Tierschützerin im Interview

Corona-Krise: «Anzahl ungewollter Katzen könnte explodieren»

Von Jennifer Furer

7.4.2020

Ohne Kastration verbreiten sich herrenlose Katzen in der Schweiz ungebremst. 
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Auch dem Tierschutz setzt die Corona-Krise zu. Esther Geisser von der Organisation NetAP spricht über das Leid von Katzen, die Situation der Stadttauben und über ausgesetzte Haustiere.

Esther Geisser engagiert sich seit Jahrzehnten für den Schutz der Tiere in der Schweiz. Eine Situation, wie sie derzeit herrscht, stellt selbst die erfahrene Tierschützerin vor grosse Herausforderungen.

Mit ihrer im Jahr 2008 gegründeten Organisation Network for Animal Protection NetAP kämpft sie derzeit gegen die ungebremste Ausbreitung unkastrierter Katzen und hilft herrenlosen und verwahrlosten Tieren wieder auf die Beine. Im Interview spricht sie über die derzeitigen Herausforderungen und die fehlende Hilfe des Bundes. 

Frau Geisser, wie sieht die Lage der Tiere in der Schweiz aus?

Es wird zwar immer wieder behauptet, dass Leute Tiere aussetzen, weil sie Angst vor einer Ansteckung haben. Wir können dies aber nicht bestätigen. Viel eher scheinen viele Tierhalter, die schon vor Corona wenig Geld zur Verfügung hatten, nun unter Existenzängsten zu leiden, zum Beispiel, weil sie arbeitslos geworden sind und sich nun nicht mehr um ihre Haustiere kümmern können. Doch der Platz in Tierheimen ist begrenzt und bereits jetzt haben viele einen Aufnahmestopp verhängt.

Was geschieht mit den Tieren?

Esther Geisser ist Gründerin und Präsidentin der Organisation Network for Animal Protection NetAP.

Sicher gibt es Tiere, die ausgesetzt werden, weil sich ihre Besitzer nicht mehr anders zu helfen wissen. Das Aussetzen bleibt aber auch in einer solchen Ausnahmesituation eine Straftat. Der Halter muss sich um eine andere Lösung bemühen, auch wenn das heisst, dass er zahlreiche Stellen um Hilfe bitten muss, bis er diese bekommt.

Ein Spezialgebiet ihrer Organisation NetAP ist die Kastration herrenloser und verwilderter Katzen. Wie sieht die Situation dort aus?

Wir sind nach wie vor täglich im Einsatz und fangen Katzen ein, um sie untersuchen, behandeln, impfen und kastrieren zu lassen. Leider nehmen viele Tierärzte zurzeit nur noch Notfälle an und Kastrationen zählen nicht dazu, sodass wir manchmal weit fahren müssen, um zu einer unserer Partnerpraxen zu gelangen, die uns auch jetzt zur Seite steht.

Helfen auch andere Organisationen mit?

Leider haben einige Tierschutzorganisationen ihr Engagement drastisch reduziert und kastrieren nicht mehr. Hatten wir schon letztes Jahr das Gefühl, dass das Katzenelend noch nie schlimmer war, befürchten wir, dass es dieses Jahr noch schlimmer werden wird, wenn in manchen Gegenden gar nicht mehr kastriert wird.

Warum?

Derzeit melden sich sehr viele Leute bei uns, die verwilderte Katzen kastrieren lassen möchten und bereits an anderen Stellen mit ihrer Anfrage abgeblitzt sind. Zudem stellen wir eine Zunahme von herumstreunenden unkastrierten Katzen fest. Werden diese Tiere nicht noch rechtzeitig kastriert, wird es zu einer Flut an unerwünschten Kitten kommen, für die niemand die Verantwortung übernehmen möchte.

Warum ist eine Kastration ein Notfall?

Wenn eine verwilderte oder herrenlose Katze unkastriert bleibt, vervielfacht sich das Elend mit jeder Geburt. Die Sterblichkeitsrate bei den Kitten ist gross.

Katzen müssen vor der Kastration eingefangen werden.
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An was sterben die Kleinen?

