CVP ohne «C» – für das Bistum Chur ist das tatsächlich nur «folgerichtig»

Anna Kappeler

10.1.2020 - 14:19

Die CVP will weg vom «C» – wie kommt das bei der Kirche an? Das Bistum Chur kritisiert im Interview, die Partei vertrete ohnehin keine christlichen Positionen mehr. Und es erklärt, warum Katholiken keine CVP bräuchten.

Ein einzelner Buchstabe sorgt bei der CVP für Aufregung. Die Christlichdemokratische Volkspartei will das «C» aus ihrem Namen streichen. Derzeit läuft bei der Partei eine Analyse, ob und wie weit sie sich von ihren katholischen Wurzeln lösen soll.

Es ist Parteipräsident Gerhard Pfister höchstpersönlich, der in dieser Frage jüngst eine Wende vollzogen hat und nun eine Diskussion um die Namensänderung lancierte. «Im Wahlkampf hatte ich viele Reaktionen von Leuten, die unsere konsens- und lösungsorientierte Politik zwar unterstützen, die aber auch sagten, sie könnten keine katholische Partei wählen», sagte Pfister in den «CH Media»-Zeitungen.

Neue Namen im Umlauf

Als neuer Name wird etwa «Die Mitte – CVP», «CVP – die Mitte» oder schlicht Demokratische Volkspartei diskutiert. Letzteren nannte auch CVP-Bundesrätin Viola Amherd in der «Schweiz am Wochenende» bereits. Unterstützung erhält die Parteispitze von vielen JCVPlern, die dem «C» ebenfalls nicht nachtrauern würden.

CVP-Bundesrätin Viola Amherd und Parteipräsident Gerhard Pfister unterhalten sich an einem Podium. Aktuell diskutiert die Partei, ob sie das «C» in Namen loswerden kann.
Bild: Keystone

Doch was sagt die katholische Kirche dazu, wenn sich ihr natürlicher Verbündeter in der Politik verabschieden will? Die Schweizer Bischofskonferenz erklärte dazu auf Anfrage von «Bluewin» lediglich, sie kommentiere das nicht. Das sei eine parteiintere Angelegenheit der CVP.

Doch dezidiert Stellung zu dieser Frage bezieht das Bistum Chur. Für Giuseppe Gracia, den Beauftragten des Apostolischen Administrators des Bistums Chur, braucht es keine CVP, damit Katholiken sich politisch einbringen können. Er spart nicht mit Kritik an der Partei.

Die Christlichdemokratische Volkspartei (CVP) möchte das «C» aus dem Namen verbannen. Mehr noch: Sie will das Katholische loswerden. Wie kommt das bei Ihnen als Vertretung der Katholiken an?

Die Kirche respektiert in politischen Fragen einen legitimen Pluralismus. Das politische Tagesgeschäft soll den einzelnen Gläubigen überlassen werden, Priester und Bischöfe hingegen sollen bei politischen Tagesgeschäften möglichst still sein. In der Schweiz sind alle anerkannten Parteien für Katholiken wählbar. Es braucht also keine CVP, damit Katholiken sich politisch einbringen können.

Die CVP will «christliche Werte» vertreten, doch explizit vom Image einer katholischen Partei wegkommen. Das kann Sie doch nicht freuen.

Die CVP vertritt schon länger keine christlichen Positionen mehr in entscheidenden Fragen, sei es Abtreibung, Sterbehilfe oder Ehe für alle. Es ist also folgerichtig, wenn das C wegkommt. Zu den «christlichen Werten» muss man sich wohl fragen, woher diese plötzlich doch noch auftauchen sollen, wenn die CVP in den genannten Grundfragen wertemässig im links-grünen Mainstream schwimmt.

Was ist das überhaupt, «christliche Werte»?

Christlich bedeutet zuerst einmal, dass wir an Gott glauben, der dem Menschen durch Jesus Christus ewiges Leben verheisst. «Christliche Werte» bedeutet dann, dass sich Christen in ihrem Alltag und in ihren politischen Entscheidungen gemäss der Würde verhalten, die sie als Geschöpfe Gottes haben.

Die Schweiz ist ein säkularer Staat, der christlich geprägt ist. Wie wichtig ist eine Vertretung der katholischen Anliegen in der Politik?

Sehr wichtig. Aber wie gesagt können sich Katholiken überall politisch einbringen, auf allen Ebenen. Dazu braucht es keine CVP.

Was verliert die Politik, wenn die Werte des Katholizismus fehlen?

Die fehlen nicht, wenn Christen überall, wo es wichtig ist, ihre Stimme einbringen. Jeder kann innerhalb des legitimen politischen Spektrums selber, im eigenen Namen, in eigener Verantwortung, handeln und vor seinem Gewissen entscheiden, wem er seine Stimme gibt.

Die katholische Kirche kämpft gegen Mitgliederschwund und Missbrauchsskandale. Jetzt will sogar die CVP ihr C loswerden. Was ist das Problem der katholischen Kirche?

Weltweit gesehen wächst die katholische Kirche jährlich um rund 14 Millionen Mitglieder. Nur in Westeuropa, besonders im deutschsprachigen Teil, schrumpft die Mitgliederzahl. Da jedoch in diesen Gebieten die Zahlen bei den Reformierten noch mehr schrumpfen, muss es überkonfessionelle, gesamtgesellschaftliche Gründe haben. Es hat wohl allgemein mit der Entchristlichung der Gesellschaft zu tun. Der Zeitgeist ist linksgrün-materialistisch. Dies spiegelt sich ja auch im Niedergang der CVP.

Wie meinen Sie das, der Zeitgeist ist linksgrün-materialistisch?

Das ist historisch gemeint. Man muss sich fragen, was der Mensch gemäss dem heutigen Zeitgeist ist. Er wird gesehen als Produkt seines materiellen, sozialen Umfelds. Und das ist linkes Gedankengut. Dieses geht davon aus, dass je besser die wirtschaftliche und kulturelle Situation ist, desto besser ist auch der Mensch. Aber nach dem christlichen Bild ist der Mensch noch mehr: Er ist auch Geist, Freiheit. Der Mensch hat einen freien Willen – und kann das Böse oder Gute wählen, egal wie sein Umfeld ihn haben oder erziehen will.

Wie kann denn die katholische Kirche wieder populärer werden und zurück zu den Leuten finden?

Wie gesagt: Die katholische Kirche wächst weltweit jährlich um etwa 14 Millionen Mitglieder, sie ist populär und nach wie vor die grösste christliche Glaubensgruppe.

Nun weichen Sie aus …

Die katholische Kirche muss selbstbewusst auftreten. Ein klares christliches Profil ist das Gebot der Stunde, wir dürfen nicht weichgespült sein.

Also wie die Freikirchen, die ja Zulauf haben – was machen die besser als die Katholiken?

Die stehen selbstbewusst zu ihrem christlichen Glauben. Das sollten die katholischen Bischöfe, Priester und Gläubigen hierzulande auch verstärkt tun. Ein klares christliches Profil ist immer anziehend. Wenn man stattdessen den gesellschaftlichen Mainstream nachahmen will, macht man sich überflüssig.

Bilder des Tages

Zurück zur Startseite