Jetzt bekommen sie mehr Geld Schweizer Winzer in der Krise: «Die Lage ist dramatisch»

Stefan Michel

4.12.2025

Besonders die Produzenten der verbreitetsten Traubensorten wie Chasselas oder Pinot Noir stecken in der Krise.
Besonders die Produzenten der verbreitetsten Traubensorten wie Chasselas oder Pinot Noir stecken in der Krise.
Keystone / Bildmontage blue News

Schweizer Weinbaubetriebe leiden unter rückläufigem Alkoholkonsum und billigen Importen. Jetzt bitten sie den Bund um Hilfe. Dieser warnt vor den Folgen des Trinkens – zahlt aber trotzdem.

Stefan Michel

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Der Schweizer Weinbau steckt in der Krise.
  • Ein Grund dafür ist der seit Jahren sinkende Alkoholkonsum, ein anderer billige Weinimporte aus Nachbarländern.
  • Der Bund hilft mit verschiedenen Zuschüssen, fördert aber gleichzeitig Präventionskampagnen gegen Alkoholmissbrauch.

«Risiko eines Zusammenbruchs des Schweizer Weinbaus» steht heute im Sessionsprogramm des Ständerats – das Geschäft ist eine Interpellation von Pierre Yves Maillard, SP-Ständerat der Waadt. Übertrieben? «Nein», sagt Jürg Bachofner, Geschäftsführer des Branchenverbands Deutschweizer Wein, «die Lage vieler Produzenten ist wirklich dramatisch».

Im Gespräch mit blue News räumt er allerdings bald ein, dass es den Deutschweizer Weinbaubetrieben gut gehe. In der Krise seien die Westschweizer Produzent*innen, die «Hauptsorten wie Chasselas und Pinot Noir» anbauten. «Die Lager dieser Sorten füllen sich seit Jahren.»

Seit 2023 ist der Weinkonsum in der Schweiz um 7,9 Prozent gesunken. Vor 25 Jahren lag dieser noch 25 Prozent höher als heute. «Der Strukturwandel ist unvermeidlich», stellt Bachofner fest. Die Gastronomie spürt die sinkende Lust der Menschen auf Alkoholika ebenfalls, der auch ihr Geschäftsmodell gefährdet.

Weinimport setzt Schweizer Weinbau unter Druck

Doch bevor sie die Rebenflächen dem gesellschaftlichen Trend anpassen, rufen die Weinbauern via Ständerat Maillard den Bund um Hilfe. Kern des Problems ist laut seinem Vorstoss, der heute im Ständerat behandeltwurd, aber nicht die schwindende Trinkfreude, sondern die ausländische Konkurrenz. Diese überschwemme die Schweiz mit Wein zu Preisen, der die einheimische Produktion verdränge. Die Schweiz laufe Gefahr, Know-how und ein Kulturgut zu verlieren, wenn der Bund keine Stützmassnahmen zugunsten der bedrängten Weinbaubetriebe ergreife.

Bachofner doppelt nach: «Italien gibt pro Jahr rund 20 Millionen Euro aus, um italienischen Wein in der Schweiz zu bewerben.» Ein Blick in die Weinstatistik des Bundes zeigt allerdings, dass der Importanteil seit 1996 zwischen 59 und 66 Prozent pendelt – ohne klare Tendenz in die eine oder andere Richtung. Die Importmenge ist also nicht in den letzten Jahren siginifikant angestiegen.

«Italien gibt pro Jahr rund 20 Millionen Euro aus, um italienischen Wein in der Schweiz zu bewerben.»

Jürg Bachofner

Geschäftsführer Branchenverband Deutschweizer Wein

Da trifft es sich gut, dass die Eidgenossenschaft 300 Millionen Franken Überschüsse zu verteilen hat. Am zweiten Sessionstag hat der Ständerat den Schweizer Weinbauern und -bäuerinnen zusätzliche 10 Millionen Franken zugesprochen – zur Förderung des Strukturwandels, wie es im Protokoll des Ständerats heisst. Ständerat Jakob Stark (SVP/TG) betont in seiner Begründung des Vorentscheids der Kommission: «Es geht um Strukturverbesserungen, das ist ganz, ganz wichtig.»

9 Millionen jährlich kassieren die Weinbaubetriebe zudem bereits zur Absatzförderung. Die zuständige Kommission des Nationalrats lehnt diese Massnahme ab.

