Der Krieg in Bosnien verschlug ihn in die Schweiz

Von Lia Pescatore

30.7.2021

«Mein Entscheid, Imam zu werden, war sehr spontan»

«Mein Entscheid, Imam zu werden, war sehr spontan»

Imame gelten als Schlüsselfiguren bei Radikalisierungsfragen. Selbst meist noch nicht lange in der Schweiz, sollen sie eine wichtige Rolle bei der Integration spielen. Wird ihr Einfluss in der Schweiz überschätzt? Ein Imam erzählt.

29.07.2021

Radikalisierung, aber auch Integration: Imamen kommt dabei eine wichtige Rolle zu. Doch wird ihr Einfluss über- oder unterschätzt? Ein Imam und Experten erzählen. Erster Teil der Serie zu muslimischen Geistlichen in der Schweiz.

Von Lia Pescatore

30.7.2021

Das Thema Radikalisierung ist etwas aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden, gleichwohl ist es nach wie vor aktuell: Gerade diesen Montag wurde ein ehemaliger Anführer der Winterthurer Islamistenszene zu 50 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Auch die Anzahl Nutzer einschlägiger Foren ist laut Nachrichtendienst des Bundes (NDB) bis im Juni im Vergleich zum vergangenen Jahr angestiegen.

Geht es um Radikalisierung und ihre Prävention, rücken häufig die Moscheen und deren Vorsteher in den Fokus: Imame gelten als Schlüsselfiguren, ob im negativen oder positiven Sinne. 

Doch wie nehmen Imame selber die Erwartungen der Allgemeinheit wahr? Um das herauszufinden, treffen wir Imam Sakib Halilovic, an seinem freien Nachmittag nimmt er sich Zeit für ein Gespräch. Vereinbart ist ein Treffen am Zürcher Hauptbahnhof, aus praktischen Gründen. Da das Wetter nicht mitspielt, sitzen wir spontan ins Café Federal. Halilovic bestellt sich einen Kaffee und eine Butterbrezel, er habe keine Zeit gehabt fürs Mittagessen, sagt er schmunzelnd. 

Den Kontakt mit den Medien scheut Halilovic nicht. Mit Freude berichtet er detailreich von seinem Leben. Seine Art, auch die tragischsten Wendungen mit einer Prise Humor zu erzählen, ist einladend.

Doch Halilovic wird sofort ernst, wenn es um das Thema Radikalisierung geht. Dann wählt er die Worte bedachter, der Schalk verschwindet aus den Augen und das Schmunzeln von den Lippen. Es falle ihm schwer, dass genau im Zusammenhang mit Radikalisierung der Fokus häufig auf den Imamen und Moscheen liege. 

Wird die Rolle der Imame überschätzt?

Geht es um Radikalisierung und Integration, wird den Imamen auch vom Bund eine Schlüsselrolle zugesprochen. So schreibt etwa das Staatssekretariat für Migration (SEM) auf Anfrage: «Imame spielen eine wichtige Rolle bei der Integrationsarbeit und Radikalisierungsprävention.»

Doch spielen die Imame wirklich eine solch zentrale Rolle? «Die Öffentlichkeit versteift sich häufig auf den Imam als Schlüsselfigur», sagt Hansjörg Schmid, Direktor des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft. Dabei würden in vielen Gemeinden auch andere Personen zentrale Aufgaben wie Jugendarbeit und Religionsunterricht übernehmen.

Auch Pascal Gemperli, Mediensprecher der Föderation Islamischer Dachorganisationen in der Schweiz (Fids), schätzt den Einfluss der Imame als «wahrscheinlich überschätzt» ein. Man höre zwar immer mal wieder von inakzeptablen Aussagen von Imamen, «aber, ob diese der ausschlaggebende Punkt für eine Radikalisierung sind, bezweifle ich in den meisten Fällen», sagt Gemperli.

