Covid-positiv – und jetzt? 

Gil Bieler

28.10.2020 - 06:50

Menschen stehen in Basel Schlange, um sich auf das Coronavirus testen zu lassen.
Bild: Keystone/Georgios Kefalas

Das Coronavirus eingefangen – ausgerechnet in den Ferien! Welche Folgen dieser Befund für mich und mein Umfeld hat, und wie mein Vertrauen ins Contact Tracing strapaziert wurde: ein ganz persönlicher Bericht.

Das Unheil kündigt sich in der Nacht an. Ich erwache mit Schüttelfrost, am Morgen sind es 39 Grad Fieber. Auch wenn ich Ferien und keinen Bock darauf habe, bedeutet das: ab zum Covid-Test. Ich will schliesslich wissen, ob ich meine Mitmenschen anstecken könnte.

Also zu Fuss statt mit dem ÖV zum Kantonsspital Winterthur. Natürlich bin ich nicht der Einzige, muss Schlange stehen. Mir ist schwindlig, ich muss mich öfter hinknien. Nach einer halben Stunde bin ich dran. Beratung und Abstrich sind rasch erledigt, ich bekomme noch einen Infozettel mit auf den Heimweg. Bis zur Diagnose könne es 48 Stunden dauern, wird mir gesagt.

Es geht viel rascher. Schon am nächsten Morgen teilt mir das Spital via SMS den Befund mit: «POSITIV», in Grossbuchstaben. Ich solle warten, bis ich von der kantonalen Gesundheitsdirektion kontaktiert würde. Das Fieber ist bereits wieder weg, doch die Ferien sind damit futsch. Auch für meine Partnerin. Sie ist zum Glück bis heute symptomfrei geblieben, muss aber ebenfalls zehn Tage in Quarantäne ausharren. Mitgefangen, mitgehangen.

Das grosse Grübeln

Nach der Diagnose: Unglauben, Fluchen, dicke Luft zu Hause. Und mutmassen: Wo hab ich dieses verdammte Virus nur aufgelesen? Natürlich, wir hatten frei, da trifft man Freunde, gönnt sich auch mal etwas. Eine Pizza im Restaurant. Das erste Konzert seit Februar. Dieses fand in kleinem Rahmen statt, mit Maskenpflicht, Abstand, gestuhlt. Ein strenges Schutzkonzept – oder vielleicht doch nicht streng genug? Ich grüble, bekomme ein schlechtes Gewissen.

Mittags kommt ein SMS vom Contact Tracing des Kantons Zürich. Ich solle mich sofort in Selbstisolation begeben und all jene Personen informieren, mit denen ich 48 Stunden vor Auftritt der Symptome engen Kontakt hatte: Sie müssten sich vorsorglich in Quarantäne begeben. Zudem muss ich dem Contact Tracing eine E-Mail mit meinem Namen und der Nummer meines Falles schreiben. Und: Sollte ich einen Code für die SwissCovid-App wünschen, solle ich ein SMS schreiben. Ich mache all das unverzüglich.



Nachmittags werde ich ungeduldig und rufe die Contact-Tracing-Hotline an. Die Leitung ist oft besetzt. Ich versuche es weiter, ärgere mich nicht. Man weiss ja, dass das Contact Tracing in mehreren Kantonen bereits an seine Grenzen stösst. Als ich in die Warteschlange gelange, dauert es 40 Minuten, bis ich einen Berater dran habe. Schnell wird mir klar: Der arme Kerl pfeift aus dem letzten Loch.

Natürlich, die Tracer sind nicht zu beneiden. An jenem Tag, als ich mich testen liess, wurden allein im Kanton Zürich 988 weitere Personen positiv getestet, schweizweit waren es 5'595. Ich berichte hier also von einem Einzelfall, mehr nicht. Doch bei allem Verständnis: So wie dieses Gespräch sollte es nicht laufen.

«Ihre Lottozahlen sind ...»

