein Ideologe. Vielleicht schaffe er es, wieder eine Gesprächsbasis zu schaffen, ohne die ein Heilungsprozess aussichtslos sei.

Tages-Anzeiger Joe Bidens Sieg über Donald Trump sei ein bitter nötiges Lebenszeichen der amerikanischen Demokratie, die in den vergangenen Jahren unter gewaltigen Druck geraten sei, schreibt der «Tages-Anzeiger» in einem Kommentar zum Machtwechsel in den USA. Doch einen Linksrutsch habe es nicht gegeben – im Gegenteil. Die Mehrheit der Amerikanerinnen und Amerikaner habe in den letzten Jahren zusehen müssen, wie eine Kontrollinstanz nach der anderen dabei gescheitert sei, Trump Grenzen zu setzen. Die Justiz und die Verwaltung seien von Trump zunehmend politisiert worden. Und die Medien seien gegen die schiere Fülle von Skandalen längst nicht mehr angekommen. Es sei nur die letzte Instanz geblieben: die Wähler.

Aargauer Zeitung Der Sieg Bidens im Wettkampf um die US-Präsidentschaft fällt laut «Aargauer Zeitung» nicht überzeugend aus. Nach vier Jahren Wahnsinn unter Trump hätte Biden viel deutlicher gewinnen müssen. Zudem hätten die Demokraten den Senat nicht zurückerobern können. Und im Repräsentantenhaus hätten sie sogar Sitze eingebüsst. Darum sei Bidens Versprechen, Amerika wieder zu einen, eine fast unmögliche Mission. Eine gute Botschaft sei, dass mit Kamala Harris erstmals eine Frau Vizepräsidentin werde. Die kraftstrotzende Senatorin und Tochter von Einwanderern zeige, was man in diesem endlosen Kampf der beiden alten Männer beinahe vergessen hätte: dass Amerika vielfältig und zukunftsträchtig sei.



Blick Joe Biden sei bei allen Vorbehalten der richtige Mann zur richtigen Zeit, heisst es in einer Analyse des «Blick». Bidens Wahl sei vor allem als Votum gegen Trump zu werten. Der 77-jährige Establishment-Demokrat habe zu keinem Zeitpunkt eine Euphorie im Land auslösen können. Seine Partei sei zwar vereint, aber nur in ihrer Abscheu vor Trumps Amerika. Ein grosses Fragezeichen sei die Republikanische Partei: Einige Abgeordnete hätten wohl aufgeatmet, dass sie nicht mehr nach Trumps Pfeife tanzen müssten. Der Weg zurück zu einer glaubwürdigen konservativen Politik dürfte steinig werden. Für die Schweiz und die westliche Welt seien die Aussichten nach dem Machtwechsel in Washington hervorragend. Die Wahl Bidens lasse hoffen, dass die Schweiz wieder auf die USA zählen könnten.

Le Temps Nach einem autokratischen Präsidenten, der Unanständigkeit und Vulgarität als Machtinstrumente benutzt habe und sich unaufhörlicher Ausbrüche gegen demokratische Institutionen und Werte schuldig gemacht habe, werde Joe Bidens Aufgabe nicht einfach sein, schreibt die Westschweizer Tageszeitung «Le Temps». Der neue Präsident erbe ein Amerika, das stärker gespalten sei als noch vor vier Jahren und sich in einer schweren wirtschaftlichen und sozialen Krise befinde. Biden solle gelassen bleiben. Normalität müsse wieder den Alltag der Amerikanerinnen und Amerikaner prägen. Die ersten Signale seien positiv, habe der neue Präsident doch versprochen, die Corona-Pandemie zu bekämpfen, in die WHO zurückzukehren und dem Pariser Klimaabkommen wieder beizutreten.

Le Courrier Was auch immer man vom zukünftigen Mann im Weissen Haus halte, die Abwahl von Donald Trump lasse jedenfalls auf eine neue Ära hoffen, schreibt die Westschweizer Tageszeitung «Le Courrier». Biden sei ein Demokrat durch und durch – mit sehr diskreten sozialen Tupfern. All jene, die gegen Nationalismus, Individualismus, Diskriminierung und Klimaverleugnung kämpften, erhielten mit der Wahl Bidens Auftrieb. Die Ankunft des neuen Mannes im Weissen Haus sei eine besonders gute Nachricht für die Vereinten Nationen und den Multilateralismus, fügt die in Genf ansässige Zeitung hinzu.

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