Zu diesem Schluss kommen auch die letzten Studien, die auf Befragungen von Dschihad-Reisenden basieren. «Radikalisierung findet nicht primär in Moscheen, sondern in erster Linie über Kontakte zu Gleichaltrigen und übers Internet statt», schreiben Forscher der ZHAW im Jahr 2015. Keiner der 66 Befragten habe angegeben, dass sie massgeblich im Umfeld einer Moschee beeinflusst worden seien.

Seit dem Jahr 2016 haben die Fälle von Dschihad-Reisenden laut den Zahlen des NDB massiv abgenommen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass der sogenannte Islamische Staat, Haupttreiber hinter den Rekrutierungen, seither stark an Einfluss eingebüsst hat. 92 Personen sind insgesamt bis im Juni 2021 aus der Schweiz in den Dschihad gereist – das hält der NDB in seinem vierteljährlichen Bericht fest. Seit Februar 2019 hat sich die Zahl nicht verändert.

Zurück ins Café im Zürcher HB. Imam Halilovic ist überzeugt, dass Moscheen in sich präventiv gegen Radikalisierung wirken: «Alle unsere Aktivitäten sind auf die Prävention ausgerichtet, darum brauchen wir auch keine spezifischen Antiradikalisierungsprogramme.» Leute mit radikalen Tendenzen würden darum Moscheen meiden. «Ausnahmen wie Winterthur bestätigen die Regeln», sagt Halilovic.

Er selbst habe «Glück» gehabt, noch nie direkt mit einem Radikalisierungsfall konfrontiert worden zu sein, doch er kenne viele Kollegen, denen es anders ergangen ist. «Eine Radikalisierung tritt meist im Zusammenhang mit ungelösten Identitätsfragen auf», sagt Halilovic. Das könnten Konvertiten sein, die in der Religion einen Lebenssinn suchen, oder Jugendliche, die von der Gesellschaft keine Akzeptanz finden. 

Islam in Zahlen

Um die 400'000 Muslim*innen leben in der Schweiz, das sind rund 5,5 Prozent der hiesigen Bevölkerung. 35 Prozent der über 15-jährigen Muslim*innen sind Schweizer*innen.

Das Schweizerische Zentrum für Islam und Gesellschaft schätzt, dass rund 130 Imame in der Schweiz tätig sind. Ein Grossteil der Imame stammt laut Bundesamt für Migration aus der Türkei, weitere Herkunftsländer sind Kosovo, Bosnien-Herzegowina, Albanien, Nordmazedonien und Ägypten.

Moscheen gibt es rund 240 in der ganzen Schweiz, darunter vier mit einem Minarett. Seit einer Volksabstimmung 2009 ist der Neubau von Minaretten verboten.

Freitagsgebete in zwei Sprachen

Halilovic kommt wie so viele Imame aus dem Ausland. Auch dieser Faktor wird in der Schweiz häufig kritisiert, insbesondere, dass die Gebete nicht in einer Landessprache gehalten würden. «In den letzten 20 Jahren hat sich viel getan», betont Halilovic.

«Die hiesige Sprache nimmt immer mehr Einzug, gerade auch, weil die Jungen die Sprache der Eltern nicht mehr sprechen und sich lieber auf Schweizerdeutsch unterhalten», sagt Halilovic. 

Das könnten auch die grössten Verfechter von Heimatvereinen nicht aufhalten. Es sei ein Kompromiss zwischen den Generationen nötig. So werde zum Beispiel in vielen Moscheen das Freitagsgebet in zwei Sprachen gehalten.

Dadurch stehe die Moschee und ihre Aktivitäten auch für die allgemeine Bevölkerung offen – das ist Halilovic wichtig. «Es ist natürlich, dass die Leute ein Bedürfnis haben, mehr über den Islam und die Moscheen zu erfahren.» Er sehe es als seine Pflicht an, als Imam Öffentlichkeitsarbeit zu leisten.

Was macht einen Imam überhaupt aus

«Per einfachster Definition ist der Imam jemand, der das Gebet leitet», sagt Pascal Gemperli, Mediensprecher der Föderation Islamischer Dachorganisationen in der Schweiz (Fids). Auch eine Person, die am Abend für die Familie in der Stube das gemeinsame Gebet leite, sei grundsätzlich ein Imam.