Der Katzennachwuchs leidet oft an Mangelernährung und an zahlreichen Krankheiten und muss dann wieder von Tierschützern aufgepäppelt werden, was sowohl zeitlich als auch finanziell viel mehr Ressourcen verschlingt, als dies die rechtzeitige Kastration der Mutter getan hätte. Ich mache mir grosse Sorgen, dass die Anzahl ungewollter Katzen in der Schweiz explodiert.

Was unternimmt Ihre Organisation dagegen?

Wir versuchen derzeit, noch so viele herrenlose Katzen wie irgendwie möglich zu kastrieren. Zudem platzieren wir hochschwangere Katzen, die nicht mehr kastriert werden können, in Tierheimen, damit sie in Sicherheit gebären und den Nachwuchs aufziehen können. Nur in den letzten fünf Tagen waren es zehn solcher Mütter. Nicht auszumalen, hätten diese Kätzinnen alle irgendwo draussen ihren Nachwuchs bekommen.

Malen wir’s aus: Wie würde das Elend aussehen?

Viele Jungtiere bekommen Katzenschnupfen, der unbehandelt zur Erblindung oder zum Tod der Tiere führen kann. Haben die Kitten in den ersten Lebenswochen keinen Kontakt zum Menschen, wird es zudem immer schwieriger, sie zu zähmen. Sie verwildern ebenfalls und sind so nicht mehr platzierbar. Werden es dann an manchen Orten zu viele Katzen sein, heisst es schnell einmal, die Katzen müssten verschwinden. Doch wohin mit all den verwilderten Tieren?

Ist das so schwierig, solche Tiere zu platzieren?

Sehr schwierig. Die Tiere kann man nicht einfach in einer Wohnung halten. Sie meiden den Kontakt zum Menschen, lassen sich nicht anfassen und manche gehen in Gefangenschaft die Wände hoch oder greifen in der vermeintlichen Not sogar an. Idealerweise finden wir Plätze auf Höfen, wo sie als durch uns kastrierte und geimpfte Mäusefänger den Landwirten willkommen sind. Aber die meisten Landwirte haben genug Katzen und wollen nicht noch zusätzliche.

Tierschützerin Esther Geisser engagiert sich seit Jahrzehnten im Tierschutz. Ihre Organisation NetAP ist in Esslingen im Kanton Zürich zu Hause.
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Katzen sind nicht die einzigen Tiere, die von der Corona-Krise betroffen sind. Welche Tiere trifft es noch?

Es leiden viele Tiere unter der Situation. Nebst den Haustieren auch Tiere wie die Stadttauben oder auch die sogenannten Nutztiere.

Tauben?

Stadttauben sind Nachfahren von gezüchteten Haus- und Brieftauben. An der Überpopulation ist der Mensch schuld. Man kann dies vergleichen mit der Problematik der Strassenhunde in Ost- und Südeuropa. Die Tiere sind auf die Fütterung durch die Menschen angewiesen. Da das Leben in den öffentlichen Räumen praktisch stillgelegt ist, verhungern Tauben derzeit reihenweise.

Und warum die Nutztiere?

Weil in Zeiten von Corona die wenigen Kontrollen, die einen gesetzeskonformen Umgang mit ihnen garantieren müssten, erst recht wegfallen. Schon vor Corona jagte ein Skandal den nächsten. Jetzt finden noch weniger oder keine Kontrollen mehr statt und das ohnehin grosse Leid dieser Tiere wird noch grösser werden.

Es wirkt, als ob die Baustellen im Tierbereich kaum zu bewältigen sind.

Wir sind tatsächlich enorm gefordert. Alle Freiwilligen, die wie ich jetzt noch im Einsatz sind, sind überarbeitet und müde. Es werden täglich mehr Fälle. Vielleicht sehen die Leute nun eher hin, weil sie mehr Zeit haben, als im normalen Alltag. Vielleicht ist es auch, weil es weniger Menschen gibt, die sich jetzt aktiv für Tierschutz einsetzen. Vielleicht gibt es auch mehr Not. Ich weiss es nicht. Ich weiss nur: Wir halten durch und machen weiter, solange es geht.