Eine weitere Möglichkeit, die Situation der Schweizer Weinbaubranche zu verbessern, sieht Bachofner in der verstärkten Exportförderung. Sinnvoll fände er, Hauptsorten wie Chasselas, Pinot Noir oder Müller Thurgau im Ausland zu vermarkten.

Er ist sich aber bewusst, dass da in ähnlichem Ausmass investiert werden müsste, wie das Italien bereits tut. «Es müssen gewaltige Summen investiert werden, damit man im Ausland Erfolg hat, denn auch dort gibt es genug Wein.»

Ist das BAG für den sinkenden Weinkonsum verantwortlich?

Der Bund gibt aber auch Geld aus, damit in der Schweiz weniger Wein getrunken wird. Das BAG warnt vor den Folgen des Alkoholmissbrauchs und weist darauf hin, dass 250'000 bis 300'000 Menschen süchtig danach seien, was jährlich zu 16'000 Todesfällen führe und der Allgemeinheit Kosten von 2,8 Milliarden Franken aufbürde. 

Jürg Bachofner macht das BAG nicht dafür verantwortlich, dass ein Teil der Weinbaubetriebe ihre Ernte nicht mehr absetzen könne. «Die Warnungen vor dem Alkoholkonsum haben eine gewisse Wirkung», meint er vorsichtig. Vor allem aber findet er es falsch, das Trinken von Wein mit dem Konsum von Alkohol gleichzusetzen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO betreibe in dieser Hinsicht Aktivismus, der wissenschaftlich nicht belegt sei. «Wir begegnen dem mit der positiven Botschaft, dass Wein moderat genossen eine Bereicherung des Lebens ist. Wein ist Kultur.»

«Genussmittel wie Wein, Bier und Spirituosen werden zunehmend stigmatisiert.»

Allianz «Gaudium Suisse – Genuss mit Haltung»

Mit der gleichen Argumentation, aber etwas schärfer kritisiert die frisch gegründete Vereinigung Gaudium Suisse das Warnen vor den Folgen des Alkohols. «Die WHO Europa propagiert mit ihrer Kampagne 'no safe level' eine immer restriktivere Alkoholpolitik. Genussmittel wie Wein, Bier und Spirituosen werden zunehmend stigmatisiert.» Gaudium Suisse wehrt sich gegen «diese pauschale Bevormundung und für die gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung des Genusses.»

Keller-Sutter kritisiert, Parmelin blickt nach Indien

Die Lobby-Organisation für den Alkoholgenuss verweist auf Vorstösse von Ständerat Benedikt Würth (Mitte/SG), der mit einer Motion einen «Marschhalt bei neuen Empfehlungen zum mässigen Alkoholkonsum» und mit einer Interpellation «Masshalten bei Gesundheitsempfehlungen der WHO» fordert. 

Den Kulturkampf führen also andere. Die Weinbauern haben fürs erste zusätzliche Mittel erhalten. Wobei in der Budget-Debatte auch Finanzministerin Keller-Sutter den Mahnfinger hob und meinte, es sei fraglich, was eine einmalige Zahlung bringe, wenn offensichtlich langfristig weniger getrunken werde. Sie befürchte bereits, dass es nicht bei diesem einmaligen Zustupf bleibe, sondern in einem Jahr gefordert werde, die Massnahme sei fortzuführen.

Bundesrat Parmelin zeigt in seiner schriftlichen Antwort auf die Interpellation Verständnis für die Situation der Weinbauern – bis 2015 war er selber einer, sein Bruder führt den Betrieb seither allein. Er anerkennt die Herausforderung des sinkenden Konsums und den billigen Importen. Auf die Importe Einfluss zu nehmen sieht der Landwirtschaftsminister nicht als erfolgversprechend. Eher sieht er Chancen im Export. Einige Waadtländer Winzer seien bereits nach Indien gereist, in der Hoffnung dort Abnehmer zu finden. Das Freihandelsabkommen mit Indien sei da ein Vorteil für die Schweiz. Zudem sei in Kanada US-amerikanischer Wein nicht mehr so beliebt wie früher. 

Klar ist für Parmelin, dass einige Betriebe kurzfristig finanziell gestützt werden müssen. Alles Weitere brauche mehr Zeit, der Bundesrat arbeite mit dem Bundesamt für Landwirtschaft und dem Seco an Lösungen.