Wie löste sich die Kabine vom Seil? Das sagen Experten über mögliche Ursachen des Gondel-Unglücks

Stefan Michel

19.3.2026

Eine Gondel des Titlis Xpress, auf dem unteren Abschnitt. Der Unfall ereignete sich zwischen der Mittelstation Trüebsee und der Bergstation Stand.
Eine Gondel des Titlis Xpress, auf dem unteren Abschnitt. Der Unfall ereignete sich zwischen der Mittelstation Trüebsee und der Bergstation Stand.
Bild: KEYSTONE

Wie konnte sich die Seilbahn-Kabine in Engelberg vom Stahlseil lösen? Sichere Antworten gibt es noch keine. Experten rücken den Wind, die Konstruktion und eine Verkettung von Umständen ins Zentrum.

Stefan Michel

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Im Fokus des Unglücks steht die Seilklemme, die die Kabine am Förderseil hält. Dass das hochsicherheitsgeprüfte Bauteil defekt war, halten Experten für unwahrscheinlich.
  • Starker und zunehmender Wind spielt eine zentrale Rolle, insbesondere während die Angestellten bereits dabei waren, wegen der Bedingungen die Bahn kontrolliert zu räumen.
  • Eine unglückliche Kombination aus Windböe, Position der Gondel an einer Stütze und physikalischem Bremsweg könnte zum Unfall geführt haben, wobei menschliches Fehlverhalten ebenfalls nicht ausgeschlossen wird.

Wie konnte das bloss passieren? Diese Frage steht auch einen Tag nach dem Seilbahn-Unglück in Engelberg über allen. Hunderte Seilbahnen fahren in der Schweiz Menschen auf Berge und wieder hinunter. Schwere Unfälle sind in Relation zur Anzahl der Fahrten äusserst selten.

Die Seilklemme

In den Mittelpunkt gerückt, ist die Klemme, die die Kabine am Stahlseil festhält. Erst beim Verlassen der Station wird eine Gondel am Förderseil befestigt und bei der Ankunft an der gegenüberliegenden Station wieder von diesem abgekoppelt. «Das ist ein Bahnsystem, das weltweit zum Einsatz kommt, es müssen Tausende oder Zehntausende solcher Klemmen sein», sagte Norbert Patt, CEO der Titlis Bergbahnen an der Medienkonferenz nach dem Unfall.

Jedes Mal, wenn die Kabine in die Station einfährt, wechselt die Seilklemme auf eine Schiene und klemmt diese so ein, wie sie bei der nächsten Ausfahrt wieder das Förderseil fasst. Die Kraft, mit der sie das tut, wird jedes Mal automatisch gemessen. Ist sie zu klein, stoppt die Bahn. So erklärt ein Experte für Seilbahnbau und -prüfung den Vorgang. Er selber will nicht namentlich genannt werden. Er sei zu weit weg vom Ort des Unfalls. Wie Seilbahnen und deren Sicherheitssysteme funktionieren, weiss er aufgrund seines Berufs ganz genau. 

Ein Materialschaden an der Klemme schliesst der Fachmann bei einer Bahn dieses Jahrgangs aus. Der Titlis Xpress wurde 2014-2015 gebaut und ging 2016 in Betrieb. «Das sind Hochsicherheitsbauteile, die ab Einkauf geprüft werden müssen, das verlangen die europäischen Sicherheitsnormen», erklärt er. Seilklemmen würden auch laufend geprüft und gewartet. Wird an einem Element der Klemme ein Mangel entdeckt, wird es ersetzt. «Wenn Sie ein Auto regelmässig warten und Teile, die nicht mehr richtig funktionieren, ersetzen, können Sie 40 Jahre und länger sicher damit fahren.» So sei das auch bei Seilbahnen.

Der Wind

Der wichtigste äussere Faktor an diesem verhängnisvollen Vormittag ist der Wind. Inzwischen ist bekannt geworden, dass die Angestellten dabei waren, die Bahn wegen des Winds leerzufahren, wie es Experten nennen. Das bedeutet, sie liessen niemanden mehr einsteigen, der Titlis Xpress musste aber noch weiterfahren, bis alle bereits zugestiegenen Passagiere in der Bergstation aussteigen konnten. Während dieses Vorgangs passierte das Unglück.

Der «Tages-Anzeiger» hat die Winddaten einer Wetterstation des Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) beschafft. Dort zeigt sich, dass der Wind im Zeitraum des Unfalls von rund 70 km/h auf gegen 90 km/h zugenommen hatte. Wenig später erreichte er sein Maximum von 96 km/h.

Solche Windgeschwindigkeiten allein müssten für Kabinenbahnen kein Problem sein, sagt der Experte, mit dem blue News gesprochen hat. Es hänge aber auch von der Topografie ab, von der Gewichtsverteilung und weiteren Faktoren, wo das Windlimit einer einzelnen Bahn liege. 

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Und es besteht ein Restrisiko. Wenn eine Windböe eine Kabine genau in dem Moment erfasst, in dem sie einen Seilbahnmast passiert, kann es passieren, dass sie sich verhakt, während das Förderseil weiterläuft. Dies kann auch bei einer einwandfreien Seilklemme dazu führen, dass die Gondel schliesslich vom Förderseil gerissen wird.

Das ist in dem Fall besonders tragisch, wo die Bahn wegen des auffrischenden Winds bereits gestoppt wurde. Würde sie von ihrer Fahrgeschwindigkeit von 15 bis 20 km/h direkt auf null gestoppt, wäre das viel gefährlicher für die Menschen in den Kabinen. Alle Kabinen und das Seil würden zu stark zu schwingen beginnen, erklärt der anonyme Experte gegenüber blue News.

Deshalb bremst die Bahn zwar stark, das Seil und die Gondeln legen aber noch einige Meter zurück. Auch eine Umlauf-Seilbahn hat einen Bremsweg. Und dieser kann auf einen ungünstigen Bahnabschnitt zu liegen kommen: «Wenn eine Gondel an einer Stütze anhängt und dann noch zehn Meter weiterfährt, ist das natürlich eine Katastrophe.»

Er zieht den Vergleich zum Strassenverkehr: «Wenn jemand korrekt mit 50 km/h unterwegs ist, und zehn Meter vor ihm plötzlich ein anderer Autofahrer auf seine Fahrbahn hinausfährt, ist sein Bremsweg zu lang, um einen Unfall zu vermeiden. Das sind die physikalischen Grenzen.»

Faktor Mensch

Noch sind keine Untersuchungsresultate bekannt. Zuständig ist die Schweizerische Unfall-Untersuchungsstelle Sust, die die Ermittlungen führt. Kantonspolizei und Staatsanwaltschaft Nidwalden sind ebenfalls Untersuchungsbehörden. Jedes Unfallszenario ist zu diesem Zeitpunkt eine Mutmassung. 

Der Experte, mit dem blue News telefoniert hat, gibt zu bedenken, dass alle Seilbahn-Unfälle der letzten Jahre nicht wegen technischer Fehler passiert seien, sondern weil die Menschen entweder eine Situation falsch beurteilt oder die Bahn in der kritischen Situation falsch betrieben hätten.

Die Mutmassungen gehen auch dahin, dass die Verantwortlichen die Bahn früher hätten stoppen sollen. Ob sie aber tatsächlich einen Fehler gemacht haben, ob eine einzelne Böe eine Kettenreaktion ausgelöst hat oder ein anderes Zusammentreffen selten auftretender Ereignisse den Unfall verursacht hat, werden erst die Resultate der Sust zeigen.