Experte über die Hells Angels

«Ein knallhartes Geschäftsmodell»

Von Gil Bieler

30.6.2022

Mitglieder der Hells Angels 2012 in Frankfurt D. (Archivbild)
Hells Angels bei einem Treffen in Frankfurt: Im nördlichen Nachbarland sind mehrere Charter des Rockerclubs verboten.
Bild: Keystone/EPA

Im Berner Rocker-Prozess wird heute das Urteil erwartet – was erneut ein Schlaglicht auf die Hells Angels wirft. Bestsellerautor Stefan Schubert erklärt, wie die Rocker operieren und wieso Deutschland zu Verboten greift.

Von Gil Bieler

30.6.2022

Herr Schubert, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von der Prügelei auf offener Strasse zwischen Hells Angels und Bandidos erfahren haben?

Mich hat das an die Situation erinnert, die wir vor zehn, zwanzig Jahren in Deutschland hatten. Die Schweiz hat in der deutschen Szene auch einen gewissen Ruf als Hells-Angels-Land, da diese sehr lange der einzige Motorradclub waren und eine Vormachtstellung für sich beanspruchen. Wenn die Bandidos sich entscheiden, da ebenfalls reinzugehen, sind Ärger und Gewalt natürlich programmiert. Dieses Vorgehen ist weltweit das gleiche.

Sie sagen also, die Schweiz habe einen gewissen Ruf in Deutschland?

Das ist so. In Deutschland wurde der Druck von Politik, Medien und Polizei zu gross, Charter wurden verboten, die Rocker durften ihre Kutten nicht mehr öffentlich tragen, es gab Razzien ohne Ende. Da sind einige Mitglieder in die Schweiz ausgewandert. Die Schweiz ist auch aus finanziellen Gründen ein interessantes Pflaster, weil in Geschäftsbereichen, in denen die Hells Angels auch tätig sind – dem Drogenhandel und der Prostitution – höhere Preise bezahlt werden.

In Deutschland sind, anders als in der Schweiz, mehrere Charter der Hells Angels verboten.

Dazu muss man sagen: Die Politik hat das Problem über Jahre hinweg gar nicht erkannt. Erst als es dann zum Höhepunkt der Gewalt Schiessereien auf offener Strasse gab, Handgranaten gefunden wurden und mit Sturmgewehren auf verfeindete Clubhäuser geschossen wurde, hat die Politik sich darum gekümmert.

Wie werden die Verbote begründet?

Zur Person
Der ehemalige Polizist ist Buchautor und Hells-Angels-Kenner.
zvg

Stefan Schubert ist Bestsellerautor und war früher Polizist bei der deutschen Bundespolizei. Acht Jahre lang hat er daneben ein Doppelleben als Hooligan geführt. Für sein Buch «Wie die Hells Angels Deutschlands Unterwelt eroberten» befasste er sich intensiv mit der Rockerszene. 

Damit, dass schwere Straftaten zur Durchsetzung der Clubinteressen begangen wurden, wie Gewaltanwendung, Schusswaffen-Einsatz und Drogenhandel. Ausserdem waren führende Köpfe der einzelnen Charter ganz konkret involviert. Hinzu kam, dass sich der Club nicht von verurteilten Drogenhändlern oder Personen, die schwere Gewalttaten begangen haben, distanziert hat. Im Gegenteil: Diese Leute werden zum Teil sogar befördert, bekommen Abzeichen wie das «Filthy Few»-Patch für einen begangenen Mord für den Club. All das führte dazu, dass die Charter-Verbote vor Gericht Bestand hatten.

Haben die Verbote eine Wirkung gezeigt?

Schon, aber da gibt es zwei Entwicklungen zu beobachten. Zum einen waren viele Hells Angels genervt von den Verboten, dass sie sich zum Beispiel nicht mehr treffen dürfen. Das gehört ja dazu, dass man zusammen Party oder im Rotlichtmilieu auch Geschäfte macht, dank der Kutte offen erkennbar. Das alles hat dann nicht mehr geklappt, weshalb sich die Rockerclubs aus der Öffentlichkeit zurückgezogen haben. Gleichzeitig sind aber verschiedene arabischstämmige Clans in diese Lücke gestossen und gehen auch immer gewalttätiger vor.

Bleiben wir bei den Hells Angels: Was sind das für Männer, die da beitreten?

Es sind alle möglichen Männer vertreten. Man spricht natürlich nur dann über diesen Club, wenn etwas Spektakuläres passiert ist. Aber nicht jeder Hells Angel muss ein Krimineller sein. Auch ganz normale Motorrad-Fans sind dabei, die Freude am Schrauben oder eine Harley-Davidson-Filiale haben. Es gibt ganz unterschiedliche Charter mit ganz unterschiedlichen Profilen. In Deutschland hat sich die Szene auch gewandelt: Früher war es ein ganz gemischter Verband, doch jene, die später dazukamen, wollten mit den Hells Angels auch ihr Geld verdienen ­– und dementsprechend haben sie die Charter geprägt. Man darf da also nicht pauschalisieren.

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Und wie wird man überhaupt Mitglied?