Sie sind ja nicht nur in der Schweiz aktiv.

Wir arbeiten mit verschiedenen Partnern im Ausland sehr eng zusammen, doch müssen wir jetzt in erster Linie schauen, dass wir hier in der Schweiz im Einsatz bleiben und den Tieren in Not beistehen können. Und doch bin ich täglich mit unseren Partnern im Ausland in Kontakt und versuche, wo und wann immer möglich, auch dort zu helfen. Ich mache mir grosse Sorgen über die Entwicklung in einzelnen Ländern.

Warum?

Nehmen wir Indien als Beispiel. Wir hatten am Golf von Bengalen in den letzten zehn Jahren ein umfassendes und sehr erfolgreiches Hundeschutzprogramm aufgebaut. Wir haben jedes Jahr Tausende von Hunden kastriert und gegen Tollwut geimpft und so die Tollwut, in einem Land mit der höchsten Tollwuttodesfallrate, erfolgreich zurückgedrängt, was viele Menschenleben rettet.

Esther Geisser kümmert sich auch im Ausland um herrenlose Tiere.
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Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Behörden?

Wir haben eine gute Zusammenarbeit mit den Behörden und haben erreicht, dass in der Grossstadt Visakhapatnam ein friedliches Zusammenleben zwischen Menschen und Hunden möglich ist, nicht zuletzt auch dank ausgeklügelten Fütterungsprogrammen, in die wir auch zahlreiche Restaurants und Ladenbesitzer eingebunden haben. Nun ist alles geschlossen, die Hunde bekommen nichts zu essen und hungrige Hunde werden irgendwann aggressiv. Hinzu kommt, dass die Aufklärung in solchen Ländern nicht so gut organisiert ist wie bei uns und den Leuten Gerüchte zu Ohren kamen, dass Tiere mit dem Coronavirus etwas zu tun haben sollen.

Was bewirkt das?

Das schürt die Angst und macht die Menschen gegenüber den Hunden auch aggressiv. Irgendwann eskaliert es, wenn hier nicht bald geholfen werden kann. Die Corona-Krise wirft uns in unseren Bemühungen weit zurück!

Wo setzten die Tierschützer nun an?

Wir haben Ausnahmebewilligungen erhalten für fünf Personen, um die Hunde zu füttern. Aber Visakhapatnam ist eine Millionenstadt mit unzähligen Rudeln. Es ist unmöglich, alle Hunde zu füttern mit fünf Leuten. Ausserdem reichen auch die finanziellen Mittel nicht aus. Wir versuchen, die Aufklärung zu verstärken, Ängste zu nehmen und die Leute zu motivieren, die Tiere vor der Haustüre zu füttern.

Wie sieht es in Europa aus?

Auch da spitzt sich die Lage für die Tiere zu. In Spanien und Italien wurde eine Ausgangssperre verhängt. Zwar dürfen Tierschützer füttern gehen, aber dafür braucht es auch die notwendigen finanziellen Mittel, die oft nicht vorhanden sind. Kastrieren darf man nicht mehr, was bedeutet, dass nun laufend Nachwuchs zur Welt kommt und die Streunerzahlen massiv ansteigen werden.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Auf der Insel Menorca zum Beispiel hatten wir durch unsere Kastrationseinsätze das Streunerleid gut unter Kontrolle gebracht. Jetzt aber sind wir zum Nichtstun verdammt, was uns mit Sicherheit einige Jahre zurückwerfen wird. Das Gleiche gilt für viele andere Regionen und Länder. In vielen Ländern ist der Tierschutz zudem vom Tourismus abhängig, weil die Touristen einen Grossteil der Spenden einbringen.

Wie hilft Ihre Organisation?

