Kilo-Kabis und Co.

Coop und Migros sollen auch nach der Krise abnormales Gemüse verkaufen

Von Jennifer Furer

17.4.2020

Einen über ein Kilo schweren Kabis im Coop kaufen? Grünen-Nationalrätin Meret Schneider fordert, dass Normgrössen für Früchte und Gemüse aufgehoben wird. Die Detailhändler zeigen sich nur teilweise bereit.

Gastronomiebetriebe bleiben in der Schweiz bis auf Weiteres geschlossen. Das hat der Bundesrat am Donnerstag verkündet. Die Einstellung des Restaurant-Betriebes ist Grund dafür, dass derzeit Rüebli, Kohlköpfe und Kartoffeln, die nicht den vom Detailhandel festgelegten Normgrössen entsprechen, trotzdem in den Läden landen.

Bisher boten Coop und Migros nur Früchte und Gemüse eines gewissen Kalibers an – Rüebli durften nicht mehr als 200 Gramm wiegen und Kohlköpfe nicht mehr als ein Kilogramm.

Seit der Schliessung von Restaurants und Kantinen am 17. März haben Detailhändler diese Normgrössen aufgehoben. Denn die grossen Früchte und das grosse Gemüse können nicht mehr in der Gastronomie verwertet werden und landen deshalb bei den Detailhändlern.

Grünen-Nationalrätin Meret Schneider, die seit Jahren gegen Foodwaste vorgeht, begrüsst dieses Vorgehen. «Dadurch fallen weniger Essensabfälle an», sagt sie. Schneider sagt, dass sie bereits mit der Migros und Coop wegen dieses Themas in Kontakt gestanden sei.

Foodwaste verhindern

«Sie haben mir noch vor wenigen Wochen gesagt, dass es aufgrund der Logistik nicht machbar sei, grosskalibrige Früchte und nicht der Norm entsprechendes Gemüse in ihren Läden zu verkaufen.» Die Detailhändler hätten auch gesagt, dass die Nachfrage danach nicht vorhanden sei und sich diese Früchte und dieses Gemüse nicht verkaufen liessen.

Zur Person

Meret Schneider ist seit letztem Herbst Nationalrätin. Sie sitzt in der Geschäftsleitung von Sentience Politics, im Vorstand der Grüne Kanton Zürich und engagiert sich gegen Foodwaste und Massentierhaltung.

«Das ist doch Unsinn: Wie man jetzt in den Läden sieht, lassen sich diese Früchte und dieses Gemüse ohne Probleme verkaufen.» Es könne nicht sein, dass täglich mehrere Ladungen mit zu grossen Früchten und zu grossem Gemüse abgelehnt werden, wie es laut Schneider bisher der Fall ist. «Gegen dieses Foodwaste muss etwas unternommen werden.»

Sowohl Migros als auch Coop sagen auf Anfrage von «Bluewin», dass sie bereits jetzt normabweichende Früchte und Gemüse verkaufen würden – allerdings nur in gewissen Bereichen des Früchte- und Gemüseangebots. Migros-Sprecher Patrick Stöpper schreibt schriftlich dazu: «Nicht erst seit der Corona-Krise verkauft die Migros auch normabweichende Früchte und Gemüse. Sie sind unter anderem im M-Budget-Sortiment oder bei speziellen Aktionen zu finden.»

Zudem sei die Migros schon seit jeher bereit, Normen vorübergehend anzupassen, wenn es die Umstände erfordern, beispielsweise aufgrund der Witterungsverhältnisse. «So haben wir in der Vergangenheit unter anderem Aprikosen oder Kernobst mit Hagelschäden verkauft», sagt Stöpper. Aktuell habe Migros bei Karotten, Salaten, Knoblauch sowie Bundzwiebeln Lockerungen bei den Produktanforderungen gewährt.

Nachfrage in Ausnahmesituation vorhanden

Auf die Frage, ob Migros auch nach der Krise zu grosse Früchte und zu grosses Gemüse anbietet, schreibt Stöpper: «Die Migros ist auch in Krisenzeiten ein verlässlicher Partner der Schweizer Landwirtschaft. Wenn es die Umstände erfordern, beispielsweise um die Warenverfügbarkeit sicherzustellen oder Food Waste aufgrund des fehlenden Gastronomie-Kanals zu verhindern, sind wir gerne bereit, Hand zu bieten.»

Die Erfahrung von Migros würde zeigen, dass in Ausnahmesituationen normabweichende Früchte und Gemüse von der Kundschaft breiter akzeptiert und gekauft würden. «Insbesondere dann, wenn dies begründet und kommunikativ den Kundinnen und Kunden mitgeteilt wird», so Stöpper.



Auch von Coop, die derzeit etwa übergrosse Karotten oder Weisskabis anbieten, gibt es keine klare Antwort, ob die Normaufweichungen auch nach der Krise übergreifend im Frucht- und Gemüseangebot gelten werden. Sprecherin Rebecca Veiga sagt, dass solche Produkte seit 2013 über die Eigenmarke Ünique verkauft würden. «Auch unter Prix Garantie bieten wir Früchte und Gemüse an, die nicht der branchenüblichen Norm entsprechen.»

Die Nachfrage nach Ünique-Produkten steige jedes Jahr, so Veiga. Im letzten Jahr habe Coop über 1'250'000 Kilogramm Ünique-Gemüse und -Früchte verkauft. Obwohl der Verkauf dieser normabweichenden Früchte und Gemüse laut Coop einen «vollen Erfolg» darstellt, zeichnet sich demnach keine Normaufweichung in der gesamten Früchte- und Gemüseabteilung ab.


Gemüseabo für krummes Gemüse

In der Schweiz gibt es viele Anbieter, die krummes und abnormales Gemüse vertreiben. Beispielsweise gibt es sogenannte Gemüse-Abos. Ein bis zwei Mal in der Woche wird dabei Obst und Gemüse nach Hause geliefert.

Meist stammt dieses von einem Biohof. Beispielsweise verwertet Bio Mio verwertet alles Gemüse, das genormte und ungenormte. Auch in Hofläden findet sich meist ungenormte Früchte und Gemüse. 


Grünen-Nationalrätin Meret Schneider reichen die Antworten von Coop und Migros nicht. Sie wird sich dafür einsetzen, dass die Detailhändler ihre jetzige Krisen-Praxis beibehalten – auch politisch. «Ich werde dieses Anliegen in den Nationalrat tragen und fordern, dass Detailhändler ihre Gemüse- und Früchtenormen aufweichen.»

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