Man kann sich natürlich nicht einfach so bewerben. Aber das Milieu ist nicht allzu gross, die Leute kennen sich in den Städten untereinander. So bekommt man einen Fuss rein, muss aber zuerst noch eine Anwärterzeit absolvieren. Als sogenannter Prospect muss man sich bewähren und wird dann irgendwann als Vollmitglied aufgenommen. Das kann aber dauern.

Rockerbanden gingen in aller Regel nur aufeinander los, sagte der Gewaltforscher Dirk Baier kürzlich zu blue News. Hat man als Unbeteiligter also nichts zu befürchten?

Ja und nein. In Genf gab es vor Kurzem ja eine Schiesserei in einer Bar, das allein zeigt, dass auch normale Leute hineingezogen werden können. In Deutschland wurde auch auf feindliche Clubhäuser geschossen, die zum Teil in Wohngebieten standen. Die Gewalt bleibt in der Regel schon innerhalb der Szene, aber die Rocker tun nicht viel dafür, um eine Ausweitung zu verhindern. Ausserdem kann es sein, dass man mittels Schutzgelderpressung hineingezogen wird. Zum Beispiel, wenn man ein Tattoostudio, eine Bar oder einen Club betreibt und das Pech hat, dass sich im eigenen Quartier ein besonders aggressives Charter breitgemacht hat.

Hunter S. Thompson schreibt in seinem Buch über die Hells Angels, diese würden nach eigenen Gesetzen leben – bloss hätten Aussenstehende keine Ahnung von diesen Regeln und bekämen dann unverhofft Ärger, wenn sie dagegen verstossen. Stimmt das?

Die Recherche von Hunter S. Thompson ist Jahrzehnte her, seither hat sich vieles verändert. Die ersten Hells Angels waren zum Teil Vietnamkriegsveteranen. Heute sieht man dagegen eher Anabolika-Muskelberge aus dem Kampfsport- oder Bodybuilder-Milieu. Ich glaube, man kann diese Welten gar nicht mehr vergleichen.

Auslöser des Gerichtsprozesses in Bern war eine Massenschlägerei mit Dutzenden Beteiligten. Ist das der Normalfall oder das letzte Mittel, um Konflikte zu regeln?

Das ist durchaus ein Konfliktlöseschema in der Szene. Und meist treten solche Vorfälle eine eigentliche Gewaltspirale los. Es gibt ja den Spruch: «Hast du Ärger mit einem Hells Angel, hast du Ärger mit allen.» Die Clubs bezeichnen sich selbst auch als Bruderschaft. Die anderen Clubmitglieder sind verpflichtet, einem Bruder immer zur Seite zu stehen – und zwar auf beiden Seiten. Wenn sich jemand in seiner Ehre verletzt fühlt, gibt es Racheaktionen, und die Spirale dreht sich weiter.

Normalerweise seien die Motorradclubs auf Diskretion bedacht, sagte der Gewaltforscher Dirk Baier. Stimmen Sie zu?

Das kann wirklich nicht im Interesse der Clubs sein, dass sie so in die Öffentlichkeit gerückt sind. Ich verstehe darum auch nicht, wieso sie mit mehreren Hundert Mann vor dem Gerichtsgebäude in Bern aufmarschiert sind und einen spektakulären Polizeieinsatz provoziert haben. Strategisch wäre es klüger gewesen, das Ganze auf kleiner Flamme zu kochen. In Deutschland haben die Clubs auch zu solchen Machtdemonstrationen gegriffen, was aber wegen der erhöhten Aufmerksamkeit wie gesagt nach hinten losging.

Im Gerichtssaal dagegen haben die Rocker sich ausgeschwiegen. Ein typisches Verhalten für Outlaws?

Das ist gleich wie die Omertà bei der italienischen Mafia, da gilt eine Schweigepflicht. Dennoch wissen die Mitglieder immer, wer was gemacht hat – da spielt die Bruderschaft. Dennoch kommt es immer wieder mal vor, dass einer aussagt. In Berlin war das vor einigen Jahren im Zusammenhang mit einem Auftragsmord der Fall, was zu insgesamt acht Verurteilungen zu langen Haftstrafen geführt hat.

Kann man aus den Hells Angels auch wieder aussteigen?

Das ist ein Tabuthema. Es gibt solche, die rausgeworfen werden, wenn sie gegen die internen Regeln verstossen und zum Beispiel Geld unterschlagen. Man muss dann natürlich mit harten Konsequenzen rechnen. Es gibt aber auch Leute, die ganz normal ausgetreten sind. Das kommt ganz auf das Charter an und darauf, wie angesehen das jeweilige Mitglied war.

Sie haben ein Buch über die Hells Angels geschrieben. Hat Ihnen das Drohungen eingebrockt?

Nein, gar nicht. Es gab nur eine Beschwerde wegen des Buchcovers. Wir hatten für die erste Auflage den offiziellen Schriftzug der Hells Angels verwendet, doch dieser ist in der EU eine eingetragene Wortbildmarke. Das war aber nicht weiter schlimm, für die zweite Auflage haben wir dann einfach ein anderes Cover verwendet. Auch diese eingetragene Wortbildmarke belegt ja, dass es sich in der Hells-Angels-Welt weniger ums Motorradfahren dreht, sondern es zu einem knallharten Geschäftsmodell geworden ist.

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