In der Schweiz verstehe man den Imam aber häufig auch als Vorsteher einer Moschee.

Gemperli betont, dass der Job des Imams nicht einfach zu umreissen ist, teilweise übernehmen die Imame auch eine beratende Rolle, geben Kurse für Kinder und Erwachsene. «Der perfekte Imam für die Schweiz wäre eigentlich Psychologe, Mediator und Sozialarbeiter, Familientherapeut, der zusätzlich noch mit dem nötigen theologischen Rucksack ausgestattet ist. Aber das gibt es eigentlich nicht vereint in einer Person», sagt er.

Hansjörg Schmid vom Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft macht die Aufgaben des Imams an den Bedürfnissen der jeweiligen Gemeinde fest. «Während in der Türkei der Imam, plakativ ausgedrückt, einfach die Moschee auf- und zuschliesst und das Gebet abhält, übernimmt er in der Schweiz häufig auch soziale Aufgaben, je nach Pensum und Ressourcen.» Er stelle zudem fest, dass sich die Rolle des Imams der Rolle des christlichen Pfarrers angleiche.

Im Gespräch mit dem Imam Halilovic wird schnell klar, dass Imam-Sein mehr ist für ihn als seine Arbeit – eine «Mission» nennt er es selbst. «Als Imam ist man 24 Stunden am Tag im Einsatz und bereit, als Vorbeter, Prediger, als Berater und Brückenbauer», auch sein privates Leben stimme er darauf ab.

Zu dieser Berufung hat er durch eine sehr spontane Entscheidung gefunden. Bis zu jenem Tag in seiner Kindheit, als ihn der Imam des bosnischen Dorfes, in dem er aufwuchs, auf die Seite nahm, habe er nicht einmal mit dem Gedanken gespielt, eine religiöse Karriere einzuschlagen, erzählt er schmunzelnd. Doch genau dies schlug ihm der Imam vor. Halilovic war von der Idee sofort begeistert, erzählte es seinen Freunden und seiner Familie – einen Buben zur Ausbildung als Imam zu schicken, bedeutete damals eine Ehre für das ganze Dorf.

Die grosse Stadt rief

«Es war vor allem die Idee, in die grosse Stadt Sarajevo ziehen zu können, die mich faszinierte», sagt Halilovic. Einen grossen Schritt weg aus dem Dorf, das keine Telefonleitungen und nur wenige Buslinien pro Tag in die nächstgrössere Stadt besass.

Das Religionsstudium sei keine grosse Umstellung gewesen, Halilovic hat zuvor bereits acht Jahre lang Religionsunterricht besucht, das tägliche Gebet, das Fasten beim Ramadan war in seiner traditionellen Familie bereits Alltag. «Hätte ich die Entscheidung Jahre später nochmals fällen müssen, als ich verstand, was der Beruf Imam wirklich mit sich bringt, wäre sie mir wohl nicht mehr so einfach gefallen.»

«Ich musste in der Schweiz bleiben»

In die Schweiz kam er wegen eines Auslandspraktikums, und er blieb wegen des Bosnienkriegs.

«Ich musste zwangsläufig in der Schweiz bleiben», sagt Halilovic. Um gleich zu relativieren: «Das ist aber nicht per se etwas Schlechtes, sondern etwas sehr Schönes.» Er lacht. Immerhin gebe es Millionen von Menschen, die sich ein Leben in der Schweiz erträumen.

Zweimal hat er sich seither überlegt, nach Bosnien zurückzukehren. Das letzte Mal im Jahr 2016. Nach 25 Jahren war er bereit, den Job an den Nagel zu hängen und auch die Schweiz zu verlassen. «Ich war müde», sagt er. Doch wie so oft in seinem Leben entschied sich Halilovic spontan um: Es ergab sich die Möglichkeit, als Seelsorger in der Haftanstalt Pöschwies einzusteigen. Nie hätte er sich vorstellen können, in diese ihm zuvor so weit entfernte Welt einzutauchen.

«Das Leben ist halt voller Überraschungen», sagt Halilovic. Und schmunzelt.