Im Moment können wir nur helfen, indem wir Nothilfe leisten, vor allem, um Futter zu kaufen und um Tiere in Not tierärztlich versorgen zu lassen. Tragisch ist aber auch die Situation der Tiere, die immer noch quer durch Europa gekarrt werden, um dann irgendwo in einem fernen Land geschlachtet zu werden. Mehr denn je besteht jetzt die Gefahr, dass Tiertransporte in Staus und an Grenzen stecken bleiben, Tiere nicht abgeladen und versorgt werden können und behördliche Unterstützung nicht zur Verfügung steht.

Freiwillige unterstützen Esther Geisser bei der Kastration von Katzen.
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Was wäre die Lösung?

Solche Transporte müssten jetzt untersagt werden. Gleichzeitig müsste es ein Zuchtverbot geben, um zu verhindern, dass Ställe überfüllt werden und die Landwirte nicht mehr wissen, wie sie unverkäufliche Tiere versorgen sollen.

Wie kann man euch unterstützen?

Um unsere Arbeit machen zu können, sind wir auf Spenden angewiesen. Seit der Corona-Krise sind uns diese eingebrochen. Je mehr finanzielle Mittel wir haben, desto mehr können wir helfen. Wer nicht spenden kann, kann unsere Aufrufe zum Beispiel über die sozialen Medien weiterverbreiten und uns so zu mehr Reichweite verhelfen.

Was kann jeder Einzelne sonst noch tun?

Jeder hat in seinem Umfeld Menschen, die Tiere halten. Darunter hat es sicher solche, die sich nun mit finanziellen Engpässen kämpfen. Wenn man solchen Menschen Hilfe anbietet, indem man zum Beispiel mal einen Sack Futter vor die Türe stellt oder einen dringend nötigen Tierarztbesuch finanziert, dann ist schon vielen geholfen.

Könnte ich den Tierschutzorganisationen nicht auch einfach anbieten, ein Tier bei mir aufzunehmen?

Sowohl wir als auch die Tierheime, mit denen wir zusammenarbeiten, verzeichnen einen starken Anstieg an Anfragen von Leuten, die jetzt eine Katze oder einen Hund haben wollen. Viele melden sich, weil sie aktuell im Homeoffice arbeiten und sie jetzt Zeit für ein Tier hätten. Aber es gibt eben auch eine Zeit nach Corona.

Das bedeutet?

Es ist davon auszugehen, dass viele Menschen die Entscheidung, jetzt ein Haustier zu halten, spontan treffen und ohne sich gross darüber Gedanken zu machen. Deswegen sind wir alle im Moment eher zurückhaltend, wenn es darum geht, Tiere zu vermitteln. Wir haben leider auch nicht die Zeit, all diese Anfragen im Detail zu prüfen, gerade weil wir mit all den Notfällen zu kämpfen haben.

Wenn Sie jemanden abweisen, der einen Platz anbietet: Wie fallen die Reaktionen aus?

Die meisten Leute reagieren verständnisvoll. Dann gibt es aber auch jene, die sehr wütend reagieren und mit Schimpfwörtern um sich werfen. Ich verstehe ja, wenn jemand enttäuscht reagiert, weil seine Hilfe nicht angenommen wird. Dennoch sollte man respektvoll miteinander umgehen, die Zeit ist für alle schon schwierig genug.

Macht der Bund derzeit genug im Bereich Tierschutz?

Ich kann keine Unterstützung des Bundes in Bezug auf Tierschutz erkennen. Der Tierschutz ist generell nicht auf der Prioritätenliste des Bundes und in Zeiten des Coronavirus erst recht nicht. Ich würde mir wünschen, dass Bundesbern sich offener für Tierschutzangelegenheiten zeigt und diese unterstützt.

Finanziell?

Nicht nur. Vor allem auch in Hinblick auf unsere Gesetzgebung und deren Vollzug. Und zu guter Letzt wäre jetzt die Gelegenheit, sowohl für die Politik als auch für die Behörden und die Gesellschaft, die Art und Weise zu überdenken, wie wir mit Tieren umgehen und wie unsere Tiernutzung aussieht. Das Coronavirus führt uns wie schon die Schweinegrippe, Sars, BSE und die Vogelgrippe vor Augen: Schlimme Viren kommen immer aus einer bedenklichen Tiernutzung.


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