Stromnetz

Darum kapselt sich die Schweiz besser nicht von Europa ab

uri

23.1.2023

Hochspannungsleitungen bringen den Strom von den Wasserkraftwerken in den Alpen in das Flachland: Hochspannungsleitungen in der Linthebene.
Hochspannungsleitungen bringen den Strom von den Wasserkraftwerken in den Alpen in das Flachland: Hochspannungsleitungen in der Linthebene.
Archivbild: Keystone

In der Diskussion um Strommangel und Netzstabilität war auch schon von einem autarken Schweizer Netz die Rede. Die nationale Netzgesellschaft konnte simulieren, warum diese Idee grosse Probleme mit sich birgt.

uri

23.1.2023

Die Stromversorgung der Schweiz ist seit dem Abbruch der Verhandlungen mit der EU über ein institutionelles Rahmenabkommen im Mai 2021 ein dringliches Thema. Schliesslich ist es seither noch nicht wieder zu einem Stromabkommen mit der EU gekommen.

Ob die Stromversorgung der Schweiz womöglich stabiler sein könne, wenn man das eigene Stromsystem unter Umständen vom Rest Europas abtrenne, darüber hat sich schon im Jahr 2020 die SVP Gedanken gemacht. Sie forderte die Prüfung sogenannter Phasenschieber an den länderübergreifenden Leitungen des Hochspannungsnetzes, um «den Stromfluss in und aus dem Ausland zu steuern beziehungsweise begrenzen zu können».

Im vergangenen Oktober forderte der ehemalige Swissgrid-Manager Paul Niggli in der NZZ gar: Die «Schweiz sollte sich vom europäischen Netz abkoppeln, wenn ein Blackout droht.» Dafür müsse man allerdings «die 41 Leitungen abschalten, die ins Ausland führen», so der Ex-Chef des Krisenstabs der nationalen Netzgesellschaft.

Er zeigte sich im Bericht überzeugt davon, die Schweiz sei mit ihren grossen Speicherkraftwerken in den Bergen jederzeit in der Lage, den Eigenverbrauch zu decken.

Im Verbund ist ein Kraftwerkausfall kein Problem 

Die Angelegenheit scheint indes längst nicht so einfach zu sein, wie von Niggli dargestellt. Bei Swissgrid halte man von den «Ideen ihres früheren Mitarbeiters gar nichts», berichtet die NZZ anlässlich eines Besuchs im Simulationsraum am Swissgrid-Hauptsitz in Aarau Ende vergangener Woche.

Mit dem Simulator würden sich alle Störfälle und Notfallszenarien durchspielen lassen, um im Ernstfall rechtzeitig die besten Entscheidungen zu treffen, so die NZZ. Etwa auch, wenn es in der kalten Jahreszeit zum Ausfall des grössten Schweizer AKWs in Leibstadt komme.

In einem solchen Fall sei die Stromfrequenz die entscheidende Grösse. Mit dem Ausfall des Kernkraftwerks Leibstadt sinke diese im Versorgungssystem unter 50 Hertz. Das wiederum habe zur Folge, dass alle anderen Kraftwerke innerhalb weniger Sekunden die Leistung erhöhen müssten, um einen Blackout in Teilen der Schweiz zu verhindern.

Gemäss der Swissgrid-Simulation stelle das kein Problem dar, solange die Schweiz ans europäische Verbundsystem angeschlossen sei. Denn dann würden automatisch europaweit Kraftwerke einspringen. Die dafür benötigte Energie fliesse über die 41 Grenzleitungen in die Schweiz und stabilisiere die Netzfrequenz sofort.

Der SVP-Plan würde Jahre dauern

Für den Fall, dass die Schweiz sich indes abgeschottet habe, würde der Ausfall von Leibstadt unmittelbar zu einem starken Absinken der Frequenz führen. Swissgrid müsse in diesem Fall die Last von 20 Prozent der Stromverbraucher abwerfen, was wiederum nichts anderes bedeute, als dass in Teilen der Schweiz das Licht ausgehe.

Aufgrund der flexiblen Wasserkraftwerke sei der Fluss des Stromes zwar schon bald wieder gewährleistet. Bei längeren Problemen im AKW seien weitere Versorgungsprobleme aber nicht zu vermeiden, so die NZZ.

Laut Swissgrid sei die Schweiz selbst bei einer Mangellage durch den Verbund im europäischen Stromnetz also besser geschützt. In der kalten Jahreszeit sei man ohnehin auf Stromimporte aus dem Ausland angewiesen. Auch könne man so Stromengpässe in verschiedenen Ländern und Überlastungen vermeiden.

Unabhängig davon dürfte die Installation entsprechender Phasenschieber an der Landesgrenze laut Swissgrid nicht nur Jahre dauern, sondern insgesamt auch bis zu eine Milliarde Franken kosten.

Wahrscheinlich noch bedeutsamer wäre aber wohl das politische Zeichen, das man damit setzen würde. Würde die Schweiz signalisieren, dass sie sich vom europäischen Stromnetz abnabeln wolle, müsse sie wohl mit entsprechenden Gegenmassnahmen der Nachbarländer rechnen, vermutet die NZZ.