Dem Berater schwirrt ganz klar der Kopf. Ich muss ihn korrigieren, weil er Daten zu Symptombeginn und Ähnlichem falsch aufnimmt. «Es sind soooo viele Fälle», stöhnt er offen. Als ich ihm vom Konzertbesuch erzähle, hakt er nicht nach. «Gab es ein Schutzkonzept? Dann ist ja gut.» Als ich ihn um einen Code für die Covid-App frage, kündigt er diesen flapsig mit den Worten an: «Uuund Ihre Lottozahlen sind …». Im Ernst?

So hangeln wir uns durch das Gespräch. Der Tracer nimmt die Daten jener Personen auf, die 48 Stunden vor meinem Fieber engen Kontakt zu mir hatten. Als es darum geht, den Beginn meiner Symptome festzulegen, entscheidet er sich für jene Variante, mit der weniger Leute in Quarantäne müssen. Als ginge es hier vor allem darum, so wenige heikle Kontakte wie möglich zu generieren.

Zu einem späteren Zeitpunkt würde ich vom Contact-Tracing-Team noch genauer befragt, sagt der Tracer. Dann verabschiedet er sich mit einem Seufzer, er brauche jetzt dringend eine Pause. Ich bin mir nicht sicher, wer hier wem Mut zusprechen sollte.

Was würde ein Coronaskeptiker denken?

Wie gesagt, das ist ein Einzelfall. Bei der kantonalen Gesundheitsdirektion mag man dazu auf Anfrage keine Stellung beziehen und verweist auf die angekündigte Aufstockung beim Contact Tracing. Für mich aber steht fest: Jemand, der die Pandemie weniger ernst nimmt als ich, würde durch ein solches Beratungsgespräch kaum ermutigt, sich an die Vorgaben zu halten. 

Meine Partnerin und ich tun das, auch wenn es mich ehrlich gesagt angurkt. Denn wir hatten Tickets für zwei Kulturveranstaltungen, die wir sausen lassen mussten. Das schmerzt, geht aber nicht anders. Immerhin hatte ich Glück: Das Fieber ist rasch abgeklungen, bald schon war ich wieder auf dem Damm. Geblieben sind nur leichte Erkältungssymptome.

Umfrage
Kennen Sie jemanden, der am Coronavirus erkrankt ist?

Dennoch: Ich werde mich in Zukunft zurückhalten mit sozialen Kontakten. Nicht, weil die Krankheit bei mir so heftig gewesen wäre oder weil der Bundesrat dazu aufruft, sondern ganz einfach wegen der Folgen, die ein positives Testergebnis für das Umfeld nach sich zieht. In meinem Fall musste sich am Ende nur eine Person testen lassen, und ihr Test fiel zum Glück negativ aus. 

Die weitaus bequemere Variante wäre, trotz Symptomen keinen Test zu machen. Keine Quarantäne, kein Problem – oder? Doch sind die Folgen solchen Handelns – das zeigt die Hochzeitsfeier in Schwellbrunn AR – schwer abzuschätzen. Und nur ein Zyniker nähme sie wohl auf die leichte Schulter. Fast 200 Neuansteckungen innert einer Woche gab es in Appenzell Ausserrhoden, viele davon dürften laut Behörden auf die Testverweigerer zurückgehen. Das gibt bestimmt gröbere Gewissensbisse.

Aber vor allem: Geht man so mit der Pandemie um, wird dieser Covid-Schlamassel nie aufhören. Und ich will ja, dass es aufhört. Ich habe darum auch den Code in die Covid-App eingetippt und das Konzertlokal meines Vertrauens auf eigene Faust benachrichtigt. Dort wurden keine weiteren Fälle gemeldet, hiess es. Ich bin erleichtert. Superspreader zu werden, müsste echt nicht sein. 

«Superspreader» – was Sie zum Thema wissen müssen

«Superspreader» – was Sie zum Thema wissen müssen

Ein Superspreader ist eine infizierte Person, die viele andere ansteckt. Oder doch nicht? Warum es nicht ganz so einfach ist, jetzt im «Bluewin»-Videoexplainer.

08.07.2020

Zurück zur Startseite